Hebamme im Hamsterrad

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Hebamme im Einsatz: Beate Raven, Leiterin der Elternschule im Ketteler-Krankenhaus, mit jungen Müttern und ihren Babys im Stillcafé.

Offenbach - „Eine Geburt, das ist wie einen Berg besteigen, das ist eine Höchstleistung“, sagt Helena Hanel. Die Offenbacher Hebamme hat schon mehr als 3000 Kindern auf die Welt geholfen. Von Veronika Szeherova

Die jungen Mütter haben angesichts des neuen Lebens die Schmerzen und Anstrengungen der Geburt bald vergessen. Erst recht die Wandfarbe im Kreißsaal. Was aber in Erinnerung bleibt, ist die Leistung der Hebamme. Und gerade für diese wird das berufliche Überleben immer schwieriger.

In den vergangenen Jahren sind die Versicherungskosten für diesen Berufsstand drastisch in die Höhe geschossen. Laut einer Studie hat eine solche Police im Jahr 2002 etwa 450 Euro im Jahr gekostet. 2011 ist sie um mehr als das Achtfache gestiegen, bei einem nahezu gleichbleibend niedrigen Verdienst. Vor allem freiberuflich arbeitende Geburtshelferinnen, also Beleghebammen und bei der Hausgeburt helfende Hebammen, sind am Rotieren: „Seit fast 30 Jahren mache ich diesen Job, aber noch nie habe ich mich so im Hamsterrad gefühlt wie jetzt“, sagt Hanel. „Man muss immer weitermachen, um über die Runden zu kommen.“

4500 Euro Hebammen-Haftpflichtversicherung

Über 4500 Euro Hebammen-Haftpflichtversicherung hat sie im Jahr zu zahlen, hinzu kommt der Regelbeitrag beim Berufsverband in Höhe von 300 Euro. Außerdem fallen monatlich die Kosten für Renten- und Krankenversicherung an, die ohne den Arbeitgeberanteil bei rund 700 Euro liegen. Auch Material wie CTG-Geräte (Wehenschreiber) oder Fortbildungen wollen bezahlt werden – und am Jahresende die Steuern. „Viele junge Kolleginnen schmeißen die Selbstständigkeit nach einem Jahr“, beobachtet Hanel.

Denn die Einnahmen sind überschaubar. „Beleghebammen bekommen für eine Geburt pauschal knapp 240 Euro“, erläutert die 56-Jährige. „Außerdem erhalten wir eine Rufbereitschaftspauschale, die im Rhein-Main-Gebiet zwischen 400 und 500 Euro liegt.“ Diese müssen die werdenden Mütter selbst bezahlen – dafür sind die Hebammen ab der 35. Schwangerschaftswoche bis nach der Geburt auf Zuruf einsatzbereit. Die Nachsorge wird stundenweise abgerechnet. „Pro Monat betreue ich drei bis vier Frauen“, so Hanel, die ihre Kundinnen im St. Markuskrankenhaus in Frankfurt entbindet.

Aus Kostengründen geschlossen

Bis vor zwei Jahren leitete sie noch eine Hebammenpraxis an der Waldstraße. Aus Kostengründen musste sie schließen. „Es waren 13 schöne Jahre, aber es war einfach nicht mehr machbar.“ Es mangele an Nachwuchs, der permanent rufbereit sein möchte. Auch die steigenden Qualitätsmanagement-Anforderungen sowie Extra-Versicherungen für Praxen waren nicht zu stemmen. „Ich hätte jemanden gebraucht, der sich um alles Organisatorische kümmert, und zwar umsonst.“ Durch Kursgelder werden die laufenden Kosten bei weitem nicht gedeckt.

Den Anstieg der Versicherungskosten erklärt sich Helena Hanel nicht durch ein Ansteigen etwaiger Hebammenfehler: „Die Schadensfälle haben sich nicht geändert, aber die Medizin ist sehr teuer geworden. Das geben die Versicherungen weiter.“ Dass ihr Einkommen geringer sei „als bei jedem Handwerker“, ist für sie eine Frechheit. „Wenn er einen Fehler macht, dann tropft halt der Wasserhahn. Wir haben eine ganz andere Verantwortung.“

Sie legt viel Wert auf eine sichere Entbindung im Krankenhaus. „Es ist gut zu wissen, dass der OP drei Meter weiter ist.“ Als Beleghebamme erfüllt sie auch Sonderwünsche wie Homöopathie und spezielle Massagen. An der Haftpflichtversicherung für die Freiberuflerinnen beteiligen sich die Krankenhäuser nicht. Im Offenbacher Klinikum arbeiten 14 fest angestellte Geburtshelferinnen, Beleghebammen fehlen momentan. „Wir würden gern wieder zwei einstellen, finden aber keine“ sagt Pflegedienstleiterin Edith Beyer.

„Unsere Geburtenrate steigern“

„Es wäre für uns positiv, so könnten wir unsere Geburtenrate steigern“, heißt es im Ketteler-Krankenhaus. Es hat 18 festangestellte Hebammen. Alle arbeiten zusätzlich freiberuflich in der Nachsorge oder sie bieten Kurse für werdende und junge Mütter.

Selbst die einzige Vollzeitkraft Mareike Dietrich betreut Frauen noch nebenher. „Der Verdienst reicht sonst einfach nicht“, sagt die Spezialistin für Fußreflexzonenmassage. Für Beate Raven, Leiterin der Ketteler-Elternschule, ist das auch eine Frage der eigenen beruflichen Vorstellungen: „Viele Hebammen wollen nicht nur starr auf einen Bereich festgelegt sein.“ Für sie ist ein Nachteil, dass Frauen sich kaum noch frei den Ort fürs Gebären aussuchen können: „Weil die freiberuflichen Hebammen unverhältnismäßigen finanziellen Belastungen ausgesetzt sind, gibt es immer weniger. Frauen, die nicht in der Klinik entbinden wollen, haben oft keine andere Wahl, weil sie keine Hebamme bekommen. Der Markt ermöglicht es leider nicht mehr.“

Trotz aller Strapazen: Die Hebammen mögen ihre Arbeit. „Es ist ein sehr schöner , befriedigender Beruf“, findet Helena Hanel. „Ich würde jeder Kollegin den Schritt in die Selbstständigkeit empfehlen. Aber sie muss sich bewusst sein, dass sie immer 100 Prozent geben muss.“

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