Ein heißes Vergnügen

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Professioneller Beistand im Hessenfinale: Juror Patrick Schmider zeigt Feinheiten des Gaskochherdes. Sarah Engelhardt (links) und Lisa Exner hören aufmerksam zu. Rechts auf dem Wasserbad ist der asiatische Dampfaufsatz zu sehen, in dem das Fleisch behutsam gegart wird.

Offenbach - Die Tür gleicht allen anderen. Allein das Schild signalisiert, dass der richtige Weg in der Ernst-Reuter-Schule gefunden ist: Lehrküche. Ist die Tür einen Spalt geöffnet, bestätigen es die Riechzellen. Von Martin Kuhn

Süßlich aromatisch duftet dem Gast Vanille entgegen. Sarah Engelhardt, Lisa Exner, Natascha Schimpf schnippeln, garen, dünsten. Wieder einmal. Und zwar erneut ihr „Vanille“-Menü. Mit diesem haben sich die drei jungen Damen vom Herd gemeinsam mit Mirko Scheuer fürs Bundesfinale des Schülerkochwettbewerbs qualifiziert. Noch Lust auf die Königin der Gewürze? „Nöööö“, heißt es unumwunden, „es reicht langsam mit der Vanille.“ Einmal muss es für das Trio aber noch reichen: Im Finale. In Erfurt. Am Montag.

Zehn nach Eins. Viele Rumpenheimer Schüler sind bereits zu Hause, einige Jungs bolzen noch auf dem Schulhof. Derweil schneidet Lisa Zucchini in Rauten, halbiert Kirschtomaten, hackt Koriander, kocht blaue Kartoffelschalen. Sarah schwitzt parallel Selleriewürfel an und blanchiert Scheiben der Gemüseknolle, die sie mit einer Maschine millimeterdünn geschnitten hat. Eine Arbeitsfläche weiter zupft Natascha einige Minzblätter. Auf den ersten Blick ein entspannter Mittag... „Zeit?“ Natascha blickt auf einen Küchenwecker, der gnadenlos tickt. „Eine Stunde.“

Mirko Scheuer ist für die stimmige Tischdekoration zuständig und steht als Ersatzmann für den Herd bereit.

Das erinnert den Journalisten daran, dass er etwas verspätet zur Generalprobe gekommen ist. Und daran, dass die 16- und 17-Jährigen schon einige (Küchen-)Arbeit hinter sich haben. Lisa etwa hat die Poulardenbrust längst in Öl, Chili und Vanille eingelegt und in Beuteln vakuumiert. Bereits im Ofen ist Nataschas Crème Brulée, die bei niedriger Temperatur stockt. „Wir sind gut in der Zeit“, sagt Lehrer York Krause und erinnert an die harten Kriterien des sogenannten Erdgaspokals - eine Nachkochzeit gibt es nicht. Nicht im Bezirksfinale, nicht im Hessenfinale und ganz sicher nicht im Bundesfinale.

Die drei Schülerinnen wissen gar nicht mehr, wie oft sie das Drei-Gang-Menü schon bereitet haben. „Zu verbessern gibt es immer was“, sagt Sarah. Lisa nickt. Ja, weitere Tipps und Tricks haben sie sich erst eine Woche zuvor im Steigenberger Hotel in Frankfurt geholt. Beispielsweise den Kniff, dass die blauen Kartoffeln nicht einfach in Salzwasser gegart werden, sondern im Sud der ausgekochten Kartoffelschalen. „So behalten die Kartoffelwürfel ihre blaue Farbe.“ Einfach, aber genial.

Immer wieder kämpft die Gruppe aber mit Widrigkeiten, die nur durch privates Engagement (etwa von Anette Laier) oder finanzielle Unterstützung des Hauptsponsors Entega zu lösen sind. So verfügt die letztlich doch bescheidene Lehrküche der Ernst-Reuter-Schule über Ceran-Kochfelder. Im Hessen- und Bundesfinale kochen aber alle auf Gas. Wer schon mal in der eigenen Küche den Energieträger umgestellt hat, weiß: ein nicht unerheblicher Unterschied. Da heißt es üben, üben, üben. „Ich hasse Gas“, murmelt eine Schülerin etwas verstohlen. Aufgerüstet wurde mit schmalem Geld. „Es sind keine Profigeräte, die Flamme lässt sich nur schlecht regulieren“, so Krause. Gespeist wird das Kochfeld aus einer Propangas-Flasche; eingepasst unter dem selbst gezimmerten rollbaren Schrank.

