Halb Hölle und halb Paradies

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Auf dem Trümmerfeld in der Kölner Severinstraße konnten die Archivare nichts ausrichten. Sie arbeiteten mit Schutzanzügen und Handschuhen in einer Industriehalle, in der die geborgenen Stücke getrocknet und für den Transport in Archive im Umland vorbereitet wurden. „An einem Tag habe ich 50 Kisten geschafft“, sagt die Offenbacher Stadtarchivarin Anjali Pujali, „das hatte schon was Maschinelles.“ Die Beteiligung an der Rettung vieler historischer Dokumente sei ein gutes Gefühl gewesen.

Offenbach/Köln - Anjali Pujari ist schon einige Wochen zurück aus ihrer Hölle. Und aus ihrem Paradies. Aber welcher Name einem, der nicht dabei war, diese so widersprüchliche Industriehalle in einem Kölner Stadtteil wirklich allumfassend erklären könnte, weiß Offenbachs Stadtarchivarin auch jetzt noch nicht. Von Marcus Reinsch

Deshalb nennt sie den Ort, an dem sie drei ermutigende und niederschmetternde, eiskalte und verschwitzte, wunderschöne und schreckliche Junitage verbracht hat, einfach so, wie ihn die Stadt Köln im Willkommensschreiben an sie und alle anderen Katastrophenhelfer genannt hat: „Erstversorgungszentrum“.

Ein Feuerwehrmann trägt an der Einsturzstelle des Historischen Stadtarchivs in der Severinstrasse aus den Truemmern geborgene Archivalien aus dem ehemaligen Stadtarchiv.

Es existiert, weil das Kölner Stadtarchiv nicht mehr existiert. Das Historische Archiv in der Severinstraße, seit seiner Eröffnung 1971 Prestige- und Neidobjekt und als „Kölner Modell“ Vorbild für viele Archivbauten, sackte am 3. März in den Untergrund. 30 Regalkilometer voller meist unersetzlicher Schriften, Bücher, Nachlässe, Urkunden, Dokumente - im Staub verschüttet oder vom Gewicht des Schutts selbst zu Staub zermahlen.
Archivare aus der ganzen Republik boten sich als Helfer an. Auch Anjali Pujari. Sie konnte kaum so schnell um Befreiung von ihrer Arbeit im Offenbacher Bernardbau fragen, wie Oberbürgermeister Horst Schneider der Dienstreise zustimmte.

Im Kölner Archiv hat es auch direkte Offenbacher Bezüge gegeben. Der Nachlass des Architekten Dominikus Böhm etwa wurde hier aufbewahrt, ebenso der des Komponisten Jacques Offenbach. Ob die Zeugnisse ihres Lebens vollständig gerettet sind, ist nicht bekannt. Hoffnung macht, dass die Feuerwehrleute mehr aus den Trümmern holten, als beim Anblick des Schlunds hatte erwartet werden dürfen. Aber manche Berühmtheit, deren Nachlass hier zuhause war, ist der Nachwelt beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs zum zweiten Mal verloren gegangen.

Pujari war, wie die meisten ihrer Kollegen, im „Erstversorgungszentrum“ eingesetzt. „Es gab drei Etagen, in denen die geborgenen Archivalien in blauen Kästen ankamen“, sagt sie. Im Schutt selbst hätten keine Archivare arbeiten können - nicht dafür ausgebildet, zu gefährlich. Und an der Severinstraße habe es nur eine Stelle für die schlimmsten, die „nicht transportfähigen Fälle“ gegeben. Quasi die Intensivstation. Aber wenn hunderte Tonnen Beton das Gedächtnis einer Stadt begraben, hat selbst „das Schlimmste“ viele Abstufungen.

Der Zustand entschied über die Etage. „Das frustrierendste Stockwerk bei uns in der Halle war das Erdgeschoss“, erinnert sich Pujari. „Da kamen nur noch Schnipsel und Fetzen an, meistens nass und oft verschimmelt. Die erste Etage beherbergte die von Restauratoren besetzte Notaufnahme für komplette oder in größeren Fragmenten erhaltene und verschimmelte Stücke.“

Und selbst auf der zweiten Ebene, wo die Offenbacher Archivarin zwei Frühschichten und eine Spätschicht damit verbrachte, Archivalien grob nach Epochen zu sortieren, zu entblättern und mit saugfähigem Zellstoff zu bedecken, wurden die über Nacht in Trockenkammern geparkten Rollwagen für manches Fundstück zur Leichenbahre. „Es war schlimm, das zu sehen. Vor allem die mittelalterlichen Stücke aus Pergament und mit wunderschönen alten roten Siegeln. Da hatte man nur noch Krümel. Das kann man vielleicht zusammenflicken, aber das Original bekommt man nicht wieder.

Pujari bekam Dokumente „quer durch alle Epochen der letzten 1000 Jahre“ in die Hand. „Da waren ganz viele handschriftliche Notenmanuskripte von Komponisten dabei. Paradiesisch schöne Dinge. Und es passierte auch, dass ich aus einer Kiste erst eine päpstliche Urkunde aus dem Mittelalter griff und dann eine Akte des Sozialamtes aus den 70er Jahren

Aber ob nun historische Lederwälzer mit Spuren direkter Treffer der stürzenden Steine oder Aktenordner mit verbogenen Metallklammern - für eine inhaltliche Sortierung und Bewertung war es zu früh. Die Vorgabe lautete: Retten, was zu retten ist.

Pujari rettete. Fiel jeden Abend todmüde ins Bett ihrer Unterkunft. Lernte. „Ich habe ziemlich viel über Bestandserhaltung erfahren“, sagt sie dankbar. Und eine wichtige Lektion der aus der Kölner Not geborenen Fortbildung hat sich auch schon als segensreich für den Offenbacher Archivalltag erwiesen. Nach einem Wasserschaden im Bernardbau wandte Pujari an, was die Kölner Historienbewahrer als erste Gegenmaßnahme vorgemacht haben: Plastikfolie drüber.

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