Amtsgericht verurteilt zu drei Jahren und vier Monaten Gefängnis wegen Beihilfe zum Betrug

Helfer des Finanzjongleurs

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Offenbach - Es kommt nicht oft vor, dass in einem Strafverfahren der wichtigste Zeuge viel mehr Dreck am Stecken hat als der Angeklagte. So geschehen jetzt bei einem Prozess um Anlagebetrug vor dem Amtsgericht Offenbach. Von Matthias Dahmer 

Angeklagt vorm Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Manfred Beck ist Marcel H. Dass er am Ende wegen Beihilfe zum Betrug zu drei Jahren und vier Monaten verurteilt wird, gerät zur Nebensache angesichts des Zeugen-Auftritts von Norbert Wöstenberg, der in Handschellen in den Sitzungssaal geführt wird. Der 51-Jährige, ein massiger, von Gefängnisblässe etwas gezeichneter Mann in Sweatshirt und dunkelgrauer Stoffhose, war Chef von Marcel H. Er wurde im Juni zu achteinhalb Jahren verurteilt und sitzt deswegen in der JVA Dieburg.

Wöstenbergs kriminelle Karriere ist beachtlich: Bereits in den 90er-Jahren bezeichnete ihn – der sich damals noch Norbert Metzler nannte – das Nachrichtenmagazin „Focus“ als einen „der größten Anlagebetrüger der Nachkriegszeit“. Viele hundert Millionen Euro habe er, der bei einem Freigang heiratete und den Namen seiner Frau annahm, in den vergangenen 25 Jahren ergaunert, berichtet der Norddeutsche Rundfunk. 50 Millionen davon soll er noch irgendwo gebunkert haben. Es war Geld von den Johanniter-Ordensbrüdern aus Schwerin, von Carsten Maschmeyers Allgemeinem Wirtschaftsdienst AWD in Hannover, von der Volkssolidarität, von Politikern, Anwälten und sogar von den Rockern der Hells Angels. Als Sportsponsor betätigte sich Wöstenberg etwa bei Kati Witt, den Berliner Eisbären oder Hansa Rostock. Seine Firmen, die nach dem Schneeballprinzip arbeiteten, hießen Travimpex GmbH, Interplan Management, CMC Castell Management Consult GmbH oder zuletzt Fruitfactor24 GmbH mit Sitz in Rodgau-Dudenhofen.

Die Manipulationskraft des Norbert Wöstenberg war offenbar enorm: Selbst im Knast, ab dem Jahr 2000 saß er in Bützow in Mecklenburg-Vorpommern ein, gelang es ihm, Justizbedienstete mit Renditeversprechen zu ködern. Acht von ihnen sollen ihr Erspartes bei seiner Firma angelegt haben. Über die Fruitfactor 24 GmbH, deren Angestellter Marcel H. war, sollen seit 2011 mehr als 1000 Anleger geprellt worden sein. Sie wurden mit Nahrungsergänzungsmitteln, die man bei Vorträgen in Hotels und Gaststätten anpries, als Kunden gelockt, um ihnen anschließend noch im selben Raum dubiose Finanzprodukte zu verkaufen.

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Richter Manfred Beck geht davon aus, dass auf diese Weise mindestens drei Millionen Euro innerhalb eines Jahres eingenommen wurden. Dabei handelte es sich nur um die gebuchten Gelder. Die Höhe des Schwarzgelds ist unbekannt. Zirka eine Million floss an die Anleger zurück, 1,5 Millionen sollen Wöstenberg und seine Mitarbeiter für ihr Luxusleben ausgegeben haben. Bei der Zeugenbefragung des Häftlings Wöstenberg blitzt mitunter dessen rhetorisches Talent auf. Mühelos und verständlich beschreibt der gelernte Bankkaufmann die komplexen betrügerischen Transaktionen, kann sich dabei Belehrungen von Verteidiger und Staatsanwalt nicht verkneifen.

Dem Angeklagten Marcel H. gelingt es indes nicht, seine Rolle im Betrugssystem kleinzureden und sich lediglich als Handlanger darzustellen. Er hatte fünf Mitarbeiter unter sich und musste, obwohl letzlich Wöstenberg alles vorgelegt bekam, gewusst haben, dass das Ganze nicht mit rechten Dingen zuging. Sein damaliger Chef bezeichnet ihn im Zeugenstand unwidersprochen als „zweitstärksten Umsatzbringer nach mir“.

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