Erstaufnahmeeinrichtung überzeugt

„Im Helfen ist Offenbach ganz groß!“

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Viele aufgeschlossene Menschen, die auch keine Scheu vor den vielen Kameras der Medien haben, erlebte der hessische Sozialminister bei seinem Besuch im Flüchtlingsquartier am Kaiserlei.

Offenbach - In der Erstaufnahmeeinrichtung am Kaiserlei scheint er ruhiger geworden zu sein. Dem hessischen Sozialministers Stefan Grüttner und dem grünen Landtagsabgeordneten Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn wird eine gut funktionierende Unterkunft präsentiert. Von Rebecca Röhrich 

Das Engagement der Ehrenamtlichen kommt endlich an. Über das Bild haben sich Grüttner und Strengmann-Kuhn bei ihrem Besuch im Offenbacher Flüchtlingsdomizil bestimmt gefreut: Zehn junge Männer sitzen in einem Stuhlkreis zusammen. Gemeinsam mit Simone Krämer üben sie Deutsch. Die ehrenamtliche Lehrerin hat dafür eine Tafel mit Zahlen, Wochentagen und Monaten auf dem Schoß. Die Jungs sollen auf Deutsch sagen, wann sie Geburtstag haben. Amir ist schon richtig gut. Zögerlich kann er bereits auf weiterführende Fragen der ehrenamtlichen Lehrerin antworten. „Konversation ist das A und O, wenn man eine Sprache lernen will“, sagt die studierte Kulturwissenschaftlerin.

Der Konversationskurs ist eins der Projekte, die in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (HEAE) erfolgreich angelaufen sind. Weitere sollen bald folgen. In der ehemaligen Gewerbehalle herrscht eine ruhige Atmosphäre. Familien sitzen auf den Bierbänken im Gemeinschaftssaal und essen. Der angrenzende Wäscheraum, in dem seit Kurzem sechs Waschmaschinen den Menschen zur Verfügung stehen, verbreitet den Duft von frischer Wäsche. Kleine Kinder toben durch die Räume, Menschen sitzen zusammen, unterhalten sich ruhig. Alles ist sauber. Die Startschwierigkeiten scheinen inzwischen behoben.

Simone Krämer bietet Deutschkurse an

Im Herbst vergangenen Jahres, als die HEAE eingerichtet wurde, gab es noch Kritik von allen Seiten: So soll es vermehrt zu Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen gekommen sein. Ein Grund: mangelnde Beschäftigung. Es gab kein W-Lan, so dass Asylsuchende kaum Möglichkeiten hatten, in Kontakt mit ihren Familien in der Heimat zu treten. Dieser Umstand hat zusätzlich für Spannungen gesorgt. Auch die ehrenamtliche Hilfe lief noch nicht reibungslos und kam oft nicht an. Von Lagerkoller und Diskriminierung bestimmter Ethnien war damals die Rede. „Am Anfang war es ziemlich chaotisch, aber mittlerweile haben wir das Chaos sortiert“, sagt Thomas Lüth, der die HEAE am Kaiserlei leitet. Auch die Verteilung der Menschen auf die Kommunen funktioniere gut. Die Asylsuchenden blieben durchschnittlich acht Wochen in der Erstaufnahmeeinrichtung.

Stefan Grüttner zeigt sich beeindruckt von der Kleiderkammer.

Sortiert heißt: Mittlerweile sei das Essen auf die Bedürfnisse der Einrichtungsbewohner abgestimmt, Internet sei auf dem ganzen Gelände vorhanden. Aber laut Lüth ist es vor allem die ehrenamtliche Hilfe, die bei den Menschen ankommt. „Im Helfen sind die Offenbacher ganz groß!“, freut sich Lüth. Der Mann weiß, wovon er spricht; es ist nicht die erste Unterbringung für Flüchtlinge in Hessen, die er im Auftrag des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) leitet. „So viel Unterstützung aus der Bevölkerung habe ich noch nirgendwo erlebt“, so das erste Fazit seiner Arbeit in Offenbach.

„Die freiwilligen Helfer sind unverzichtbar“, bestätigt Strengmann-Kuhn. Und Sozialminister Grüttner ergänzt, dass deshalb die ehrenamtliche Hilfe dieses Jahr mit 2,5 Millionen Euro vom Land unterstützt wird. Auch die Flüchtlingshilfe der Stadt Offenbach soll mit dem Geld unterstützt werden. Ein gutes Beispiel für die Bedeutung der ehrenamtlichen Arbeit in der Flüchtlingskrise ist die Kleiderkammer, die ausschließlich von Freiwilligen betreut wird. Sogar die Regale und Kleiderstangen sind gespendet. Auch die Zahl der Freizeitangebote wachse kontinuierlich, berichtet Evelyn Weiß. Sie koordiniert die ehrenamtlichen Angebote und fungiert als Schnittstelle zwischen Einrichtung und Flüchtlingshilfe.

Mittwochs gibts es fortan eine Technik-AG, die ein Offenbacher Ingenieur Asylsuchenden anbietet, die technische Berufe erlernt haben. Ein Unternehmen aus der direkten Nachbarschaft der Flüchtlingsunterkunft lädt interessierte Menschen dazu ein, am Betriebssport teilzunehmen. Vor allem die Laufgruppe stößt auf reges Interesse, berichtet Leiter Lüth. Dazu kommen zahlreiche Angebote für Kinder und Kreativworkshops. Auch ein Keyboard und zwei Gitarren seien gespendet worden. Kooperationen mit Offenbacher Musikern, aber auch mit Sportvereinen sind geplant, berichtet Weiß. Dass die Stimmung friedlicher geworden ist, führen die Verantwortlichen auch darauf zurück, dass die Bewohner „die deutschen Werte stärker verinnerlicht hätten“ und auch praktizierten. Sie hätten gelernt, dass man sich „in Deutschland in einer Schlange anstellt“. Seitdem komme es bei der Essenausgabe auch nicht mehr zu Konflikten.

Flüchtlingsunterkunft am Kaiserlei: Bilder

„Die Wertevermittlung beginnt bereits in der Erstaufnahmeeinrichtung“, freut sich Sozialminister Grüttner. „Mit kooperativer Zusammenarbeit aller Beteiligten wird ein Grundstein für eine gelingende Integration gelegt“, schlussfolgert der Christdemokrat aus der Situation am Kaiserlei. Die Tatsache, dass die Bleibe bei einer Kapazität für bis zu tausend Menschen aktuell nur zur Hälfte belegt ist, trägt sicher zu der ruhigen Atmosphäre bei. Koordinatorin Weiß bestätigt diese Vermutung: Noch im November habe es eine höhere „Drängeldichte“ gegeben. Hessenweit sollen Turnhallen, die als Notunterkünfte für die Erstaufnahme herhalten mussten, geräumt werden. So wird in der HEAE am Kaiserlei in den nächsten Tagen mit bis zu 500 neuen Bewohnern gerechnet.

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