Heiß begehrter Schrott

Offenbach  ‐ Der Herkules ist ein glücklicher Kerl. Wer den Acht-Meter-Mann um Kopf und Kragen bringen will, muss eine 30 Meter hohe steinerne Pyramide bezwingen, die ihrerseits auf einem 32 Meter hohen Tuffstein-Sockel steht.  Von Barbara Hoven

Und damit hatten vor drei Jahren, als die Restaurierung des aus Kupferblech bestehenden Wahrzeichens der Stadt Kassel in ihre heiße Phase eintrat, schon die Experten so ihre Probleme. Metalldiebe sollten es beim nordhessischen Halbgott also gar nicht erst versuchen. Leitern? Lächerlich. Aber nur bei Monumenten herkulischer Ausmaße, wie im Polizeipräsidium Offenbach zu erfahren ist. Denn Metalle wie Kupfer und Aluminium stehen nicht nur auf dem Weltmarkt hoch im Kurs; auch als Beute sind sie heiß begehrt. „Der Rohstoff-Diebstahl ist in Zeiten steigender Metallpreise auch in Stadt und Kreis definitiv wieder ein Thema“, sagt Polizeisprecher Henry Faltin. Von „teilweise haarsträubenden Fällen“ weiß er zu berichten, „da bringen sich Leute in Lebensgefahr“. Regenrinnen, Stromkabel, Wasserleitungen – geklaut werde alles, was nicht niet- und nagelfest ist.

Und selbst Nieten und Nägel sind keine Garantie für Unangreifbarkeit. Eher ein Zusatzanreiz. Stahl bringt bei Hehlern auch was. Die Deutsche Bahn zumindest, deren fast durchweg metallene Infrastruktur quasi ein Paradies für Rohstoffdiebe ist, hat oft Verluste anzuzeigen. Immer an Material und glücklicherweise selten an Menschen – obwohl manch leichtsinniger Raubzug zwischen starkstromführenden Teilen schon als Selbstmordversuch gewertet werden muss. Beispiele aus der Region nennt eine Bahnsprecherin nicht; man wolle nicht noch zu Diebstählen motivieren. Klar sei aber, dass Erwischte für ihre gefährliche Tat mindestens wegen schweren Eingriffs in den Bahnbetrieb angezeigt werden.

Metalldiebe hat es immer gegeben

Henry Faltin unterdessen muss aktuellen Fällen nicht lange hinterher recherchieren. Vor allem auf Baustellen, berichtet er, griffen die Rohstoffräuber immer wieder zu. Erst vor wenigen Tagen ließen Diebe in der Bleichstraße nachts 105 Meter Starkstromkabel von der Baustelle der Eichendorffschule mitgehen. Schaden: gut 3000 Euro. Oder „die heftigeren Nummern“ wie Anfang November in Bieber, wo auf einer Baustelle der Stromkasten geknackt, die Sicherungen gekappt und 85 Meter dickes Stromkabel geklaut wurden.

Dimensionen, die Fred de Snoo nur nicken lassen. Bis zu 2000 Tonnen Altmetalle schlägt der Schrotthändler pro Monat in seinem Familienbetrieb am Lämmerspieler Weg um. Und hat’s dabei nicht nur mit ehrlichen Menschen zu tun. Metalldiebe, erzählt er, habe es stets gegeben, und zwei oder drei Mal habe es ihn richtig schlimm erwischt. „Einmal wurde mir in einem Monat Metall im Wert von 50.000 Euro gestohlen.“ Im Schutz der Nacht hätten die Diebe das Hoftor aufgebrochen, den Gabelstapler kurzgeschlossen und eine ganze Lkw-Ladung Buntmetall weggeschafft. „So was sind organisierte Banden, oft aus Osteuropa, die die Beute sofort ins Ausland schaffen“, ist sich de Snoo sicher. „Ein Einzeltäter hätte das weder abtransportieren noch zu Geld machen können.“

Wachmänner kontrollieren das Firmengelände

Um Diebe vom Firmengelände fern zu halten, nimmt der Geschäftsmann inzwischen viel Geld in die Hand. Weil Videoüberwachung auf dem verwinkelten Areal nichts bringen würde und einer seiner Wachhunde sogar getötet wurde („dem haben sie eine Stange in den Hals gerammt“), leistet er sich seit drei Jahren Wachmänner – Tag und Nacht, sieben Tage die Woche. „Das bedeutet Mehrkosten von 40.000 Euro im Jahr, doch seit sich rumgesprochen hat, dass bei uns rund um die Uhr bewacht wird, ist es ruhig geworden.“

Verlockend sei für die Diebe dennoch nicht nur die abgeschiedene Lage seines Betriebs. Sondern auch die Tatsache, dass die Altmetalle sortengerecht sortiert zur Abholung bereit lägen, „da brauchen die sich nur zu bedienen“. Dass vor allem Kupfer derzeit begehrt ist, wundert de Snoo nicht: „Ich bin seit 50 Jahren im Geschäft, aber dass die Preise für Kupfer so explodieren wie jetzt, habe ich noch nie erlebt.“

Folglich sind auch Offenbachs Schrotthändler nicht davor gefeit, dass Diebe versuchen, ihre Beute bei ihnen gegen Bares einzutauschen. De Snoo betont, dass er als Entsorgungsbetrieb verpflichtet ist, sich den Ausweis des Anlieferers zeigen zu lassen und einen Nachweis darüber, wo das Metall herstammt. „Jeder, der gestohlene Altmetalle annimmt, muss sich im Klaren sein, dass er sich der Hehlerei schuldig macht“, sagt Faltin. Er bittet auch Bürger, die etwa beobachten, dass jemand sich nachts auf Baustellen zu schaffen macht, die Polizei zu rufen.

Rubriklistenbild: © Georg

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