Hart, aber verlockend

Offenbach - Letztes Jahr hat’s nicht geklappt, dieses Jahr wird was draus: Die Hessische Berufsakademie (BA) erweitert das akademische Angebot in Offenbach am nächsten Montag um einen berufsbegleitenden Ingenieur-Studiengang. Von Marcus Reinsch

22 Studenten haben sich für die Fachrichtung Maschinenbau eingeschrieben. Sie werden sieben Semester, also dreieinhalb Jahre für den Abschluss „Bachelor of Engineering“ brauchen. Und eine Menge Selbstdisziplin. Denn sie studieren ausschließlich dann, wenn andere Feierabend oder Freizeit haben. Die Vorlesungen und Praxiseinheiten laufen abends und samstags, der Rest der Freizeit wird fürs Lernen draufgehen.

Im vergangenen Jahr hatte die als Alternative zum klassischen Hochschulbetrieb zu verstehende Berufsakademie schon einmal einen Anlauf unternommen, hatte Raumkapazitäten freigeschaufelt, das nötige Gütesiegel besorgt, die Offerte verbreitet - um dann vergeblich auf ausreichend Anmeldungen zu warten.

Damaliges Modell sah keinen abendlichen Unterricht vor

Als Grund für die Zurückhaltung kristallisierte sich heraus: Es bestand zwar Interesse an der Qualifizierung zum Ingenieur, wie Projektleiterin Claudia Feickert aus vielen Gesprächen gefiltert hat. Doch das damalige Modell sah keinen abendlichen Unterricht vor, sondern verlangte de facto von Unternehmen, ihre Beschäftigten freitags komplett für deren Weiterbildung freistellen. Offensichtlich war das illusorisch, obwohl die hiesige ebenso wie die gesamtdeutsche Wirtschaft momentan händeringend Ingenieure sucht.

Die neue Unterrichtsplanung kollidiert nun nicht mehr mit den Arbeitszeiten der Studenten, die dafür allerdings neben dem kompletten Samstag zwei lange Abende pro Woche opfern müssen. Dazu sind zumindest die in der Maschinenbau-Sparte Eingeschriebenen breit; für die anderen vorbereiteten Spezialisierungen - Mechatronik und Elektrotechnik - gibt es auch in diesem Jahr nicht genug Anmeldungen.

Gratis gibt’s das nicht

Interessant: Das BA-Studium richtet sich nicht nur an mindestens mit dem Fachabitur ausgestattete Berufstätige, die ihre Karrierechancen parallel zum Job steigern wollen, und an (Fach)- Abiturienten, die neben der nun beginnenden gewerblich-technischen Ausbildung einen kleinen akademischen Titel im Kopf haben. Der Studiengang steht auch Technikern oder Meistern ohne Hochschulreife offen, die ihren Bachelor-Abschluss so quasi durch eine Seitentür erreichen können. Oberbürgermeister Horst Schneider würdigt das neue Studienangebot also als „große Chance für die Unternehmen in Offenbach und in der Region, Mitarbeiter akademisch weiterzubilden und qualifizierte Azubis zu finden, die parallel zur Lehre studieren“.

Gratis gibt’s das nicht. Alles in allem sind 13.500 steuerlich absetzbare Euro fällig, abzustottern in 48 Monatsraten. „Das liegt über den Studiengebühren staatlicher Hochschulen, so sie welche verlangen, und wir würden auch lieber darauf verzichten“, sagt Prof. Dr. Andreas Goldschmidt, der wissenschaftliche Studieleiter. Aber der Obolus diene ausschließlich der Kostendeckung; als gemeinnütziger Ableger einer Stiftung seien Gewinne auch nicht Ziel der BA. Finanzspritzen bekommt sie auch aus dem Europäischen Sozialfonds, etwa in Form einer halben Stelle, und vom Land; weitere Unterstützung erhält sie von der Stadt.

Vorlesungen im Studienzentrum am Klinikum

Ein eigenes Domizil hat die BA in Offenbach nicht. Die Vorlesungen werden im am Offenbacher Klinikum angesiedelten Studienzentrum und im Gründerzentrum Ostpol stattfinden, die Praxisteile mal an den Gewerblich-Technischen Schulen (GTS), mal bei der Langener Firma Pittler oder in den Labors weiterer kooperierender Einrichtungen. Und sollte sich das Maschinenbau-Angebot etablieren und doch noch um die Fachrichtungen Mechatronik und Elektrotechnik verbreitern lassen, wie es sich Mark Moser als Geschäftsleiter der Akademie wünscht, reicht OB Schneiders Phantasie immer noch für ein „Kompetenzzentrum Technik“ am heutigen Standort der dann vielleicht auf die Hafeninsel umgezogenen Hochschule für Gestaltung.

Nur zwei junge Frauen sind angemeldet

Aber erst mal der Premieren-Jahrgang. Bei 20 Studenten wird es ein berufsbegleitendes Studium, die anderen zwei beginnen ihre akademische Laufbahn schon parallel zur Ausbildung. Die Geschlechterverteilung ist eindeutig; nur zwei junge Frauen sind angemeldet. Dafür fallen die Finanzierungsmodelle umso variantenreicher aus. Für wenige Studenten zahlen ihre Arbeitgeber, andere müssen für einen Teil oder alles selbst aufkommen. Und einige haben ihrem Chef gar nichts vom Nebenbei-Studium gesagt. Das werden sie sich wohl aufsparen, bis sie ihm als frisch gebackene Ingenieure mit einem besseren Angebot in der Tasche die Kündigung überreichen.

Rubriklistenbild: © dpa

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