An Heiligabend ein Königskind

Offenbach (lis) ‐ Friedlich und festlich, stressfrei und vor allem harmonisch im Kreise der Familie oder mit Freunden. So soll Weihnachten eigentlich sein. Doch für viele Menschen bleibt das alle Jahre wieder ein unerfüllter Wunsch.

Wirklichkeit wurde er an Heiligabend für neun Herren mit Dame: Eine kleine Gruppe wohnungsloser Männer feierte mit Jutta Hilscher von der Diakonie Offenbach sichtlich entspannt und zufrieden in stimmungs- und stilvoller Atmosphäre bei Kerzenlicht.

Zum exquisiten Weihnachtsessen eingeladen haben Alfons Lorenz von Kiekebusch und Bettina Urbas in ihr vor vier Wochen eröffnetes kleines Restaurant, das die Gäste zu „Königskindern“ befördert, wie der Name des Etablissements in der Hermann-Steinhäuser-Straße 44 verheißt. Die Gesellschaft plaudert über Gott und die Welt; die in der Tat für einige Stunden wie Königskinder hofierten Gäste stimmen sich bei Austern und Wildkräutercroutons auf die klassisch mit Rotkohl und Kartoffelklößen servierte Ente ein, die die Gastgeber auf edlem Porzellan servieren. Der Duft alleine ist schon eine Verheißung, und was dann den Gaumen kitzelt, muss als sensationell geadelt werden.

Notlagen will keiner ausbreiten

„Außergewöhnlich zart“, kommentiert Horst Schüßler, Als gelernter Metzger weiß er Qualität und Geschmack des im Spessart artgerecht aufgewachsenen Vogels zu schätzen. Wie seine acht Schicksalsgenossen hatte er sich in einer früheren Lebensphase in gastronomischen Etablissements der gehobenen Klasse durchaus heimisch gefühlt. „Als ich noch gesund war und Arbeit hatte, habe ich auch für gutes Essen gern den entsprechenden Preis bezahlt“, erzählt der 56-Jährige.

Heute geht das einfach nicht mehr. Aber soziale und finanzielle, teils auch gesundheitliche Notlagen will keiner der Männer an den mit Köstlichkeiten bedeckten Tischen ausbreiten. Sorgen und Zukunftsängste sind nicht das Thema, nicht an diesem Abend. Die Gespräche drehen sich mehr um Musik, um Anekdoten aus besseren Zeiten und immer wieder um das Essen. „Das Weihnachtsessen hier ist schmackhaft und vom Feinsten“, meint ein jüngerer Mann. „Es macht neugierig auf die Herkunft der Zutaten und ihre Zubereitung.“ Kein Vergleich sei das mit den sonst allerorts üblichen Süppchen in wenig ansprechender Umgebung, ergänzt ein anderer.

Lothar achtet auf Qualität und Geschmack

Dass das kärgliche Arbeitslosengeld II, als Hartz IV berüchtigt, manchmal für ordentliche Nahrungsmittel nicht reiche und er zwei oder drei Tage hungere, erzählt beiläufig Lothar (Name geändert). Der gelernte Elekroinstallateur verlor Job und Wohnung, weil er wegen einer seltenen Krankheit seinen Beruf nicht mehr ausüben kann. Jetzt hofft er auf einen Job am Schreibtisch. Lothar, einst zahlendes Greenpeace-Mitglied, interessiert das Konzept, das der Spitzenkoch von Kiekebusch konsequent verfolgt: Saisonale Erzeugnisse aus der Region und Fleisch ausschließlich von Tieren, die artgerecht leben durften.

Auch Lothar achtet auf Qualität und Geschmack. Er meidet möglichst die verbreiteten Anbieter von Massenbackwaren. „Ich hebe mir gelegentlich Geld auf, hole mir ein im Holzofen gebackenes Brot. Mit Butter drauf ist das ein leckeres und sättigendes Abendessen, das nicht nach weicher Pappe und undefinierbaren Inhaltsstoffen schmeckt.“

Viel wärmenden, leuchtend rotem Stoff gibt es zur Bescherung nach Crepes mit Punschkirschen und Schokolade. Die EVO war spendabel; Koch Kiekebusch verteilt Schals und Mützen, Schlafsäcke, die auch als Decke verwendbar sind, und nützliche Taschenlampen in goldfarbenen Geschenktüten. Die Gesichter der Männer strahlen.

Und der erwerbs- und wohnungslose Landschaftsgärtner Anton spricht aus, was die anderen wohl ähnlich empfinden. „Ich kam mit gemischten Gefühlen hierher und hatte ein bisschen Angst, dass man mit dem nackten Finger auf angezogene Leute deutet. Doch dieser Abend, das gemeinsame Essen mit netten Menschen, die ich hier kennen gelernt habe, knüpft an Verlorenes an und war seit sehr langer Zeit wieder eine große Freude.“ Er habe viele aufmunternde Worte gehört, die ihn beflügeln.

Für Kiekebusch sind Einladungen und Bewirtung von Menschen in Not eine Selbstverständlichkeit. Er pflegt eine in der Familie wurzelnde Tradition. Schon seine Mutter habe zu Weihnachten weniger Begüterte aus der Umgebung des westfälischen Landgutes bekocht und bedient. „Sich um andere zu kümmern, ist wichtig für unsere Gesellschaft“ ist von Kiekebusch überzeugt. Gekümmert hatte er sich auch um andere Bedürfnisse seiner „Königskinder“. Gegen Gutscheine hatten sie bei Friseur Ochs neben Rasur und Haarschnitt auch eine wohltuende mehrfache Kopfmassage genossen.

Und während die Gäste zufrieden und glücklich dem auch im Geschichtenerzählen versierten Koch lauschen, wird aus einer launigen Idee ein Entschluss: Die den Kochkünsten zugeneigten Gäste wollen in der Teestube in der Gerberstraße eine Kochgruppe gründen und mit von Kiekebusch ein kulinarisches Abendmahl bereiten. Zum Diner gebeten werden dann Mitglieder der Offenbacher Lokalprominenz. Der Preis für ein Essen steht schon fest: 100 Euro. Der Erlös soll den sozialen Diensten der Diakonie zugute kommen.

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