Das Handwerk wittert Chancen

Alois Schwab (rechts) ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft.

Als Folge der Atomkatastrophe in Japan werden hierzulande die Rufe nach einem Ausstieg aus der Nukleartechnologie immer lauter. Die Handwerkerschaft in Stadt und Kreis Offenbach rechnet nun mit dem verstärkten Aufbau von alternativen Energiequellen wie Photovoltaikanlagen.

„Es wird bei der Energieversorgung einen Trend weg von den großen Einheiten und hin zu individuellen Lösungen geben“, sagte Alois Schwab, seit Anfang des Jahres Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, im Interview mit unseren Redaktionsmitgliedern Frank Pröse und Marc Kuhn. „So ergeben sich riesige Marktchancen für das Handwerk“, fügte der ehemalige Rodgauer Bürgermeister hinzu. Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel ergänzte: „Unsere Innungen müssen die Betriebe für die Entwicklung sensibilisieren. “.

Wirkt sich die Atomkatastrophe in Japan auf die Region aus?

Schwab: Deutschland wird sich schrittweise von der Kernkraft verabschieden. Es wird bei der Energieversorgung einen Trend weg von den großen Einheiten und hin zu individuellen Lösungen geben. Zum Teil können Windkraftanlagen auf See die Versorgung übernehmen. Dafür muss aber noch die Infrastruktur aufgebaut werden. Es werden sicherlich verstärkt Blockheizkraftwerke gebaut. Immer mehr Menschen werden sich Photovoltaikanlagen auf die Dächer setzen. So ergeben sich riesige Marktchancen für das Handwerk. Die Nachfrage der Konsumenten muss bedient werden. Die Handwerker müssen darauf vorbereitet sein.

Kramwinkel: Das ist der Punkt. Unsere Innungen müssen die Betriebe für die Entwicklung sensibilisieren. Einige Innungen und Betriebe sind mit anderen Partnern in der Energiesparinitiative Offenbach engagiert. Im Wohnungsbau hat sich bei den energetischen Maßnahmen bisher schon eine Menge getan. Wenn die Fassaden gedämmt sowie neue Fenster und Heizungen eingebaut werden, profitiert das Handwerk. Das wird schon einen Schub geben. Die Entwicklung ist wichtig für uns. Im vergangenen Jahr und in den ersten Monaten 2010 haben die Konjunkturprogramme uns noch geholfen. Künftig können die Impulse, die durch das Umdenken in der Energiewirtschaft kommen, dem Handwerk helfen.

Schwab: Wenn es einen Nachfrageboom gibt, müssen die Handwerker zusammenarbeiten - auch über die Grenzen der einzelnen Gewerke hinaus. Sie müsse das jetzt vorbereiten. Die Kreishandwerkerschaft wird versuchen, solche Kooperationen zu unterstützen.

Wie steht das Handwerk in Offenbach da?

Schwab: Es gibt rund 6 000 Betriebe. Das sind 8,5 Prozent aller Handwerksfirmen in Hessen. Das ist eine Macht. Wir haben 20.000 Arbeitsplätze im Handwerk allein im Kreis Offenbach. Zusammen mit den Betrieben in der Stadt Offenbach werden rund 30 000 Arbeitsstellen angeboten. Die Zahl der Stellen und Ausbildungsplätze sind in der Finanz- und Wirtschaftskrise gehalten worden. 1 670 junge Menschen erlernen derzeit einen Handwerksberuf. Wir sehen aber auch die demografische Entwicklung. Damit die Chancen, die sich dem Handwerk bieten, auch realisiert werden können, müssen wir uns um den Nachwuchs kümmern. Wir müssen auch die Betriebe fit machen. Das ist eine unserer Aufgaben als Kreishandwerkerschaft.

Neue Besen kehren gut, sagt der Volksmund. Welche Ziele haben Sie sich gesetzt, Herr Schwab?

Schwab: Die Organisation zu stärken. Ich will der Handwerkerschaft ein Gesicht geben. Ich denke, es ist wichtig, dass ich für diese Aufgabe Erfahrungen aus verschiedenen Berufen einbringen kann. Ich will gemeinsam mit der Handwerkskammer und den Innungen die Betriebe so fit machen, dass sie den Anforderungen der Kunden gerecht werden können. Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen immer die Betriebe. Wir müssen aber auch auf die demografische Entwicklung achten, nicht nur, was die Nachfolgeregelungen in den Betrieben angeht, sondern auch mit Blick auf die Kunden. Ein Stichwort ist das barrierefreie Wohnen. Die Umbaumaßnahmen bieten dem Handwerk Chancen. Wir müssen den Betrieben helfen, sich am Markt noch besser zu platzieren.

Kramwinkel: Wir müssen die Handwerker für dieses Thema sensibilisieren. Sie müssen ihren Kunden schon beim Renovieren sagen: Denkt daran, dass ihr älter werdet. Es ist wichtig für die Firmen, bei diesem Thema gut aufgestellt zu sein.

Schwab: Nicht zu vernachlässigen ist der Punkt Qualifizierungder Mitarbeiter. Hier darf nicht gespart werden. Wir sagen den Betrieben: Bildet eure Mitarbeiter weiter.

Wie sehen die Perspektiven aus?

Schwab: Das Handwerk hat Zukunft. Die Zahlen sind besser als in den Boomjahren 2005/2006. Das Handwerk bietet jungen Menschen Perspektiven. Diese aufzuzeigen, ist unsere Aufgabe. Wir müssen ihnen beispielsweise zeigen, dass man sich selbstständig machen kann, viel leichter als in anderen Berufen. Als Handwerksmeister gibt es auch die Möglichkeit zu studieren, zum Beispiel auch Medizin. Ausbildung im Handwerk ist keine Sackgasse.

