EVO soll optimiert werden

Offenbach - Die Energieversorgung Offenbach (EVO) setzt mit Windkraft und Pelletanlagen stark auf die dezentrale, regionale Erzeugung von Strom und Wärme. Diese Strategie will die neue EVO-Vorstandsvorsitzende optimieren, sagt Heike Heim im Interview.

„Wir können damit eine Erfolgsgeschichte erzählen, um die uns andere Stadtwerke beneiden“, sagte Heike Heim im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. „Jetzt gilt es, die EVO mit guten Ideen weiter voranzubringen. Das sehe ich als meine Herausforderung für die nächsten Jahre an. “.

Frau Heim, Sie sind die erste Frau an der Spitze der EVO in ihrer mehr als 150-jährigen Geschichte. Es sind immer noch meist Männer, die Management-Positionen besetzen. Wie konnten Sie sich durchsetzen?

Es ist richtig, ich bin die erste Frau an der Spitze der EVO in 150 Jahren. Einmal ist immer das erste Mal. Frauen sind überall in der Wirtschaft auf dem Vormarsch. Und um es gleich zu sagen: Ich bin sicherlich keine Quotenfrau. Ich bringe breite Erfahrungen in der Energiewirtschaft mit, die ich aus unterschiedlichsten Positionen kenne: als Mitarbeiterin im Bereich Hochspannungsschaltanlagen, in Funktionen in der dezentralen Energieversorgung und als Beraterin renommierter Konzerne im In- und Ausland. Bei der MVV Energie AG habe ich zuletzt als Bereichsleiterin für das Controlling gearbeitet. Das Basiswissen habe ich mir durch mein Studium des Wirtschaftsingenieurwesens mit der Fachrichtung Energietechnik an der Technischen Universität Darmstadt angeeignet - übrigens damals auch als einzige Frau.

Frauen scheuen oft vor einem Technik-Studium zurück. Was hat Sie daran fasziniert?

Die besondere Kombination: Wirtschaftsingenieurwesen hat einen starken technischen Background. Zudem hat mich das kaufmännische Know-how angesprochen, das in den Studium vermittelt wird.

Mit 42 Jahren sind Sie die jüngste Führungskraft, die jemals die Leitung der EVO übernommen hat. Ist das von Vor- oder Nachteil?

Das muss mein Team beurteilen. Fest steht, dass ich durch meine Erfahrung unter anderem als Beraterin die eine oder andere gute Idee in das Unternehmen hineintragen werde. Wir werden uns bei der EVO vernünftig weiterentwickeln können.

Sie sind schnell aufgestiegen. Nach einem guten Jahr im Controlling der MVV Energie AG, zu der die EVO gehört, führen Sie jetzt den Versorger. Ist der Aufstieg nicht etwas zu rasch gewesen?

Ich freue mich auf meine neue Aufgabe - und habe zugleich großen Respekt vor ihr. Meine Aufgabe an der Unternehmensspitze gehe ich mit allem Elan an. Und davon habe ich eine ganze Menge.

Man sagt, Frauen führen anders. Wie würden Sie Ihren Führungsanspruch beschreiben? Welche Führungskultur erwartet die EVO?

Ich steuere pragmatisch und ergebnisorientiert. Mir ist eine offene Kommunikation auf Augenhöhe mit meinen Mitarbeitern wichtig. Dabei sehe ich mich bei inhaltlichen Fragen durchaus in der Rolle eines Sparringspartners. Ich persönlich will mit der EVO erfolgreich sein und setze mir hohe Ziele. Um das zu erreichen, muss Führung kreativ, inhaltlich fundiert und verlässlich sein. Ich lege großen Wert auf Diversität im Team. Also auf Menschen, die eine eigene Meinung haben und sie auch äußern. Ich bin mir sicher: Die Vielfalt unterschiedlicher Gedanken macht letzten Endes den Erfolg aus.

Der eigene Kopf ist also erlaubt?