Weitere, dem schmalen Budget geschuldeten Details: Das Fleisch ist in Olivenöl eingelegt, das vorgesehene Arganöl wird fürs Finale aufgespart - 250 Milliliter kosten 27 Euro. Oder die Servierringe, die das Tomaten-Kartoffelgemüse in Form bringen: kein glänzender Edelstahl, sondern Plastikrohr aus dem Baumarkt, zugeschnitten und entgratet vom Hausmeister: vier Stück 1,99 Euro. Aber das haushalten sind die Teilnehmer gewohnt. Das Menü darf maximal 18 Euro kosten.

Was aber hat die Schülerinnen zum WPU (Wahl-Pflicht-Unterricht) Kochen getrieben? Die Aussicht auf ein bessere Abschlusszeugnis, schließlich stehen alle vor den entscheidenden Prüfungen für den Realschul-Abschluss? Nein, das nicht. „Spaß“, lautet die übereinstimmende Antwort. Offenbar eine richtige Wahl - zumindest für Sarah Engelhardt, die klare Ziele hat. „Ich will Köchin werden.“ Eine Lehrstelle in Fechenheim hat die 17-Jährige bereits sicher. Sie schreckt weder die Arbeit noch die teils sehr ungünstigen Arbeitszeiten: „Ich weiß, was auf mich zukommt.“

Noch ehe die Teller auf dem Tisch stehen, an denen sonst gepaukt wird, verabschiedet sich Sarah: „Ich muss...“ Wohin? „Zur Nachhilfe - Mathe, Englisch. Für die Abschlussprüfungen ist noch etwas Auffrischung notwendig.“ Der schulische Alltag macht auch vor Finalisten nicht halt. Das ist auch der Grund, warum der einige Mann in der Runde fehlt. Mirko Scheuer, für die Tisch-Deko zuständig und als Ersatz in alle Arbeitsgänge eingearbeitet, darf heute weder Kuvertüre hacken, noch Kräutersalat anrichten.

Alle Vanille-Rezepte unter:

http://www.erdgaspokal.de

Und was kommt im Finale auf die Rumpenheimer zu? „Ich sehe es olympisch. Dabei sein ist alles“, sagt der Lehrer, der sich als Hobbykoch outet und an der Schule Chemielehrer ist. Dass er so eifrig hilft, berät und organisiert ist sicher nicht üblich, aber in einer - für ihn - Ungerechtigkeit begründet. 2006 scheiterten Rumpenheimer Schülerköche am Juroren-Urteil, dass zum chinesischen Menü salzloser Reis gereicht wurde. „Ein Unding. In Asien wird Reis stets salzlos bereitet.“ Krause sollte es wissen; er ist mit einer Asiatin verheiratet. Auf jeden Fall hat der Juror seinen Ehrgeiz geweckt und seine Schüler so indirekt nach Erfurt gebracht - und vielleicht sogar aufs Treppchen.

Rezept: Sellerieschaumsuppe

Zutaten:

300 g Sellerie

2 - 3 Stück Bourbone Vanille

700 ml Hühnerbrühe

300 g Sahne

100 g Butter

Zitronensaft, Cayennepulver, Salz

200 g Sellerie

100 g Sahne

Pfeffer, Muskat, Salz, Mehl, Eimasse, Semmelbrösel, Fettbad

Zubereitung: Sellerie in Butter farblos anschwitzen und mit Hühnerbrühe auffüllen, ca. 25 Minuten köcheln lassen, Vanille hinzufügen. Zum Schluss Sahne dazu und mit Gewürzen abschmecken. Alles mit Stabmixer pürieren und passieren. Als Garnitur vom Staudensellerie die gelben Blätter.

Selleriepüree: Geputzt und gewürfelten Sellerie in die Sahne/Milch geben und bei kleiner Hitze weich garen. Weiches Gemüse herausnehmen und im Mixer ganz fein pürieren. Mit Gewürzen abschmecken. 1 Teil als Füllung für Einlage Suppenteller / 1 Teil als Füllung für Tasche.

Tasche: Eine ganz große Knolle Sellerie (geschält) auf der Aufschnittmaschine in dünne Scheiben (nur die Scheiben benutzen die kein Loch in der Mitte haben) schneiden. Scheiben in Salzwasser garen, müssen noch leicht bissfest sein. Gegarte Scheiben mit einem Ausstecher rund ausstechen (10 cm). Nun einen Teelöffel Selleriepüree in die Mitte der Scheibe setzen, die inneren Ränder dünn mit Eiklar bestreichen und zum Halbmond zusammenklappen. Taschen nun wie ein Schnitzel panieren. Tasche im Fettbad oder in der Pfanne goldgelb braten.

 

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