Wo Handkäs spanisch vorkommt

Offenbach - Die Pläne liegen vor für den Umbau des Wilhelmsplatzes. Unser Autor R. Braun beleuchtet den Wandel am Nabel der Stadt.

Es hat nichts Exotisches mehr, mitten im Vaterland der Bratwurst beim Kellner spanische Tapas zu ordern. Gastronomisch sind wir sehr weltläufig geworden, up to date sozusagen. Schier exotisch hingegen mutet das Angebot von „deutschen Tapas“ an. Auf den Teller kriegen kann man sie am Wilhelmsplatz, wo sich die gastronomische Vielfalt der Stadt in mediterranen Sommerbildern zu ballen scheint.

Als germanisierter Spanier tritt da beispielsweise der Hack-Handkäse mit Vollkorn-Croutons, Kresse, Zwiebeln und Radieschen auf. Das erscheint zwar eher hessisch als spanisch, beharrt jedoch unbeschwert auf einem Migranten-Hintergrund. Wenn an milden Abenden der Tag davonschleicht, lebt der Wilhelmsplatz auf in einem Kranz aus Terrassen-Gastronomie. Dann werden die Tagespflichten an der Garderobe abgegeben. Der Alltag legt den kleinen Gang ein. Unter freiem Himmel rufen sogar Raucher und Nichtraucher den Waffenstillstand aus.

Auf ihrer Piazza streckt eine Stadt die Beine aus. Aufgeregtheiten erträgt sie dort nur unwillig. Sie will nicht mehr schnaufen, sie will sich entspannt räkeln. In der Freiheit von Zwängen werden Gerüchte gezeugt und geboren. Bemüht um die Vervielfältigung wandern Ansichten über die Tische. Es floriert der Tausch von Witzen, Albernheiten und Liebesschwüren. Der Platz versorgt das Gemüt nicht weniger als die Zunge und den Magen.

Am Tag wird der Wilhelmsplatz genutzt, am Abend lässt er sich genießen. Denn am Tag hat er zu viele Funktionen. Als Parkfläche muss er herhalten, und dreimal in der Woche als Speisekammer der Stadt. Als Theke, über die Salatköpfe und Früchte wandern, Fisch und Würste, fetter und magerer Käse, weißes Brot und rote Rosen. Als Umschlagplatz für Geld und Ware.

Ein Treffpunkt für Grünzeug, Geld und Limousinen ist das im Tageslicht, betriebsam und geschäftig, ein pralles Leben auf alten Gräbern. Tief unterm Pflaster lagen sie bestattet: namenlos gewordene Vergessene aus dem frühen Leben der Stadt. Ihre Nachkommen gaben dem Platz einen Hohenzoller-Namen, und dem Kaiser zu Ehren setzten sie auf die Mitte eine Eiche. „Heil Dir im Siegerkranz“ schmetterte dazu die Regimentskapelle unter schwarzweißroten Fahnen.

Die Fahnen wechselten in schneller Folge. Nach der Kaiserhymne hat der Platz auch die „Internationale“ gehört. Für Marx und Lenin wurden dort Fäuste geballt, für Hitler die Arme gereckt. Auf dem Wilhelmsplatz verkauften Soldaten Suppe aus der Gulaschkanone zugunsten des braunen Winterhilfswerks. Der Luftschutzbund zeigte, wie man mit Sand Brandbomben löscht. Wie in unsichtbaren Schichten liegen die alten Bilder auf dem Pflaster. Es gibt darunter auch die heiteren. Karnevalisten haben über den Gräbern mit Hallau ihre Garden gemustert. Ein Weinfest vereinte Mäßige und Unmäßige in beschwingter Laune.

Es gibt Städte, in denen zeigen Rathaus, Markt und Kathedrale an, wo die Mitte ist. Auf dem Offenbacher Wilhelmsplatz kann man es nur erspüren: Hier liegt der Nabel der Stadt.

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