Immer öfter kommen Firmen gar nicht

Handwerkermangel: Der allein gelassene Kunde

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Kunden, zu denen Handwerker rechtzeitig kommen und Aufträge abarbeiten, können sich mittlerweile glücklich schätzen.

Offenbach - Zehn Wochen müssen Kunden im Schnitt warten, ehe Handwerker einen Auftrag abarbeiten. Dieses Problem wird sich verschärfen. Wer kein Stammkunde ist, muss sich sogar darauf einstellen, dass sein Auftrag abgelehnt wird. Von Frank Pröse

„Morgen kommen die Handwerker!“ Versetzte die Ankündigung früher die Kundschaft in helle Aufregung, so trifft sie heute eher auf ungläubiges Kopfschütteln. Warum auch sollten die Experten in ihren Blaumännern morgen kommen, wo sie doch bisher zig Termine haben platzen lassen? Vor allem bei den Baugewerken lässt sich angesichts der wegen des Baubooms ausgelasteten Betriebe feststellen: Privatkunden mit vergleichsweise kleineren Anliegen müssen lange auf ihre Handwerker warten, wenn die denn überhaupt mal kommen. Vorlaufzeiten bis zu mehreren Monaten sind keine Seltenheit, weil nahezu alle Betriebe aufgrund guter Konjunktur an ihrer Kapazitätsgrenze arbeiten und zusätzlich mit immer längeren Lieferzeiten sowie Personalmangel zu kämpfen haben.

Agnes P. ist sauer – und ratlos. Sie hat nach dem Bau ihres Hauses mit dem Heizungsinstallateur einen Wartungsvertrag abgeschlossen. Jährlich soll er bei einer Anlage nach dem Rechten schauen, die er selbst eingebaut hat, denn sie weiß, bei Fremdinstallationen sind Handwerker etwas eigen. Die eigentlich vorausschauende Strategie ist jedoch vom Bauboom über den Haufen geworfen worden. Der Betrieb hat den Vertrag einseitig gekündigt. Es fehlten Mitarbeiter, heißt es zur Begründung. Agnes P. drängt sich vielmehr der Verdacht auf, dass Wartungsarbeiten bei massig Aufträgen für Neuinstallationen und von Stammkunden einfach nur lästig sind. Eine Lösung für ihr Problem hat Agnes P. nach anderthalb Jahren immer noch nicht gefunden. In direkter Umgebung sehen sich die Installateure wie erwartet außerstande, die Fremdinstallation zu betreuen. Letztlich hat ein Betrieb in Groß-Gerau zwar nicht abgesagt, vertröstet aber von Monat zu Monat. Das Problem: Wird die Anlage nicht regelmäßig und fachgerecht gewartet, gehen Gewährleistungsansprüche flöten. Da der Hersteller auch nicht helfen will oder kann, ist genau das eingetreten; die Garantie ist inzwischen futsch.

An diesem Beispiel lässt sich erkennen, dass die Empfehlung von Handwerkskammern, angesichts voller Auftragsbücher der Mitgliedsbetriebe mit mehr Vorlauf zu planen und Aufträge rechtzeitig in die Wege zu leiten, nicht unbedingt zielführend ist. Wolfgang Laber, Geschäftsführer der Offenbacher Innung für Sanitär und Heizungstechnik, erkennt in diesem speziellen Fall auch ein Versäumnis der Kundin. Sie hätte sich beim Einbau vergewissern müssen, dass die örtlichen Betriebe Erfahrung mit der ausgewählten Heizungsanlage haben; besser noch, den Auftrag gleich an eine Firma aus der Region vergeben sollen. Unabhängig von der konjunkturell guten Lage sei es schon immer so gewesen, dass Stammkunden bevorzugt bedient worden seien. Labers Rat: „Bauen sie eine Beziehung zu einem Hausinstallateur auf.“

Wie werde ich Maurer/in?

