Helles Licht am dunklen Ort

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Hans-Jürgen W. Lange, Facharzt für Innere Medizin in Neu-Isenburg, ist selbst mit gutem Beispiel vorangegangen und hat sich einer Darmspiegelung unterzogen.

Offenbach - Das Ziel wurde schneller erreicht als gedacht, die Kampagne läuft weiter - dieser Zwischenstand steht bei der Aktion „1000 mutige Männer für Offenbach“ zur Darmkrebsprävention fest. Bis Ende 2012 haben sich 1133 Männer über 55 Jahren einer Darminspektion unterzogen. Von Harald H. Richter

Kurz bevor sich das Jahr dem Ende neigt, herrscht bei der internistischen Praxisgemeinschaft Neu-Isenburg noch einmal Hochbetrieb. Im Ärztezentrum an der Robert-Koch-Straße geben sich bei Facharzt Hans-Jürgen W. Lange und seinen Kollegen Patienten die Klinke in die Hand, darunter jede Woche auch etwa zwei Dutzend, die sich zur Darmspiegelung entschließen.

Frauen bilden freilich die Mehrzahl, was Lange damit begründet, dass sie „Vorsorge-disziplinierter“ sind als Männer. Nach seiner Einschätzung hat sich aber beim männlichen Geschlecht durchaus die Bereitschaft verstärkt, sich einer Koloskopie zu unterziehen, zumal die Kosten bei Männern ab dem 55. Lebensjahr von den Krankenkassen übernommen werden. Bei einem unauffälligen Ergebnis wird zu einer Wiederholung der Untersuchung erst wieder nach zehn Jahren geraten.

Ein Erfolg, den Lange auch auf die Kampagne „1000 mutige Männer für Offenbach“ zurückführt. „Manchmal haben die Frauen ihre Ehemänner aber auch gehörig angetrieben“, weiß der Internist aus Gesprächen mit seinen Patienten. Trotzdem bleiben die Zahlen hinter denen der Brustkrebsvorsorge zurück. In jenem Bereich macht etwa jede dritte Anspruchsberechtigte von der Möglichkeit Gebrauch, sich untersuchen zu lassen. Dies geschieht allerdings im Einladungsverfahren durch die Krankenkassen.

Frühzeitiges Erkennen

Bei der Darmkrebsprävention ist das nicht der Fall - mit der Folge, dass sich lediglich etwa 13 bis 14 Prozent der Berechtigten zu einer Koloskopie entschließen. Anspruchsberechtigte sollten künftig generell im Einladungsverfahren von solchen Vorsorgemaßnahmen profitieren können, empfiehlt Lange und teilt diese Einschätzung mit vielen Ärztekollegen. Das würde die Quoten merklich bessern und dem eigentlichen Anspruch des Gesundheitsmanagements gerecht werden, Erkrankungen erst gar nicht entstehen zu lassen. Ein entsprechender Vorstoß des hessischen Sozialministeriums trug allerdings bislang keine Früchte, weil dazu eine bundeseinheitliche Regelung getroffen werden müsste. Doch die ist zurzeit nicht in Sicht.

Daher kommt es besonders auf eine intensive Kooperation und regelmäßige Kommunikation zwischen behandelnden Hausärzten und den Gastroenterologen an, um Darmkrebsgefahren bei den Patienten frühzeitig zu erkennen und entsprechend rasch eingreifen zu können. Gemeinsame Fortbildungen auch für das Praxispersonal stellen einen wichtigen Faktor dar. Der Hausarzt gilt im Übrigen als ein unentbehrlicher Motivator, hat er als Vertrauensperson doch maßgeblichen Einfluss auf die Entscheidung des Patienten. Ebenso ist die interkollegiale Zusammenarbeit mit den klinischen Chirurgen von Bedeutung, sagt Lange und nennt beispielhaft Professor Ernst-Walter Hanisch (Asklepios Klinik Langen) und den Projektleiter der Kampagne „1000 mutige Männer für Offenbach“, Professor Andreas Zielke (Klinikum Offenbach).

Es gibt auch positive Ausnahmen

Nachholbedarf besteht jedoch hinsichtlich der Krebsprävention in Betrieben, wobei einige Großunternehmen wie Lufthansa, Fraport, Telekom oder die Darmstädter Merck-Gruppe löbliche Ausnahmen bilden. Auch einige Mittelständler haben die Sinnhaftigkeit der Vorsorge für ihre Mitarbeiter erkannt. Es könnte aber noch mehr getan werden – eine Daueraufgabe auch für den Arbeitsmedizinischen Dienst und die Gesundheitsämter.

