Die Mischung macht‘s

Hassia-Fabrik hat sich zu Kreativzentrum entwickelt

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Verwinkelte Idylle im hinteren Teil der Hassia.

Offenbach - Werbeagenturen, Architekten, Kampfsportschule, ein städtisches Amt, ein Fetisch-Club, eine Ballettschule: Mehr als 30 Mieter beherbergt die Hassia-Fabrik. In dem verschachtelten historischen Gemäuer ist ein Mix entstanden, der auch die Kreativität belegt, auf die Offenbach so stolz ist. Von Matthias Dahmer

Christian-Pleß-Straße 11-13. Auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches. Insgesamt 15 Wohnungen hinter langgezogener neo-klassizistischer Fassade in einem Teil der Stadt, der schon bessere Tage gesehen hat. Gegenüber wächst auf dem alten MAN-Gelände ein Stück neues Offenbach, dessen Name zumindest schon mal steht: Senefelderquartier. Wer durchs Tor der einstigen Schuhfabrik an der Parkschranke vorbei in den Innenhof geht, ist zunächst überfordert: Mehrere Eingänge, jeder bestückt mit dezenten Firmenschildern, weisen den Weg. Dorthin, wo gedacht, gearbeitet, geschwitzt, gelacht, gefeiert, genehmigt – aber auch gestöhnt und freiwillig gelitten wird.

Der Mann, der das alles irgendwie zusammengebracht hat, der dafür sorgt, dass die bemerkenswerte Mischungfunktioniert, heißt Thomas Messer. 48 Jahre alt, Turnschuhe, Jeans, Bomberjacke mit Fellkapuze, Zehn-Tage-Bart. Und Investor. Keine gelackte Fassade, keine fette Uhr, keine Anglizismen in den einfachen Sätzen. Man muss wohl aus Schmitten im Hochtaunus kommen, um sich eine solche Bodenständigkeit in der an Selbstdarstellern nicht armen Investorenszene zu bewahren.

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Einen zweistelligen Millionenbetrag habe er in die Hassia-Fabrik gesteckt, verrät Messer. Seit 2012 ist er Eigentümer. Bereits 2010 hat er ein Hochhaus am Büsingpark erworben und behutsam saniert. Weitere Objekte besitzt er unter anderem in Frankfurt und Langen. Auch in Offenbach sei er weiter auf der Suche, sagt er. Wir sitzen in der von jedermann buchbaren Eventhalle im nördlichen Teil des Gebäude-Ensembles. Erster Stock, 600 Quadratmeter, zwei Bars, Discokugel, nackte Säulen, große Fenster, in der Ecke gestapelte Tische, ein noch nicht abgeschmückter Weihnachtsbaum. Mindestens 80 und mehr Partygästen könnte es dort gemütlich werden.

Wie viele Firmen ihren Sitz in der Hassia haben? „Gute Frage“, meint Messer, zückt das Handy und ruft in seinem Büro an. Um die 50 Gewerbeeinheiten sind vermietet, kann er kurz darauf verkünden. Teilweise haben Unternehmen aber mehrere Flächen gemietet. Messer bestätigt, was man auch bei der städtischen Wirtschaftsförderung immer betont: „Offenbach ist ein kreatives Pflaster für Unternehmer.“ Und seine Immobilie, das mache sie so interessant, biete Büroflächen „mit Ecken und Kanten“, keinen langweiligen Einheitsbrei.

Ein Eigentümer, der so gar nicht dem üblichen Bild eines millionenschweren Investors entspricht. Thomas Messer, der hier an der Theke der für jedermann buchbaren Eventhalle steht, hat die Hassia-Fabrik 2012 gekauft.

Knapp 11.000 Quadratmeter Gewerbefläche hat das mitunter als Drehort für Filme genutzte einstige Fabrikgebäude. Die Fluktuation, betont Messer, ist gering, derzeit stehen nur 700 Quadratmeter leer. Wie sieht der Wunschmieter aus? „Kreativ, solvent, anspruchslos“ scherzt der Herr über die Hassia, um sogleich wieder aufs Geschäft zu kommen: „Ein Restaurant oder eine Bar wären nicht schlecht.“ Eine Etage höher machen zwei von Messers Mitarbeitern gerade Mittagspause. Ihr derzeitiger Job: Umbau der Flächen für ein Kampfsportstudio. „Da kommt die Umkleide für die Herren hin, dort für die Damen“, deutet Thomas Messer auf eine Seite der Halle. 20 Mitarbeiter zählt Messers Unternehmen. Fünf bis sieben von ihnen, schätzt er, sind praktisch ständig in der Hassia-Fabrik tätig. Man befinde sich immer noch in der „Investitionsphase“.

Plötzlich schlagen wummernde Techno-Bässe bis in die Magengrube. Obendrüber, im äußerst angesagten Edel-Etablissement, das dafür sorgt, dass die Hassia über einen der verkehrsreichsten Hinterhöfe Offenbachs verfügt, steigt offenbar eine Party. Das geht selbst dem ziemlich entspannten Vermieter zu weit: Eine Kurznachricht über Mobiltelefon in die Erotik-Etage, und nach zwei Minuten ist von der Musik nichts mehr zu hören.

Investor Messer engagiert sich indes nicht nur für seine Immobilie. Er sitzt auch im vor Kurzem geschaffenen Beirat fürs Senefelderquartier. Wichtig ist ihm nicht nur, dass Neues im Viertel entsteht, sondern dass man auch daran denkt, es zu erhalten. „Offenbach braucht mehr Sicherheit und Sauberkeit“, ist der Mann aus dem Taunus überzeugt.

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Weiter geht es zu Haus 9. Der Innenhof hat sich längst zu einem Gässchen verengt, die Backsteinbauten sind gelb angestrichen, teilweise haben Messers Leute das alte Kopfsteinpflaster freigelegt. Dort, in dieser relativen Abgeschiedenheit, fast wäre sie Idylle zu nennen, hier könnten kreative Ideen reifen.

Der Eindruck täuscht nicht. Am Ende der Stahltreppe wartet Alexander Coelius. Der Chef von Cosalux, einer digitalen Markenagentur mit 15 Beschäftigten, arbeitet mit seinem Team seit sieben Jahren auf 600 Quadratmetern im kreativen Hotspot Hassia. Da sei es nicht so „glatt“ wie auf der Hanauer Landstraße, sagt der gebürtige Frankfurter. Den Standort ehemalige Schuhfabrik nennt er schlicht „inspirierend.“ Ausschlaggebend für seine Treue zu Offenbach dürfte aber etwas anderes sein: „In Frankfurt zahle ich 20 Euro pro Quadratmeter, hier sind es unter zehn“, sagt Coelius. Messer präzisiert: „Die Basismiete beträgt 7,50 Euro, es geht hoch bis 11 Euro.“ Mieter und Vermieter sitzen beim Espresso an der Küchentheke, plaudern, die Stimmung ist freundschaftlich locker, das „Du“ selbstverständlich. So etwas gibt’s nicht oft. In der Hassia wohl schon.

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