Helfen statt bloß gaffen

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Was eigentlich jeder können sollte: Helmut Drebus, ehrenamtlicher Rettungsassistent und Mitglied im ASB-Vorstand, demonstriert am Kollegen Olaf Perez Preiß die Herzdruckmassage.

Offenbach ‐ 1. Dezember 2009: Ein Mann klappt in der Ludwigstraße zusammen, nur das rechtzeitige Eintreffen der Erste-Hilfe-Einheit der Feuerwehr rettet ihm das Leben, Augenzeugen gaffen bloß. Von Thomas Kirstein

Wohl auch, weil sie sich wegen Unsicherheit nicht trauten einzugreifen. Sabine Perez Preiß, Ausbilderin und Lehr-Rettungsassistentin beim Arbeiter-Samariter-Bund (ASB), nimmt einen Vorfall in der Offenbacher Innenstadt zum Anlass für einen dringlichen Appell, sich wieder einmal mit Sofortmaßnahmen am Unfallort vertraut zu machen: „Sie schlagen ohne Ankündigung zu; sie enden in vielen Fällen tödlich; sie suchen sich ihre Opfer nicht nach Alter, Status, Aussehen oder Geschlecht; sie nehmen keine Rücksicht auf Uhr- oder Jahreszeiten, Geburtstage, Jubiläen oder Weihnachten; sie kommen im Schlaf oder auf offener Straße: Attacken wie Lungenembolien oder Herzinfarkte fordern jeden Tag unzählige Menschenleben.

Viele denken: Trifft mich nicht, und wenn doch, sind doch genügend Menschen da, die helfen können. Das ist aber kaum der Fall. Dass jeder, der einen Führerschein besitzt, einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert hat und das Erlernte anwenden können sollte, ist die Theorie. Die Realität sieht anders aus: Vom Wissen her können höchstens zehn Prozent der Kursabsolventen helfen, da das Wissen rund um die Erste Hilfe recht kurze Halbwertzeiten hat. Im Ernstfall stellt sich dann noch die Frage, ob sie es dann auch wollen oder wagen.

Herzdruckmassage ist äußerst simpel

Das zeigt die Offenbacher Geschichte: Der Mann erleidet auf der Straße vor den Augen einer Vielzahl von Menschen einen Kreislaufstillstand. Regungslos bleibt er auf der Straße liegen, und was passiert? Nichts. Er liegt da, kämpft um sein Leben, aber nicht einer kommt zu ihm, um ihm die überlebenswichtige Herzdruckmassage zu geben. Stattdessen gaffen Gäste eines Cafés wie Eis lutschende Mondkälber.

In jeder Minute, in der dem Opfer nicht geholfen wird, sinken seine Überlebenschancen um zehn Prozent. Das bedeutet, das nach bereits fünf Minuten ein irreversibler Hirnschaden eintritt, wenn nicht sofort die Herz-Lungen-Wiederbelebung durchgeführt wird. Dabei ist die Herzdruckmassage äußerst simpel. Bereits Grundschulkinder können sie anwenden.

Wollen sich die erwachsenen Gaffer damit herausreden, dass sie nicht gewusst hätten, was zu tun wäre? Die Entscheidung, den Rettungsdienst zu alarmieren, war ja durchaus richtig, aber eben bei weitem nicht ausreichend. Möglicherweise für das Hirn bereits zu spät erfährt das Opfer endlich rettende Zuwendung durch die tüchtige Erste-Hilfe-Einheit der Berufsfeuerwehr, die es schafft, das Leben des Mannes zu erhalten. Gemeinsam mit Rettungsassistenten und Notarzt gelingt die Wiederherstellung eines eigenen Kreislaufs, so dass der Patient auf eine Intensivstation gebracht werden kann.

Aber die Tatsache, dass es der Mann bis ins Krankenhaus geschafft hat, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Rettungskette von Seiten der Augenzeugen überhaupt nicht funktionierte. Auch kann die Fehleinschätzung entstehen, dass man auch in Zukunft niemandem helfen muss - die professionellen Retter haben die Sache doch alleine in den Griff bekommen...

Mit Blaulicht ist man nicht unbedingt schneller

Wer nicht hilft, macht sich auch juristisch strafbar. Unterlassene Hilfeleistung kann mit Geldstrafe oder bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe belangt werden. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass jeder verpflichtet ist, Erste Hilfe zu leisten, soweit diese zumutbar ist. Eine Herzdruckmassage ist immer zumutbar, ohne Ausnahme. Bei Befragungen geben potentielle Helfer häufig an, dass sie Angst hatten, etwas falsch zu machen. Dabei ist der schlimmste Fehler, untätig zu bleiben. Tatsache ist, dass viel mehr Menschen gerettet werden könnten, wenn es nicht an couragierten Ersthelfern mangelte.

Wir haben in Deutschland das unschätzbare Glück, einen sehr gut organisierten Rettungsdienst zu haben. Doch auch dieser ist eben nicht in der Lage, innerhalb von zwei Minuten bei einem Patienten zu sein. Das beginnt schon mit dem Notruf. Dabei kann viel wertvolle Zeit verloren gehen, weil die Betreffenden nicht in der Lage sind, klare Angaben zu machen oder schlicht nicht wissen, welche Nummer zu wählen ist. Der Rettungswagen ist rasch von den Beamten der Leitstelle alarmiert, aber selbst mit Blaulicht und Martinshorn ist man nicht unbedingt schneller, sieht man sich das oft rücksichtslose Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer an.

Ungünstig geparkte Fahrzeuge machen es den Rettungsdiensten nicht einfacher. Dann stehen die Retter oft vor verschlossenen Türen, weil die Hausordnung vorschreibt, dass ab 20 Uhr die Eingangstür abzuschließen ist. Der Patient mit dem Infarkt in der dritten Etage kann allenfalls den Türöffner betätigen, aber aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr die Treppe herunterkommen - wertvolle Zeit verrinnt.

Deswegen benötigen wir so dringend mutige Helfer in der Bevölkerung. Übrigens: Eine Petition beim Bundestag, die verlangte, dass jeder Führerscheinbesitzer alle fünf Jahre verpflichtend eine Auffrischung in den wichtigsten Elementen der Ersten Hilfe machen müssen, wurde abgewiesen. Begründung: Wir haben genügend Ersthelfer...“

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