Es fehlen die Bewerber

Handwerker mit Nachwuchssorgen

Frankfurt - Der Trend zu höheren Schulabschlüssen verschärft nach Ansicht des Chefausbilders der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main die Nachwuchsprobleme des Handwerks.

„Das schiebt den Übergang in die Ausbildung immer weiter in die Zukunft“, sagte Bernd Sieber in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Selbst wenn sich Kinder für eine Ausbildung entscheiden wollten, lege man ihnen Steine in den Weg. „Dann kommen die Eltern ins Spiel und sagen: Wir machen jetzt mal Chancenoptimierung und du gehst noch ein bisschen zur Schule und machst Mittlere Reife, Fachhochschulreife oder Gymnasium“.

Ähnlich sieht es in Stadt und Kreis aus. „Das ist in Offenbach nicht anders“, sagte der Geschäftsstellenleiter der Handwerkskammer in Offenbach, Uwe Czupalla, unserer Zeitung. Häufig würden sich Eltern dafür einsetzen, dass die Jugendlichen weiter zur Schule gehen. „Das führt dazu, dass Bewerber fehlen.“ Es könnten bei weitem nicht alle Ausbildungsplätze im Handwerk in Offenbach besetzt werden. Die mehr als 6 500 Betriebe würden 1 540 Lehrstellen anbieten. Für etwa 20 Prozent fehlen Bewerber, wie Czupalla erklärte.

In Offenbach nicht anders

Erschreckend wenig Jugendliche beginnen direkt nach der Schule eine Ausbildung, sagte Sieber. Es drohe eine Übersättigung des Arbeitsmarktes mit Akademikern, während es dann an gut ausgebildeten Fachkräften mangele. Viele wüssten nicht, dass es im Handwerk die Perspektive gibt, sich selbstständig zu machen und damit sein Gehalt selbst zu bestimmen.

Sieber wehrte sich gegen Vorurteile, viele Schulabgänger seien heutzutage faul und auf eine Ausbildung schlecht vorbereitet. „Von dieser pauschalen Schelte von Jugendlichen halte ich überhaupt nichts.“ Im Bereich der EDV seien die Jugendlichen beispielsweise viel fitter als früher. Manchmal fehle es aber tatsächlich an grundlegende Fähigkeiten im Schreiben, Lesen und Rechnen. Außerdem höre er vielfach Klagen über die sozialen Fähigkeiten der Jugendlichen. „Das ist aber wohl auch der modernen Schulerziehung geschuldet, die weniger Gehorsam und mehr eigene Stimme fördert.“

Attraktivität der Ausbildung steigern

Sieber plädierte dafür, mehr Schulabgänger mit Hauptschulabschluss oder mittlerer Reife direkt in eine Ausbildung zu holen, statt sie für Jahre an die nächsthöhere Schulform oder Warteschleifen zu verlieren. Das könne sogar schaden: „Vielleicht sind sie danach sogar demotivierter, weil sie negative Erfahrungen gemacht haben.“ Dafür müsse aber der Bekanntheitsgrad und die Attraktivität der Ausbildung gesteigert werden. „Der breiten Bevölkerung sind nicht mehr als 15 von 340 anerkannten Ausbildungsberufen bekannt.“

Das Handwerk müsse sich künftig alle Optionen offen halten und in der Breite um Nachwuchs werben. „Anders wird es nicht gehen“, sagte Siebers. Im hessischen Handwerk seien sowohl Jugendliche aus europäischen Ländern willkommen wie auch umschulbereite Erwachsene und behinderte Jugendliche, erklärte er weiter. Selbst eine Ausbildung in Teilzeit sei denkbar - etwa für Alleinerziehende oder für Menschen, die Angehörige pflegen müssen.

dpa/ku

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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