Finden die Handwerker in Stadt und Kreis denn genügend qualifizierte Bewerber für Ausbildungsplätze?

Kramwinkel: Nein. Im vergangenen Jahr hatten wir noch etwa 300 offene Stellen. Es wird schon schwieriger. Deshalb hat das Handwerk von Berlin aus die Nachwuchskampagne gestartet. Sie soll zeigen, dass das Handwerk anspruchsvoll ist. So soll ein breiteres Spektrum von Jugendlichen angesprochen werden. Auch bei den Eltern muss ein Umdenken einsetzen.

Oft hapert es auch an der Motivation, am Interesse der Jugendlichen. Es gibt auch immer mehr Abbrecher.

Gibt es in diesem Jahr beim Handwerk genügend Ausbildungsplätze für Jugendliche?

Schwab: Wie gesagt: Momentan haben wir 1 670 Lehrlinge. Im vergangenen Jahr wurden in Stadt und Kreis Offenbach 571 Ausbildungsverträge neu abgeschlossen.

Wie wirkt sich die Freizügigkeit für Arbeitskräfte in der EU ab Mai auf die Region aus?

Kramwinkel: Die größten Probleme erwarte ich für die Baufirmen. Die Freizügigkeit wird Unternehmen aus dem Osten die Grenzen öffnen. Bei Handwerkern, die für private Kunden arbeiten, sehe ich noch keine Probleme. Wir müssen aber gewappnet sein.

Schon jetzt haben wir Schwierigkeiten, wenn Aufträge an einen Generalunternehmer vergeben werden. Der arbeitet dann oft mit Subunternehmern,, die wiederum mit günstigen Firmen aus dem Osten arbeiten. Probleme treten auf, wenn es um die Gewährleistung geht. Oft kann der Kunde bei Beschwerden die Unternehmen dann nicht mehr ansprechen. Wichtig ist: Der Kunde hat eine Garantie, wenn er die Firma aus der Region beschäftigt.

Schwab: Bei Anfragen empfehlen wir nicht ein spezielles Unternehmen. Wir raten aber, einen Innungsbetrieb zu beauftragen und halten entsprechende Listen bereit. Kommt die Anfrage aus einer anderen Region, können wir bei entsprechendem Wunsch auch Innungsmitglieder aus anderen Orten des Kammerbezirkes nennen.

Und wo sonst drückt der Schuh?

Schwab: Wir haben immer mal wieder Probleme mit den Folgen der Aufhebung des Meisterzwangs. Bei Beschwerden stellt sich oft heraus, dass es sich um keinen Meisterbetrieb handelt, vielmals um handwerksähnliche Unternehmen. Bei diesen Unternehmen sind die Anforderungen heruntergeschraubt worden.

Hiesige Handwerker klagen oft darüber, dass sie schlechte Chancen haben, wenn Aufträge von der öffentlichen Hand vergeben werden.

Schwab: Durch die Konjunkturprogramme sind Grenzen für die freihändige Vergabe von Aufträgen oder beschränkte Ausschreibungen angehoben worden. In Hessen wird es wohl bei diesem höheren Niveau bleiben. Das heißt aber nicht, dass alle Kommunen dem folgen müssen. Wegen Korruptionsvorwürfen in einzelnen Kommunen in der Vergangenheit sind die Verantwortlichen sehr vorsichtig geworden. Ich plädiere für folgendes Vorgehen: Durch Ratsbeschlüsse, zumindest im Magistrat oder Gemeindevorstand, sollte festgelegt werden, dass die rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Mit diesen Beschlüssen gewinnen die Mitarbeiter in der Verwaltung die nötige Sicherheit bei Auftragsvergaben. Zusätzlich sollte eine statistische Auswertung zu den Vergaben erfolgen, über die auch die Öffentlichkeit regelmäßig informiert werden kann. So wird Transparenz geschaffen.

Das werde ich auch meinen früheren Kollegen in den Rathäusern vermitteln. Erste Gespräche habe ich schon geführt. Dann gehören Aussagen von Betrieben in Richtung öffentliche Auftraggeber, wie: „Wir haben keine Chance, die Aufträge werden außerhalb der Region vergeben“ hoffentlich der Vergangenheit an.

Immer wieder ist die Rede von Problemen bei Nachfolgeregelungen in den Betrieben.

Schwab: Damit müssen sich die Unternehmen rechtzeitig beschäftigen. Nicht alle tun das. Es wäre schön, wenn mehr junge Leute ihre Zukunft im Handwerk sehen würden.

Kramwinkel: Die Übergabe eines Betriebs ist keine Sache von ein oder zwei Jahren. So etwas muss mindestens fünf Jahre im Voraus geplant werden.

Ihr Verein Zusammen mit Bürgern hat bei der Kommunalwahl im Rodgau auf Anhieb gut abgeschnitten. Herr Schwab, zieht es Sie wieder in die Politik?

Schwab: Ich engagiere mich in meinem Wohnort ehrenamtlich, da ich meiner Heimatstadt gegenüber verbunden bleibe. Meine berufliche Aufgabe ist die Geschäftsführung der Kreishandwerkerschaft.

Treten Sie bei der Bürgermeisterwahl im Rodgau wieder an?

Schwab: Das beschäftigt mich derzeit überhaupt nicht.

Zurzeit nicht oder überhaupt nicht?

Schwab: Es beschäftigt mich nicht.

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