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Alles fürs Wohlbefinden

Die internistische Gemeinschaftspraxis Neu-Isenburg mit ihrem weiten Einzugsbereich – einige Patienten kommen sogar aus Mainfranken – bilanziert pro Jahr etwa 5.000 Endoskopien, präventive wie diagnostische. Darunter befinden sich rund 3.200 Darminspektionen. Allein für Lange bedeutet das im Laufe eines Jahres mehr als 1.000 Untersuchungen. Von Massenabfertigung könne dennoch keine Rede sein. Jedem einzelnen Patienten werde hohe Aufmerksamkeit und Hinwendung entgegengebracht, heißt es. Vor allem soll Wartezeit tunlichst vermieden werden. „Nichts ist ärgerlicher, als dass ein Patient, der sich für eine Darmspiegelung entschieden hat, wieder nach Hause geht, weil ihn in den letzten Minuten vor der Untersuchung im Wartezimmer plötzlich Zweifel befallen“, sagt der Facharzt für Innere Medizin. Das einführende Vorgespräch, die Untersuchung des Verdauungstraktes und gegebenenfalls die Entfernung des Darmpolypen, das Abschlussgespräch und die Ruhephase, die der Patient nach dem ambulanten Eingriff zum Abklingen benötigt – alles muss sein wie aus einem Guss. Mitunter ist der Patient noch nicht wieder daheim, da ist die Befundstellung bereits dem behandelnden Hausarzt übermittelt.

Eine kleine Untersuchung

Die Darmspiegelung selbst ist die einzige invasive Untersuchung, die sowohl zur Vorbeugung als auch zur Früherkennung von Darmkrebs dient. Der Darm wird dabei auf Polypen oder Tumore inspiziert. Polypen sind an sich gutartige Geschwülste, die sich aber zu Tumoren weiterentwickeln können. Nicht jeder Polyp wird zum Tumor, aber jeder Tumor war ein Polyp. Deshalb ist es gut, Bescheid zu wissen und gegebenenfalls einzugreifen, bevor man ein echtes Problem bekommt. Darmkrebs gehört zu den Erkrankungen, die kaum oder erst spät Beschwerden verursachen. Aus diesem Grund hat neben der Vorbeugung die Früherkennung eine besondere Bedeutung. Für eine vollständige Heilung ist das Erkennen der Erkrankung in einem frühen Stadium entscheidend.

Einer, der die Darminspektion bereits hinter sich hat, ist Josef Pappert. Der 66-Jährige räumt mit dem Vorurteil auf, der Eingriff sei schmerzhaft: „Halb so wild.“ Das einzig Unangenehme sei die Vorbereitung gewesen.

Damit die Darmspiegelung optimal funktioniert, wird bereits am Vortag der Untersuchung der Darm mit Abführmitteln völlig entleert. Da sind reichliche Flüssigkeitszufuhr und häufige Toilettengänge eben nicht zu vermeiden. Die Untersuchung an sich dauert etwa 20 Minuten. Auf Wunsch erhält der Patient ein Medikament, das ihn in einen leichten Dämmerschlaf versetzt, so dass er von der Erforschung seines Verdauungstraktes kaum etwas bemerkt. Der Arzt führt einen Schlauch mit einer Kameraoptik ein, so dass der gesamte Darm einsehbar wird. Weil der Darm keine Nervenzellen hat, tut das nicht weh. Nur in den Kurven entsteht ein Gefühl wie bei Blähungen. Werden Polypen gefunden, können sie in den meisten Fällen während der Darmspiegelung schmerzlos entfernt werden. Durch diese Methode wird die Wahrscheinlichkeit, an Darmkrebs zu erkranken, stark gesenkt.

Ungenaue Stuhltests

Trotzdem scheuen noch immer viele Männer den Darmcheck. Als Alternative bleiben ihnen die Tests auf Blut im Stuhl, denn Darmtumoren, auch ihre Vorstufen, haben die Tendenz zu bluten. Die gebräuchlichen Stuhltests sind jedoch ungenau, weil sie unter anderem auf alle Arten von Blut reagieren. Da genügt es schon, Blutwurst gegessen zu haben, und schon fällt der Okkultbluttest positiv aus. Besser sind die neuen, immunologischen „M2-PK-Tests“. Sie sind empfindlicher und erkennen ausschließlich menschliches Blut. Die Bestimmung im Stuhl erfolgt durch ein antikörperbasiertes Nachweisverfahren. Der Test fällt nur positiv aus, wenn es irgendwo im Darmtrakt eine Blutung gibt. Ein positiver Test bedeutet aber nicht automatisch die Diagnose Krebs. Auch blutende Hämorrhoiden könnten zum Beispiel die Ursache sein. Trotzdem muss natürlich jeder positive Test durch eine Darmspiegelung abgeklärt werden. Da es sich um eine Individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) handelt, zahlen die Krankenkassen einen solchen immunologischen Test nicht. Die Kosten für den Patienten beziffert Lange auf etwa 25 bis 30 Euro. Hundertprozentige Sicherheit bietet dieses Verfahren jedoch auch nicht, die Erfolgsquote beziffert der Internist aber auf immerhin 80 Prozent. Absolute Gewissheit hat man letztlich nur mit einer Darmspiegelung.

Und so wird weiter um mutige Männer für die Darmkrebsuntersuchung geworben. Natürlich trägt Mundpropaganda zufriedener Patienten dazu bei, Vorsorgemuffel aus der Reserve zu locken. Aber auch die Mediziner selbst gehen mit gutem Beispiel voran. „Natürlich habe ich ebenso wie weitere Ärzte den Darmcheck machen lassen“, sagt Lange. Und bei einem seiner Berufskollegen ergab sich sogar Behandlungsbedarf. Doch früh erkannt, bedeutete auch in diesem Fall schnell geheilt.

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