Statthaus an Geleitsstraße eingeweiht

Angst vor Demenz nehmen

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Blick von der Rückseite auf die aufwändig sanierte und umgebaute Westend-Villa: Auf der Terrasse und in der dahinterliegenden Cafeteria öffnet sich das Demenzzentrum für Betroffene, Angehörige und Nachbarn. In den beiden oberen Stockwerken leben neun Erkrankte in einer betreuten Wohngruppe.

Offenbach - Drei Jahre haben die Bauarbeiten gedauert. 3,5 Millionen Euro sind investiert worden. Gestern weihte die Hans-und-Ilse-Breuer-Stiftung an der Geleitsstraße 94 ihr Statthaus ein. Von Markus Terharn 

Erst tags zuvor war das neue Demenzzentrum vom Amt und vom Architekten abgenommen worden. Die Erleichterung nach der schwierigen Geburt war allen Beteiligten anzumerken. Sie schlug sich nieder in den Begrüßungen und Grußworten, in denen das häufigste Wort „danke“ war. Dank und Gruß galten zunächst den etwa 100 Gästen der Einweihung im Festzelt hinter der Westend-Villa. Namens des Bauherrn, der Hans-und-Ilse-Breuer-Stiftung aus Frankfurt, erwähnte Kuratoriumsvorsitzender Peter Breuer aber auch Stadt Offenbach und Land Hessen, die Zuschüsse gaben und mit Sozialminister Stefan Grüttner, OB Horst Schneider und Sozialdezernent Felix Schwenke vertreten waren, das Projektteam um Jutta Burgholte-Niemitz und Tanja Sand sowie die vielen Ehrenamtlichen.

Bezogen wurde das Haus bereits im November 2014. Unvorhergesehene Probleme mit der Altbausubstanz hatten die offizielle Eröffnung jedoch verzögert. Auf zwei der insgesamt fünf Etagen leben neun Menschen mit Demenz in einer mithilfe der Angehörigen selbstorganisierten, ambulant betreuten Wohngemeinschaft. Die Stiftung firmiert als Vermieter. Sie hatte die denkmalgeschützte Gründerzeitvilla, erbaut als Mädchenschule, später Polizeidienststelle und danach Domizil der städtischen Erziehungsberatung, von der Stadt erworben. Neben der Wohn-Pflege-Gruppe offeriert das Statthaus Beratung und Informationen für Betroffene und deren Angehörige. Hilfesuchende finden vielfältige Angebote von häuslicher Versorgung bis zur Tagespflege. Dazu zählen Aufbau und Begleitung von Gesprächsgruppen, Informationsseminare sowie Betreuungsangebote zur Entlastung pflegender Familienmitglieder.

Seit fünf Jahren beschäftigt sich der Stiftungsvorstand Roland Bergfeld intensiv mit dem Thema Demenz. Er habe gelernt, was für eine schwere Last die Erkrankung bedeute; aber auch, dass sich unglaublich viel lösen lasse. Sein Fazit: „Ich habe die Angst vor der Krankheit verloren!“ Zwei Fachvorträge von Kuratoriumsmitgliedern verdeutlichten die medizinische und die gesellschaftliche Dimension von Demenz. Der Molekularbiologe Professor Dr. Christian Haass erläuterte überraschend launig, was im Gehirn vor sich geht. Heilbar sei dies bislang nicht, doch es gebe Möglichkeiten der Vorbeugung – maßvoller Weingenuss, Sport und geistige Betätigung. Der Wissenschaftler der Uni München wusste auch über Forschungen an Impfstoffen zu berichten.

Von aktuell 1,5 Millionen Demenzkranken sprach der Epidemiologe Professor Dr. Wolfgang Hoffmann, eigens aus Greifswald angereist. In fünf Jahren seien es doppelt so viele. Die Häuslichkeit zu bewahren müsse das Ziel sein, zumal Heimunterbringung die teuerste Lösung sei. Eine gemeindenahe, quartiersbezogene Betreuung, wie sie das Statthaus praktiziere, sei da vorzuziehen. Sie wird wissenschaftlich begleitet. Es gibt bereits viel Interesse von Trägern, die ähnliche Einrichtungen planen. Das Statthaus gilt als größtes Projekt eines gemeinnützigen Trägers in der Region.

Gern nutzten die Gäste im Anschluss die Gelegenheit zu einem Rundgang durch den 850 Quadratmeter großen Garten und durch das Haus mit seinen 920 Quadratmetern Nutzfläche. Davon kann sich auch die Öffentlichkeit ein Bild machen: Am heutigen Samstag von 13 bis 17 Uhr stehen die Türen offen. Neben Führungen gibt es ab 15 Uhr Musik, Kaffee und Kuchen. Um 14 Uhr ist eine Führung zum Tag der Architektur angesetzt. Gleichzeitig eröffnet das Quartier-Café als eine offene Begegnungsstätte für Betroffene, Angehörige und Nachbarn. Geöffnet ist es montags und mittwochs von 14 bis 17, dienstags und donnerstags von 12 bis 17 Uhr.

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