Hang zum Vorzeigbaren

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Im Stadtpalais des Freiherrn von Büsing geben sich auch heute noch Brautpaare gern das Ja-Wort. Das repräsentative Umfeld jedenfalls ist gegeben.

Offenbach - Drei Tage lang, mit Feuerwerk und Musik, nahmen die Offenbacher vor 25 Jahren das wieder aufgebaute Büsingpalais in Besitz. Seit 1943 hatte die Kriegsruine als klaffende Wunde das Stadtbild gestört und die Offenbacher geärgert. Von Lothar R. Braun

Doch dieses „Bürgerschloss der Offenbacher“ könnte in diesem Jahr noch ein weiteres Jubiläum begehen. 110 Jahre sind vergangen, seit die Bauarbeiten eingeleitet wurden, die das alte Herrenhaus an der Herrnstraße in die neubarocke Form brachten, die wir kennen.

Erst diese Umgestaltung verband das Haus aus dem 18. Jahrhundert mit dem Namen des Freiherrn von Büsing, von dem man ansonsten in Offenbach nicht mehr viel wüsste. Denn als Offenbacher ist Büsing nur eine flüchtige Erscheinung. In Frankfurt wurde er 1860 geboren, im schweizerischen Locarno ist er 1948 als Staatsbürger des Fürstentums Liechtenstein gestorben. Nur seine Mutter verband ihn mit Offenbach. Sie entstammte der Familie d'Orville, die mit den Bernards in Offenbach eine Schnupftabakfabrik betrieb und mit den Bernards um 1780 das Herrenhaus an der Herrnstraße bauen ließ, als Wohnung für beide miteinander verschwägerten Familien und als Tabakfabrik.

Adolf Büsing war noch nicht geadelt, als er in den 1890er Jahren das Anwesen an der Herrnstraße von seiner Cousine Agathe Schenk erwarb, der Erbin des d'Orville-Vermögens. Der Mann hatte einen Hang zum Repräsentieren. 1901 kaufte er auch noch das bayerische Schloss Zinnenberg, was ihn zum königlich-bayerischen Kammerherrn erhob und den Freiherren-Titel einbrachte.

Mit der Aufwertung des in die Jahre gekommenen Offenbacher Hauses betraute er 1899 den in Offenbach aufgewachsenen Professor Wilhelm Manchot (1844-1912), einen Architekten mit internationalem Ansehen. Seit 1895 wirkte er als Lehrer am Städel in Frankfurt.

Von 1899 bis 1901 arbeitete Manchot an den Plänen für die Umgestaltung. Zunächst ließ er die Anbauten abreißen, in denen die Schnupftabak-Produktion betrieben wurde. Eine neue Fabrik entstand jenseits der Straße. Es ist das auch als „Bernard-Bau“ bekannte „Haus der Stadtgeschichte“.

Niedergelegt und neu erbaut wurden die Remisen an den Hofseiten und die beiden Pavillons an der Herrnstraße. In neuer Form nahmen die Pavillons, wie schon zuvor, die Wohnungen der Fabrikdirektoren auf. Die Seitenflügel am Hof baute Manchot nun mit Arkadengängen wieder auf. Sie werden heute samt der Direktorenpavillons von Klingspormuseum und Stadtbibliothek genutzt.

Der Seitenflügel, den heute das Klingspormuseum nutzt, nahm fünf Dienerwohnungen auf, immerhin mit Zentralheizung, Badezimmern, elektrischer Beleuchtung und Hausgärten an der Rückseite. Unsozial wird man den Freiherrn nicht nennen können. In dem Flügel, den die Stadtbibliothek nutzt, brachte Manchot eine hauseigene Stromerzeugung unter, dazu Pferdeställe und einen Waschraum.

Weitere Ställe und eine Remise mit Kutscherwohnung fügte der Architekt am Linsenberg an. Vor diesen Ställen und dem Wagenschuppen erlaubte ein Glasdach das trockene und saubere Anschirren auch bei schlechtem Wetter. Der zentrale Haupttrakt erhielt dabei mit Kuppeldach und Balkon sowie der von bronzenen Löwen gehüteten Gartenterrasse das uns heute noch vertraute Gesicht. Alles in allem war das ein hochmoderner Bau im barocken Gewand.

Bis in das Jahr 1907 zogen sich die Umbauten hin, weil das Haus unterdessen bewohnt blieb. Lediglich im Sommer, wenn die Freiherren Ferien machte, hatten Architekt und Bauleute völlig freie Hand.

Wir wissen nicht, was Adolf von Büsing bewog, sich schon nach kurzer Zeit von dem kostspielig zum Palais aufgewerteten Haus zu trennen. 1920 verkaufte er es an die Stadt und zog sich auf das bayerische Schloss zurück. Offenbach gewann auf diese Weise ein repräsentatives Rathaus, die Verwaltung konnte aus einem bescheidenen Haus an der Frankfurter Straße in ein Palais umziehen.

Viel Freude sollte jedoch auch die Stadt nicht daran haben. Nach einem schweren Bombenangriff am 20. Dezember 1943 stand nur noch eine Ruine auf dem Areal, das Bernard und d'Orville einst vom Fürsten Wolfgang Ernst II. gekauft hatten. Den Wiederaufbau gegen politische Widerstände konnte erst ein 1977 gegründeter Förderverein vorantreiben, der Bürger-Unmut und Spenden kanalisierte.

Seit 1984 werden dort wieder Brautpaare getraut, wie zwischen 1920 und 1943.

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