Eindeutig ja. Besonders gute Leute im Team sind kritisch und hinterfragen immer wieder ihre Arbeit. In der Unternehmenskultur, wie sie mir vorschwebt, muss das Unternehmen flexibles und selbstbestimmtes Arbeiten ermöglichen. So kann Arbeit Spaß machen und Sinn stiften. Von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erwarte ich aber neben Kreativität und Fachwissen auch ein gewisses Maß an

Beharrlichkeit. Ich bin zudem eine Verfechterin einer fehlerverzeihenden Kultur - wir wollen schließlich aus Fehlern lernen. Eine Null-Fehler-Doktrin hilft keinem weiter. Ob das nun insgesamt explizit weibliche oder nur prinzipiell gute Führungsprinzipien sind, das müssen meine Mitarbeiter entscheiden.

Was halten Sie von der Debatte über Quotenregelungen für Frauen in der Führung von Unternehmen?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich halte nichts von pauschalisierten Quoten über alle Branchen hinweg. Mir ist es wichtig, dass Unternehmen Frauen und Männern die Vereinbarkeit von Beruf und Familie erleichtern. Hier kann die EVO gute Erfolge vorweisen - unter anderem stehen den Beschäftigten ein Eltern-Kind-Zimmer, Plätze in unserer Kita auf dem Werksgelände und zahlreiche flexible Arbeitszeitmodelle zur Verfügung. Das Bundesfamilienministerium und der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft haben uns deshalb beim Thema Beruf und Familie ausgezeichnet - als eines von sechs Vorzeigeunternehmen in Deutschland. Diesen Weg wollen wir weitergehen: Nur wenn wir die EVO als attraktiven Arbeitgeber in der Region positionieren, können wir genügend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinnen.

Wo wollen Sie mit der EVO hin?

Die EVO ist ein überaus gesundes Unternehmen. Dank unserer Erfolge bei den erneuerbaren Energien und unserer festen Verankerung in der Region sind wir gut aufgestellt. Diese Strategie will ich optimieren. Wir können damit eine Erfolgsgeschichte erzählen, um die uns andere Stadtwerke beneiden. Jetzt gilt es, die EVO mit guten Ideen weiter voranzubringen. Das sehe ich als meine Herausforderung für die nächsten Jahre an.

Welche neuen Geschäftsfelder haben Sie im Blick?

Hier bitte ich um Nachsicht. Ich bin erst seit einer Woche in Offenbach, weshalb es für eine Aussage zu einer konkreten Strategie noch zu früh ist. Ich möchte zu gegebener Zeit die Fakten sprechen lassen und flüchte deshalb jetzt nicht in eine Ankündigungs-Rhetorik. Allerdings habe ich grundsätzlich vor, die Partnerschaften in der Region aktiv weiter auszubauen. Mit den Kommunen und Unternehmen ergeben sich hier vielfältige Anknüpfungspunkte. Sicherlich können wir auch beim Kundenservice unser Spektrum noch erweitern.

Stehen neue Windparks an?

Ja, wir setzen nach wie vor auf die Windkraft - dieses Geschäftsfeld gehört zu unserer Wachstumsstrategie. Gegenwärtig bauen wir einen weiteren Windpark im Vogelsberg.

Das Verhältnis von MVV und EVO war in der Vergangenheit nicht immer problemlos. Beim Strategieprojekt „Einmal gemeinsam“ kam es zu Auseinandersetzungen um den Kurs des Unternehmens. Offenbach befürchtete das Abwandern von wichtigen Aufgaben nach Mannheim. Die Schwierigkeiten der Vergangenheit macht Ihre Arbeit nicht gerade leichter…

Für mich ist eines ganz klar: Ich will, dass die EVO in ruhigem Fahrwasser bleibt. Die erwähnten Konflikte um die Strategie gehören der Vergangenheit an. Ich will die EVO in Stadt und Region Offenbach stärker machen und zugleich die Chancen einer vertieften Zusammenarbeit mit der MVV-Energie-Gruppe nutzen. Dazu ist es notwendig, frühzeitig alle handelnden Akteure bei anstehenden Entscheidungen einzubinden und eine größtmögliche Transparenz zu schaffen. Die EVO soll ein zuverlässiger Partner für beide Anteilseigner - die Stadt Offenbach und die MVV - bleiben.

Wie ist Ihr erster Eindruck von Offenbach?

Ich war schon auf dem Hafenareal und im neuen OFC-Stadion. Offensichtlich ist hier viel in Bewegung gekommen. Ich habe mir sagen lassen, dass Offenbach in den vergangenen Jahren schöner geworden ist. Davon will ich mich in den nächsten Wochen und Monaten überzeugen.

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