Zum Heiraten ins Exil

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Weil Offenbachs neobarockes Schmuckstück im Sommer hinter einem Baugerüst verschwindet, suchen die Standesbeamten im Rathaus nach einem alternativen Trausaal.

Offenbach ‐ Das Hochzeitskleid ist ausgewählt, das Catering bestellt. Offenbacher Brautpaare freuen sich auf eine Trauung in neobarocker Kulisse und werden enttäuscht: Denn Offenbachs Schmuckstück, das Büsingpalais, bleibt im Juli und August für Vermählungen geschlossen.  Von Katharina Platt

Grund sind eine schon länger anstehende Sanierung der zahlreichen Fenster im Hauptgebäude und die Renovierung des Trausaals. Sechs Wochen lang wird der Bau an der Herrnstraße in einen Käfig aus Metall gesteckt. In dieser Zeit werden die Fensterrahmen abgeschliffen und bekommen einen neuen Anstrich. Nur wenige Fenster müssen komplett ausgetauscht werden. Trotz der Maßnahmen muss niemand im Brautkleid unterm Baugerüst durchsteigen, denn der bürokratische Akt der Eheschließung wird ins nahe gelegene Rathaus verlegt.

Seit 25 Jahren blicken Besucher des Palais nun schon aus den gleichen Fenstern in den Innenhof oder auf den Büsingpark. Bis zum 13. August sollen die Fenster der Parkfassade fertig saniert sein - pünktlich zum Lichterfest, das am 20. August im Park stattfindet. Die Seitenflügel des Büsingpalais bleiben von den Maßnahmen unberührt. Der Startschuss für die Arbeiten am denkmalgeschützten Bau ist für Ende Juni geplant.

152.000 Euro für Mängelbehebung eingeplant

Es sei normal, versichert Stadtsprecher Matthias Müller, dass nach 25 Jahren bei Holzfenstern Verschleißerscheinungen aufträten. Vor allem die Wetterseite sei von der Abnutzung betroffen. Die stattliche Summe von 152.000 Euro sei bereits im Haushalt eingeplant, sagt Müller. Die Mängel seien bei einem der regelmäßig stattfindenden Analysen der Bausubstanz entdeckt worden. Man reagiere jetzt, „damit in zehn Jahren nicht noch mehr Kosten auf die Stadt zukommen“.

Seit kurzem kümmert sich Brigitte Jungwirt von der stadteigenen EEG (Entwicklung, Erschließung, Gebäudemanagement) um das Projekt. „Wir haben den Zeitraum für die Sanierung bewusst eng gesteckt, damit das Gebäude möglichst bald wieder genutzt werden kann“, sagt sie.

Eigentlich war die Sanierung bereits für das vergangene Jahr geplant, allerdings haperte es an einem Termin. Das Sheraton Hotel, an das die Räume des Baus verpachtet sind, nutzt und vermietet die Räume. Stadt und Hotel mussten einen Termin finden, an dem das Foyer und die Säle noch nicht vergeben waren.

Anzahl der Trauungen ist zurückgegangen

Dass der jetzt gefundene Zeitraum Juli bis August ausgerechnet in die Hochzeitsaison falle, mag niemand bestätigen. Eigentlich gebe es keinen Monat, in dem mehr geheiratet werde als in anderen, sagt Lothar Kirchner, der Leiter des Wohnungs-, Versicherungs- und Standesamts. Ohnehin seien die Zahlen der Trauungen rückläufig. Nur 421 Paare gaben sich 2009 in Offenbach das Ja-Wort. Ein Trend, von dem nicht allein die Lederstadt betroffen sei.

Momentan sind er und seine Kollegen auf der Suche nach geeigneten Räumen, in denen während der Büsing-Auszeit getraut werden kann. Morgen wollen sich die Standesbeamten im Rathaus nach Alternativen umsehen. So wird auch der alte Trausaal in Augenschein genommen. Ein wenig festlich oder zumindest attraktiv soll das Exil schon sein, meint Kirchner. Denn eine Alternative außerhalb des Betonbaus gibt es nicht. Trauungen im Freien lehnt das Offenbacher Standesamt ab.

Ab September steht Palais wieder zur Verfügung

Ab September sind Heiratswillige wieder im Palais willkommen. Bis dahin soll auch der neobarocke Trausaal renoviert sein. „Die Wände müssen gestrichen, Risse beseitigt und Fensterrahmen erneuert werden“, erklärt Kirchner. Außerdem würden die Möbel aufgefrischt, die Vorhänge gewaschen und das Parkett abgeschliffen.

Ob sich ein geeigneter Raum an der Berliner Straße findet, bleibt abzuwarten. Eine Trauung bei Baulärm und ohne Parkmöglichkeiten möchte Kirchner den Brautpaaren jedoch nicht zumuten.

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