Tradition in jungen Händen

Helma Fischer übergibt Steinmetz'sche Buchhandlung an Lisa Schumacher

Die Buchhandlung bleibt weiblich: Lisa Schumacher (37) übernimmt die Steinmetz’sche und alle Mitarbeiterinnen von Helma Fischer (70).
+
Die Buchhandlung bleibt weiblich: Lisa Schumacher (37) übernimmt die Steinmetz’sche und alle Mitarbeiterinnen von Helma Fischer (70).

Die Traditionsbuchhandlung in der Innenstadt von Offenbach bekommt eine neue Geschäftsführerin.

  • Die Steinmetz'sche Buchhandlung in Offenbach bekommt eine neue Geschäftsführerin
  • Neue Geschäftsführung nach 40 Jahren
  • Buchhandlung soll ihren Charakter bewahren

Offenbach – Seit einem halben Jahrhundert verbinden Kunden die Steinmetz’sche Buchhandlung mit dem Gesicht von Helma Fischer. Sie hat in dem 1835 gegründeten Traditionsgeschäft ihren Beruf erlernt, war etwa 40 Jahre lang Geschäftsführerin, die vergangenen fünfeinhalb Jahre auch Inhaberin. „Mit großem Vergnügen“, wie die Frau betont, die diesen Treffpunkt Offenbacher Leser geprägt hat. Jetzt, mit 70 Jahren, gibt Helma Fischer ihr Lebenswerk in jüngere Hände: Ab 1. April ist Lisa Schumacher (37) neue Hausherrin.

Neue Geschäftsführerin für Buchhandlung ist studierte Germanistin und Romanistin

Der Zeitpunkt war geplant, die Umstände sind es nicht. Montag und Dienstag sollten Kunden Gelegenheit haben, sich von Fischer zu verabschieden, Schumacher kennenzulernen. Fischer wollte ein letztes Schaufenster mit historischen Fotos gestalten, Schumacher zum ersten Mal aufschließen. Jetzt ist wegen Corona zu, aber eine Stallwache da. Bestellen ist möglich unter z 069 884700, E-Mail steinmetz-buch@t-online.de, www.steinmetz-buch.de, und dienstags bis freitags wird nach Hause geliefert.

Ebenfalls erhalten bleibt die geballte Fachkompetenz. Barbara Groll, Ingrid Prager, Claudia Weber und Andrea Weinberger, laut Fischer „gestandenes Steinmetzvolk“, sind weiter dort tätig.

Die Neue ist auch in der Branche eine solche. Geboren ist Lisa Schumacher 1983 in Frankfurt, aufgewachsen in Friedrichsdorf im Taunus. „Nach dem Abitur bin ich ein Jahr auf Weltreise gegangen und habe mir ein weiteres Jahr gegeben, mir meinen Traum zu erfüllen.“ Schauspielerin wollte sie werden, fand aber keine Schule. Also studierte sie Germanistik und Romanistik an der Goethe-Universität. Thema ihrer Magisterarbeit: „Die literarische Darstellung des Holocaust bei Edith Bruck“, einer ungarischen Auschwitz-Überlebenden. „Daneben habe ich gute Praktika absolviert, zum Beispiel im Verlag Weissbooks und beim Kulturamt, und geschaut, dass ich mich in Frankfurt vernetze.“

Schon vor der Übernahme war Schumacher lange Kundin der Buchhandlung in Offenbach

Praktisch sofort fand die Absolventin eine Festanstellung. Achteinhalb Jahre lang, bis Ende 2019, leitete sie am Literaturhaus Frankfurt das Kolleg Schöne Aussicht, ein Projekt zur Lehrerfortbildung. „Ich habe mit Schülern und Erwachsenen gearbeitet, Schriftsteller betreut, Gäste begrüßt“, berichtet sie, „das war ein echter Glücksfall.“

Doch immer war da der Gedanke an Selbstständigkeit. Und als Schumacher auf der Webseite des Börsenvereins las, dass in Offenbach eine eingesessene Buchhandlung in bester Lage zum Verkauf stand, wusste sie sofort: „Das kann nur die Steinmetz’sche sein!“ Seit 2018 wohnt sie mit ihrem Mann Dr. Sebastian Nemetz, Anästhesist in der Notaufnahme des Sana-Klinikums, und den zwei Kindern (zwei und fünf Jahre alt) schräg gegenüber des Ladens an der Frankfurter Straße, ist dort treue Kundin.

Ein Ort zum Verweilen in Offenbachs Innenstadt

Blindlings ins Abenteuer gestürzt hat sich die Jung-Unternehmerin nicht. „Ich habe mir die Zahlen angeschaut, einen Businessplan geschrieben, einen Finanzplan aufgestellt, mich um ein Darlehen gekümmert. Anders hätte ich das nicht gemacht.“ Als Kind zweier Selbstständiger ist Schumacher angstfrei, aber durchaus risikobewusst.

Große Änderungen plant sie nicht. Die Wohlfühlatmosphäre will sie erhalten, das Angebot an Kinder- und Jugendliteratur erweitern, um Lesenachwuchs anzulocken. „Das Potenzial ist da“, ist sie sich sicher. Baulich will sie behutsam Kleinigkeiten ändern, dabei den 60er-Jahre-Charme bewahren. „Es soll ein Ort sein, an dem die Menschen sich gern aufhalten, auch länger verweilen.“

Eine Einladung zum 200. Geburtstag der Buchhandlung?

Für ihre Vorgängerin ist Schumacher voll des Lobes. „Bei den Besprechungen zur Übergabe war sie ein Goldschatz, davon können sich andere Unternehmerinnen eine ganz, ganz dicke Scheibe abschneiden“, schwärmt sie über Fischer. Unaufgeregt, sachlich, hilfsbereit, offen, fair sind Adjektive, die ihr einfallen. „Ich glaube, wir wären ein Superteam gewesen.“ Die so Gewürdigte gibt das Kompliment zurück: „Ich bin überzeugt, die richtige Nachfolgerin gefunden zu haben.“

Helma Fischer glaubt nicht, dass ihr im Ruhestand langweilig wird. Ihre Wohnung will sie entrümpeln und – Überraschung! – lesen. „Vor allem möchte ich mich in ein Thema vertiefen, es von verschiedenen Seiten betrachten. Das ist im Beruf zu kurz gekommen.“ Besuch von Lesungen, Teilhabe am öffentlichen Leben steht auf ihrer Agenda, eins indes nicht: „Ich werde nicht in der Buchhandlung sein. Bestellen kann ich ja per Telefon und E-Mail.“ Allerdings hofft sie auf eine Einladung zum 200. Geburtstag. Das wäre 2035...

VON MARKUS TERHARN

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare