Offenbach 

Hauptbahnhof in Offenbach: Er verdient seinen Namen nicht mehr  

Karl-Heinz Eitel moderierte das Erzählcafé. Neben ihm die Mitstreiter Manfred Bernhard und Dirk Schwebs. 
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Karl-Heinz Eitel moderierte das Erzählcafé. Neben ihm die Mitstreiter Manfred Bernhard und Dirk Schwebs. 

„Der Hauptbahnhof gilt als Visitenkarte einer Stadt“, konstatiert Wolfgang Seibert, „und wenn das stimmt, dann sieht die von Offenbach beschissen aus“. Kaum jemand käme ernsthaft auf die Idee, dem Mann zu widersprechen. 

  • Der Hauptbahnhof Offenbach verdient seinen Namen nicht mehr 
  • Es gibt keine Lokale und Geschäfte mehr rund um den Bahnhof 
  • Intitiative führt Befragung zum Hauptbahnhof durch 

Offenbach – Der 70-Jährige gehört der „Initiative Hauptbahnhof-Offenbach“ an, die in den Räumen der Frei-religiösen Gemeinde am Schillerplatz ein Erzählcafé zum Thema Hauptbahnhof veranstaltete.

Schon seit geraumer Zeit kümmert sich die 2017 auch von HfG-Studenten gegründete Initiative etwa um die Rund-Terrasse des früheren Lokals. Für die Erlaubnis, dort den Müll wegzuräumen und Sommer Blumen sprießen zu lassen, bedurfte es der Genehmigung des Eigentümers der heruntergekommenen, aber denkmalschützen Immobilie, also der Deutschen Bahn.

Offenbach: „Die Bahnsteigkarte kostete 20 Pfennig“

Moderator Karl-Heinz Eitel fragt in die Runde, wer noch Erinnerungen an die Zeit habe, als es rund um den Hauptbahnhof noch Lokale und Geschäfte gab. Acht Hände gegen hoch. Auch die von Seibert sind dabei. Er erzählt aus einer Zeit, als es noch nicht möglich war, einfach auf den Bahnsteig zu gehen, weshalb er als Bub nur selten am Zug stand, obwohl er in der Nähe wohnte: „Die Bahnsteigkarte kostete 20 Pfennig.“

Immerhin konnte er als Junge Geld verdienen: Vor dem Gebäude der Kaiserstraße 7 stellten die Leute gern ihre Fahrräder kurz ab. Fürs Bewachen gab‘s zehn Pfennig. Genauso viel wie die kleinste Portion Eis bei Delaidotti am Bahnhof kostete. „Damals gab es noch keine Waffel, das Eis lag in Pappe“, erinnert sich eine Besucherin des Erzählcafés.

Hauptbahnhof Offenbach war etwas besonderes 

Für eine heute 72-jährige war der Hauptbahnhof immer etwas besonders. Von hier aus ging es mit den Eltern nach Reinheim im Odenwald, von dort per pedes nach Otzberg, wo die Großtante wohnte. Sie selbst fuhr als Sechsjährige einmal von Offenbach für sechs Wochen nach St. Peter Ording zur Kur. „Ohne Eltern mit all den Kindern im Zug, das war klasse“, blickt sie zurück. Eine andere Frau erinnert sich an den „Skizug“. Der fuhr sonntags nach Gersfeld in der Rhön, zur Wasserkuppe. Lustig sei es zugegangen, „Partystimmung, besonders auf dem Rückweg“. Eine andere Besucherin berichtet, wie am Hauptbahnhof Schweine in den Zug getrieben wurden. Oft hätten die Tiere dort mehrere Tage gestanden. „Die schrien, weil sie kaum Wasser bekamen.“

Andere erinnern sich noch an die Abgabestelle für Gepäck- und Expressgut, „gleich links, wenn man reinkam“. Rechts ging es ins Lokal. Eine Frau sieht sich als Kind mit ihrer Mutter dort essen. „Das muss 1958 gewesen sein.“

Offenbach: Toilette ist Geschichte 

Ohne Fahrschein konnte niemand den Bahnhof als Abkürzung zwischen Bismarck- und Marienstraße nutzen. Zu beiden Seiten stempelten Männer in Häuschen die Fahrkarten ab. „Das waren Kriegsversehrte“, weiß Karl-Heinz Eitel, der zwar mittlerweile in Neu-Isenburg lebt, der Initiative aber ebenso angehört wie Mahshid Najafi oder Dirk Schwebs. Der gelernte Maurer erzählt, er habe bei der Gründung der Initiative gedacht, „in zwei Wochen reißen wir die erste Wand ein“. Der Mann ist für die detaillierten Pläne zuständig, die mögliche Änderungen auf dem 2500 Quadratmeter großen Areal beschreiben. Schwebs korrigiert auch einen Zuhörer, der meint, die unangenehmen Gerüche im Gang entströmten nassem Gemäuer: „Das sind die Wildpinkler.“ Die Toilette ist hier längst ebenfalls Geschichte.

Manfred Bernhard zeigt einen im Offenbacher Hauptbahnhof gedrehten Film von 1984, an dem er als psychologischer Berater mitgewirkt hatte. Es geht um Vermeidung von Unfällen für DB-Bedienstete. Die Bahnsteige sind voll, den Zugführer erkennt man an Kelle und Schärpe. Männer fahren auf Anhängern Pakete zu den Waggons.

In einer Frequenz sputet sich eine ältere Dame, um den Zug noch zu bekommen. Eine der Seniorinnen im Gemeindesaal feuert sie an: „Komm Oma, renn!“

VON STEFAN MANGOLD

Auf dem Gelände der Verkehrsbetriebe sind insgesamt 16 Scheiben an Bussen zertrümmert worden. Die Polizei ermittelt.

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