Zwangsprostitution in Offenbach

Gegen den Willen zum Straßenstrich chauffiert

Offenbach - Weil sie glaubte, dass in Deutschland nicht nur ihr künftiger Ehemann, sondern auch eine Arbeitsstelle auf sie warten, ist eine zur Tatzeit 29-jährige Bulgarin im Jahr 2010 in Offenbach in die Fänge von Zuhältern geraten. Von Jenny Bieniek 

Gefasst sitzt das Opfer und Nebenklägerin Nesibe M. gestern im Sitzungssaal 111 neben ihrer Anwältin. Die schwarzen, schulterlangen Haare trägt die Frau mit den schmalen Augen und dem fülligen Gesicht offen. Als der Angeklagte Lyutfi R. in Handschellen in den Saal geführt wird, meidet sie jeden Blickkontakt.

Wegen des Verdachts der Beihilfe zum Menschenhandel zum Zwecke der Ausbeutung und der Zuhälterei steht R. gestern vor dem Offenbacher Amtsgericht. Als Mittäter soll der 49-jährige Bulgare, der inzwischen in den Niederlanden lebt und bereits neun Monate in Untersuchungshaft saß, die unter einem Vorwand nach Deutschland gelockte M. zwischen September und Oktober 2010 mehrmals von Offenbach aus zum Straßenstrich in die Nähe der Frankfurter Messe transportiert und ihre Einkünfte an ihre Zuhälter weitergegeben haben. Jede Nacht musste M. nach eigenen Aussagen bis zu vier Freier bedienen. Eine bulgarische Prostituierte namens Tanja, die jedoch nie identifiziert wurde, soll sie während ihrer Schichten überwacht haben. Zur Anklage kam es, weil dem Opfer schließlich die Flucht gelang.

Während der Verhandlung übersetzt eine Dolmetscherin für Richter Manfred Beck und seine Schöffen: Seit Jahren schon lebe er in Rotterdam, wo auch seine Ehefrau sowie die 4 und 19 Jahre alten Kinder lebten. Vor seiner Verhaftung und Auslieferung, zu der es aufgrund einer europaweiten Fahndung kam, habe er dort in der Baubranche gearbeitet. Auf die Frage von Richter Beck, ob R. selbstständig oder als Angestellter tätig gewesen sei, antwortet der Angeklagte: „Ich habe schwarz gearbeitet, so wie alle Bulgaren in der Baubranche.“

Gegen die Haupttäter, einen ehemaligen Offenbacher und einen Hanauer, wurde bereits vor dem Amtsgericht Darmstadt verhandelt. Ersterer hatte vorgegeben, die Geschädigte M. zu lieben und heiraten zu wollen, weshalb das Opfer im August 2010 nach Deutschland kam. In einer Wohnung in der Offenbacher Bahnhofstraße traf M. erstmals auf die Prostituierte Tanja und konsumierte mit ihr Alkohol und Drogen – vermutlich Kokain. Als M. schließlich erfuhr, dass sie anschaffen gehen sollte, und sich weigerte, schlug ihr Peiniger auf sie ein.

Später habe der Angeklagte M. im Auftrag der Zuhälter wiederholt zum Frankfurter Straßenstrich gefahren und sich so der Mittäterschaft schuldig gemacht. Weil seine Frau jedoch bald darauf die gemeinsame Tochter zur Welt brachte, habe er Deutschland schließlich verlassen, so der Angeklagte. Während der neunmonatigen U-Haft in Deutschland, so Beck, habe R. wegen mangelnder Sprachkenntnisse sehr isoliert gelebt. „Er hat keinen Besuch bekommen, keinen Briefkontakt gehabt, keine Telefonate geführt und von seiner Familie kein Geld erhalten.“ Weil R. keine Vorstrafen hat und ein Geständnis ablegte, fiel das Urteil vergleichsweise mild aus: Zwei Jahre auf Bewährung, dazu muss er der Geschädigten 1000 Euro zahlen. „In Rotterdam wollte er ein neues Leben anfangen, wurde aber von seiner Vergangenheit eingeholt“, so Richter Beck.

Rubriklistenbild: © dpa

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