Wer kein Stammkunde ist, bekommt vor allem bei unvorhergesehenen Ereignissen Probleme. Was passiert, wenn die Toilette verstopft ist, der Wasserhahn unaufhörlich tropft oder die Heizung ausfällt? Viele Handwerksbetriebe, vor allem im Sanitär-Heizung-Klima-Bereich, hätten Mitarbeiter, die hauptsächlich Notfälle bearbeiteten, heißt es in einer Pressemitteilung der Handwerkskammern. Der Handwerksmeister werde in der Regel einen Weg finden, um bei Havarien schnell zu helfen. Der Geschäftsführer der Offenbacher Innung will das allerdings nicht bestätigen. Wer keinen Hausinstallateur habe, müsse eben die Innungsbetriebe abtelefonieren. Neukunden bräuchten dann schon etwas Glück, so Laber.

Regina S. hatte dieses Glück nach einem Wassereinbruch im Keller Anfang des Jahres. Nach erfolgter Erster Hilfe begann jedoch eine lange Leidenszeit für die alleinstehende Frau, die auch heute noch nicht beendet ist. War der Auftrag zur Beseitigung des Schadens einmal erteilt, ließ sich der Handwerksbetrieb nur noch sporadisch sehen. Immer mal wieder war Wasser im Keller, wochenlang wurde die Hausbesitzerin mit begonnenen, aber nicht fertig gestellten Abbruch- und Mauerarbeiten alleine gelassen. Termine waren offensichtlich nicht immer verbindlich. Auch deshalb ist nach sieben Monaten der Wasserschaden noch immer nicht endgültig behoben.

Ein Beispiel dafür, dass Handwerker ihre Aufträge kontinuierlich abarbeiten, wie es bei den Handwerkskammern gerne heißt, ist das nicht. Nicht wenige Betriebe haben sich offenbar bequem eingerichtet, haben es nicht mehr nötig, um jeden Auftrag zu kämpfen. Das merken plötzlich auch öffentliche Auftraggeber, bei denen auf ihre Ausschreibungen immer öfter gar keine Angebote eingehen. Abschreckend wirkt einmal der bürokratische Aufwand, da wird heute leichter Geld verdient. Außerdem lassen sich auf dem freien Markt andere Preise durchsetzen. Wer auf dem hohen Niveau in die öffentliche Ausschreibung geht, muss damit rechnen, dass das ganze Projekt gestoppt wird. Zuletzt geschehen beim Ausbau des Offenbacher Marktplatzes, der bei Planungskosten von 5,1 Millionen Euro plötzlich 8,5 Millionen Euro kosten sollte. Die Stadt Heusenstamm fand für den Umbau der Hohebergstraße erst gar keine Firma, die sich an der Ausschreibung beteiligte.

Die Auftragsbücher sind so voll, dass sich die Handwerker aussuchen können, welchen Auftrag sie zuerst und welche sie überhaupt annehmen. Manche Handwerksbetriebe geben sogar zu, dass sie bei kleineren Anfragen die Kosten ihrer Angebote so hoch ansetzen, dass sich die Kunden freiwillig nicht mehr melden. „Abwehrangebote“ nennen sie das. Falls ein Kunde trotzdem zusagt, hat es sich für den Handwerker wenigstens richtig gelohnt.

Nicht nur die Konjunktur wirbelt das Geschäft der Betriebe das eine oder andere Mal zulasten der Kunden durcheinander. Kreishandwerksmeister Wolfgang Kramwinkel: „Neben längeren Lieferzeiten ist der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel ebenso ursächlich für lange Wartezeiten.“ Besserung ist nicht in Sicht, wollen doch immer weniger junge Leute Handwerker werden. Und: gerade im Baubereich nimmt die Zahl der Betriebe kontinuierlich ab. Das Bundesarbeitsministerium geht davon aus, dass bis zum Jahr 2030 knapp 800.000 Arbeitskräfte in den Fertigungsberufen fehlen werden. Die Zahl der Installateure könnte bis dahin um 26 Prozent schrumpfen. Auch die Zahl der Meister wird sinken, voraussichtlich um rund 30 Prozent, so die Prognose.

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