Hauptschulen im Abseits

+
Viele Wege führen ans Ziel. Auch wenn sich die Richtungen erst mal unterscheiden.

Offenbach ‐ G8 hält bisher kaum Eltern davon ab, ihre Kinder aufs Gymnasium zu schicken. Auch nach den kommenden Sommerferien strömen wieder jede Menge frisch gebackene Fünftklässler auf die Gymnasien der Stadt. Ganz neu ist dieser Trend allerdings nicht. Von Katharina Platt und Veronika Szeherova

Schon seit einiger Zeit ist die Schulform, die mittlerweile in acht Jahren zum Abitur führt, die erste Wahl von Eltern und Schülern. Nicht selten anderen Empfehlungen der Grundschulen zum Trotz, entscheiden sich immer mehr Erziehungsberechtigte gegen Haupt- und Realschulen.

Christiane Rogler, Schulleiterin des Rudolf-Koch-Gymnasiums, vermutet, dass dieser Trend mit dem Wertverlust anderer Schulabschlüsse zusammenhängt. „Für viele Berufsausbildungen ist heute das Abitur Voraussetzung. Haupt- oder Realschulabschluss reichen oft nicht mehr aus.“

Drei fünfte Klassen wird es an der Innenstadtschule nach den großen Ferien geben. Doch nicht alle, die wollen, werden auch genommen. Das Gymnasium hat mehr Anmeldungen als im letzten Jahr. „Einige Schüler müssen wir an andere Schulen weitergeben“, sagt Christiane Rogler. Noch erhält aber jedes Kind, das in Offenbach ein Gymnasium besuchen möchte, einen Platz. Die Anzahl der Schüler pro Klasse bleibt dabei unter 30.

„Pädagogisch fatal, besonders im Pubertätsalter“

Dem gymnasialen Trend wirken erfolgreich die Integrativen Gesamtschulen der Stadt entgegen. An der Schillerschule bearbeitet Schulleiter Thomas Findeisen in diesem Jahr etwa 240 Bewerbungen. Aufnehmen kann die sechszügige Schule maximal 148 Fünftklässler, 27 pro Klasse. Findeisen benennt die Vorzüge dieser Schulform: „Das System ist offen für jeden Schüler. Es bleibt niemand sitzen. Wer sich fürs Abitur entscheidet, hat dafür neun Jahre Zeit und daher deutlich weniger Stress.“ Gymnasien hätten für diejenigen Schüler, die nicht mithalten können und die Bildungsstätte vor der elften Klasse verlassen, keine Verantwortung. „Diese Kinder werden in anderen Mittelstufen untergebracht, wo die Fluktuation sehr groß ist“, so der Schulleiter. Das sei „pädagogisch fatal, besonders im Pubertätsalter.“ Gerne würde er dem großen Andrang nachkommen und einen siebten Zug einführen, doch aus finanziellen und räumlichen Gründen sei das nicht möglich.

Die Edith-Stein-Schule verzeichnet ebenfalls schon seit Jahren einen enormen Zulauf. „In diesem Jahr haben wir 50 Anmeldungen mehr, als wir Schüler aufnehmen können“, sagt Schulleitungs-Mitglied Ilona Müller. Ausgewählt werden die Schüler so, dass sich möglichst bunt gemischte Klassen bilden – verschiedene Grundschulen, verschiedene schulische Leistungen, behinderte Kinder und Nichtbehinderte, ausgewogen viele Jungen und Mädchen. Auch wenn sich manche Eltern aus dem Bezirk beschweren würden, wenn ausgerechnet ihr Kind nicht aufgenommen wird. „Die Klassen sollen möglichst heterogen sein, das ist unser Auswahl-Kriterium“, erklären Findeisen und Müller.

„Jedes Kind kann theoretisch Abitur machen“

Nach ihrem Abschluss an einer der Gesamtschulen zieht es viele Schüler dann doch aufs Gymnasium. Acht elfte Klassen wird es ab Sommer an der RKS geben. Weil sie bis jetzt das einzige Gymnasium ist, das ab der 11. Klasse eine zweite Fremdsprache anbietet, hat sie eine besonders große Oberstufe. Nach der Grundschule sofort auf ein Gymnasium zu wechseln, ist also nicht Bedingung für die Hochschulreife. Schulamtsleiter Thomas Löhr glaubt nicht, dass die Zahl derer, die nach der vierten Klasse aufs Gymnasium wollen, steigen wird. „Es gibt in Offenbach genug andere Wege, die Schule mit dem Abitur abzuschließen“, sagt er. Der gleichen Meinung ist auch Peter Schulz, Schulleiter der Bachschule. „Jedes Kind kann theoretisch Abitur machen“, sagt er. „Auch wenn es nach der Grundschule auf einer Haupt- und Realschule war.“ Er bestätigt, dass an diesen Schulen jedoch die großen Bewerberzahlen ausbleiben. „Dabei sind diese Schulen besser als ihr Ruf.“

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare