Modernisierung am Hauptbahnhof: Zug ist abgefahren

Offenbach - „Nehmen Sie sich mal einen Koffer und versuchen Sie, auf Bahnsteig 2 zu gelangen.“ Sigrid Isser braucht nicht viel Vorstellungskraft – die Vorsitzende der Seniorenhilfe weiß, wie schwierig es ist, am Offenbacher Hauptbahnhof den Zug zu bekommen. Von Fabian El Cheikh

Rolltreppen oder Fahrstuhl gibt es nicht, Rampen führen nicht zu jedem Gleis. „Das ist ein Problem nicht nur für mich, sondern für jede Frau, für jeden Papa und jede Mama mit einem Kleinkind, geschweige denn für Menschen älterer Generationen.“ Egal ob mit oder ohne Gepäck.

Als Sigrid Isser im vergangenen Herbst die Nachricht aus dem Wiesbadener Verkehrsministerium vernahm, dass die hessischen Bahnhöfe modernisiert und barrierefrei werden sollen, hatte sie noch Grund zur Freude. Bei aller Skepsis: „Da wird doch wohl nicht der Offenbacher Hauptbahnhof vergessen“, schränkte sie ihren Optimismus vorausahnend ein. Ihre vorsichtige Zuversicht verflog indes schnell. „Offenbach ist nicht im Programm“, heißt es auf Anfrage unserer Zeitung seitens der Deutschen Bahn lapidar. Schon wieder nicht.

Keine Rampen für Offenbach

Bis zum Jahr 2019 sollen an 93 Bahnhöfen Rampen, Zuwege und Fahrstühle in Schuss gebracht werden, um sie barrierefrei zu machen. 93 Bahnhöfe in ganz Hessen, darunter Babenhausen, Cölbe bei Marburg – der Ort zählt gerade mal 3700 Einwohner –, Bickenbach an der Bergstraße (5500 Einwohner) und Wabern (7400). Nicht aber Offenbach. Die Größe spielt eine Rolle? Wohl kaum, denn auch der Hauptbahnhof Kassel fällt in das 200 Millionen Euro schwere Programm.

Medienwirksam verkündete FDP-Verkehrsminister Dieter Posch am Limburger Bahnhof die Rahmenvereinbarung zwischen der Bahn, dem Land und den Verkehrsverbänden in Hessen. „Wir wollen in Hessen moderne Bahnhöfe haben“, ließ er sich zitieren. Offensichtlich nicht in Offenbach. Posch sprach von einer Rekordsumme: Noch nie sei ein so großes Programm zur Sanierung der hessischen Bahnhöfe aufgelegt worden. Doch an Offenbach fährt der Zug erneut vorbei. Auch beim Verkehrsunternehmen klopft man sich ob des vom Steuerzahler finanzierten Engagements auf die Schultern. Die Bahnhöfe seien für die Deutsche Bahn „ein besonderes Aushängeschild“, betont André Zeug, Vorstandsvorsitzender der Bahn-Tochter DB Station & Services AG.

Keinen besonderen Wert auf das Erscheinungsbild

Nicht der unsere, denkt sich der Offenbacher. Hier scheint die Bahn keinen besonderen Wert auf ihr Erscheinungsbild zu legen. Und nicht nur das: Auch die Mobilität einer ganzen Kundengruppe ficht sie nicht an, beklagt die Seniorenhilfe. „Wir würden bei unseren Tagesausflügen gern öfter den Hauptbahnhof nutzen“, so Sigrid Isser, „er ist sehr gut ans Busnetz angebunden.“ Allein, mit Rollstuhl oder Rollator schaffe es kein Mitglied hinauf zum Gleis. „Von der Sauberkeit mal ganz abgesehen.“ Ja, fährt die Vorsitzende der Seniorenhilfe fort, natürlich sei einiges am Gebäude geschehen in der Vergangenheit. Aber nicht in Sachen Barrierefreiheit. „Wir fordern ja keinen Luxus wie Wetterschutz oder ähnliches.“ Von Modernisierung könne man daher auch gar nicht sprechen, nur von Notwendigkeiten angesichts der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die Deutschland im Herbst unterschrieben hat, und des aktuellen „Europäischen Jahrs des aktiven Alterns“.

Auch Ordnungsdezernent Paul-Gerhard Weiß hält den Zustand des Bahnhofsgebäudes für „unzumutbar“. Jüngst erst gab es Wasserschäden im Stadtteilbüro im Bahnhof, eine Sanierung habe sich als zu aufwändig entpuppt. Nun wird ausgebessert, so dass die Stadtteilberatung im Rahmen des Projekts „Besser leben in Offenbach“ wohl am 1. März wieder starten kann. Darüber hinaus hält Weiß den Brandschutz für dringend erneuerungsbedürftig. „Da ist viel zu tun.“

Stadt in Gesprächen mit der Bahn

Offiziell ist die Stadt in Gesprächen mit der Bahn, um an den bestehenden Verhältnissen etwas zu verbessern. Das Unternehmen aber, das seit Beginn des S-Bahn-Verkehrs wenig Interesse am alten Standort bekundet, scheint sich nicht so recht schlüssig, was mit dem Gebäude geschehen soll. „Das verbittert uns auch“, lässt sich Weiß als Reaktion entlocken. Eigenregie ist auch nicht drin: Die Stadt jedenfalls sei nicht in der finanziellen Lage, das Gebäude zu kaufen.

Vor Jahren schon ins Gespräch gebracht wurde auch eine Verlagerung des Schienenverkehrs an den Ostbahnhof als Knotenpunkt von S- und Regionalbahnen. Diese kostenintensive Veränderung wollte die Bahn aber nicht mitmachen. „Das blieb ein Wunsch der Stadt, der vielleicht beim einen oder anderen noch vorhanden ist.“

Was dann mit dem Hauptbahnhof passieren würde? Beispiele gibt es viele. In Baden-Baden etwa dient der zentrale Verkehrsknoten inzwischen als neoklassizistisches Entree fürs Festspielhaus. In Remagen ist der Bahnhof Museum für zeitgenössische Kunst geworden, im westfälischen Werl ein Kulturzentrum und in Neu-Ulm ein Einkaufsparadies...

Rubriklistenbild: © El Cheikh

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