Corona-Pandemie

Nach Kita-Schließung in Offenbach: Eltern kritisieren Vorgehen der Stadt

Mit diesem Schreiben hat die Stadt die Eltern über das Betretungsverbot informiert.
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Mit diesem Schreiben hat die Stadt die Eltern über das Betretungsverbot informiert.

Offenbach stellt aufgrund der Corona-Lage den Kita-Regelbetrieb ein. Es hagelt Kritik. Eltern wenden sich mit einem offenen Brief an die Stadt – und zweifeln an den Zahlen.

Offenbach - Die Nachricht sorgte hessenweit für Aufsehen: Von Montag (12.04.2021) an bis voraussichtlich Ende April stellt Offenbach den Kita-Regelbetrieb ein, lediglich eine Notbetreuung wird angeboten. Als Grund nennt die Stadt das Infektionsgeschehen. Kinder würden sich gerade mit der britischen Virus-Mutation leichter untereinander anstecken und das Virus in die Familien tragen.

Die Konsequenz, deshalb die Kitas zu schließen und ein Betretungsverbot zu erlassen, stößt erwartungsgemäß auf heftigen Widerstand und Kritik. In Leserzuschriften wird die angekündigte Schließung als „Aktionismus“ verurteilt, Eltern mehrerer Kitas haben sich in einem offenen Brief an die Stadt gewandt und protestieren gegen das Betretungsverbot.

„Das Infektionsgeschehen muss genau beobachtet werden und in den betroffenen Einrichtungen reagiert werden. (...) Daher fragen wir Sie: Warum werden offenbach-weit die Kitas geschlossen, statt gezielt auf die Infektionen in den betroffenen Kitas zu reagieren, hier eine Nachverfolgung der Fälle zu betreiben und gezielte Eindämmung zu unternehmen?“, heißt es etwa in dem Schreiben. Und weiter: „Wie viele Unternehmen schließen Sie vorsorglich, während Sie Kitas für drei Wochen vorsorglich schließen lassen? (...) Kitas sind keine ,Aufbewahrungsorte‘ für Kinder, die man je nach Situation auf- und zuschließt.“ Statt Schließungen empfehlen die Eltern mehr Tests und nur dort Schließungen, wo die Lage diese rechtfertige.

Corona: Kita-Schließungen in Offenbach: Eltern wenden sich mit offenem Brief an die Stadt

Zu den Unterzeichnern des offenen Briefs gehört auch die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Vera Heselhaus. Diese hatte bereits im vergangenen April, zu Beginn der Corona-Pandemie, eine Online-Petition zur Öffnung der Kitas gestartet. Ihre jetzige Argumentation gegen eine Schließung ähnelt der vom vergangenen Jahr, der Ausfall der Betreuung habe schwerwiegende Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. „Aus meiner persönlichen, aber auch fachlichen Sicht, sind Kita-Betretungsverbote – insbesondere, wenn sie nicht durch eine mindestens ausreichende psychosoziale Versorgung aufgefangen und ausgeglichen werden – zum aktuellen Zeitpunkt nicht mehr akzeptabel“, schreibt Heselhaus.

Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Heike Habermann kritisiert die Stadt für das Betretungsverbot. Dieses sei „hervorragend geeignet, Panik und Angst bei den Familien zu erzeugen, die auf eine Betreuung ihrer Kinder angewiesen sind“, schreibt sie. Familien und insbesondere Eltern, die keine anderen Betreuungsmöglichkeiten hätten, würden damit übermäßig hart getroffen. Wie die Unterzeichner des offenen Briefes beklagt auch Habermann, dass Kinder durch die Einschränkung ihrer Sozialkontakte in ihrer Entwicklung beeinträchtigt würden.

Corona: Stadt Offenbach nach Kita-Schließung in der Kritik – Zweifel an den vorgelegten Corona-Zahlen

Zugleich kritisiert die SPD-Politikerin die von der Stadt in Aussicht gestellte Notbetreuung als zu bürokratisch: Eltern, die einer von 32 ausgewählten Berufsgruppen angehören, haben Anrecht auf eine Notbetreuung, doch ist dafür die Bescheinigung des jeweiligen Arbeitgebers notwendig. „Man muss nicht besonders misstrauisch sein, um zu unterstellen, dass man möglichst viele Eltern davon abhalten will, im April ihre Kinder in eine Kita zu schicken. Im Zweifel werden diese bürokratischen Hürden in Kombination mit den Ängsten der Eltern dafür sorgen, dass viele verzichten, obwohl sie nicht wissen, wie sie ihren Alltag noch bewältigen sollen“, schreibt Habermann.

Gemeinsam ist allen Kritikern der Schließung, dass sie Zweifel an den von der Stadt vorgelegten Zahlen haben: So fragt etwa Habermann, woher die Stadt wissen wolle, wo sich die 27 Kinder angesteckt haben wollen, auch Leser Marcus Schmidt fragt, woher diese Zahlen stammen, schließlich würden sie sich nicht in den städtischen Corona-Statistiken finden. Diese verzeichnen nämlich deutlich weniger in Kitas infizierte Kinder.

Nach Kita-Schließungen in Offenbach: Stadt reagiert auf Zweifel an den Corona-Zahlen

„Die in der Allgemeinverfügung genannte Zahl der 27 Kinder, die sich in Kitas infiziert haben, stimmt – die Zahl wurde auch auf erneute Nachfrage des Verwaltungsstabes beim Gesundheitsamt bestätigt“, betont Stadtsprecher Fabian El Cheikh auf Nachfrage unserer Zeitung. Allerdings könne es noch einige Zeit dauern, bis die Zahl auch in den veröffentlichten Statistiken auftauche: Das Gesundheitsamt veröffentliche einmal in der Woche nach den vorliegenden Meldungen über Corona-Fälle Statistiken und Grafiken zum Infektionsgeschehen. Allerdings könnten Änderungen nicht sofort eingetragen werden – und zu Änderungen komme es häufig, etwa, wenn es sich herausstellt, dass in ein Offenbach gemeldeter Corona-Fall eigentlich dem Kreis zuzuordnen wäre oder umgekehrt. Oder wenn ein bereits durch einen Schnelltest gemeldeter Infizierter noch einmal ins System eingepflegt werde, da nun eine PCR-Testmeldung an das Gesundheitsamt erfolgt sei.

„Wir wollen die Corona-Entwicklung transparent machen, aber wir können die Zahlen nicht tagesaktuell aufbereiten“, sagt El Cheikh. Das Gesundheitsamt arbeite bereits am Limit. Daher gebe es eine Verzögerung bei der Änderung der veröffentlichten Statistiken. (Frank Sommer)

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