Gesundheit von Offenbacher Kinderzähnen

Herkunft beeinflusst Karies

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Spätestens sobald der erste Zahn durchgebrochen ist, sollten schon Kleinkinder mit dem Zähneputzen beginnen.

Offenbach - Die zahnärztlichen Untersuchungen im Offenbacher Schuljahr 2013/14 bestätigen erneut eine bekannte Erkenntnis: Je größer der Anteil an Kindern aus Einwandererfamilien, um so höher ist in den Schulen der registrierte Anteil an schlechten Gebissen. Von Thomas Kirstein 

Eine Studie, die 2009/2010 die Zahngesundheit von Erstklässlern in zwölf Kreisen und kreisfreien Städten Hessens verglich, führte Offenbach als die Kommune mit dem höchsten Karieswert. Daran dürfte sich zwischenzeitlich nicht viel geändert haben; es gibt keinen jüngeren Vergleich, der verrät, ob der zweitschlechteste Odenwaldkreis Offenbach inzwischen überrundet hat. Der aktuelle Bericht des Offenbacher Gesundheitsamts vermeldet: Das Niveau der Zahngesundheit im Schuleintrittsalter habe sich in den letzten Jahren nicht signifikant zum Besseren verändert. Trotz Kombination von individueller Vorbeugung und Therapie durch niedergelassene Zahnärzte mit der Gruppenprophylaxe in Krabbelstuben und Kindergärten.

Je höher desto besser: Die Grafik des Stadtgesundheitsamts zeigt für die einzelnen Grundschulen den prozentualen Anteil der Sechs- und Siebenjährigen mit einem „naturgesunden“ Gebiss (in Klammern die absolute Zahl der Schüler ohne Karies). (Bild vergrößern)

Versäumnisse im familiären Umfeld sind wahrscheinlich. Wie Dr. Andreas Prenosil, der Leiter der Abteilung Zahnmedizin im Stadtgesundheitsamt, ergänzt, haben aber nicht nur Herkunft, sondern auch Sozialstatus und Bildungsniveau entscheidenden Einfluss auf den Zustand von Kindergebissen. Die Lage einer Schule im Stadtgebiet und davon abhängig ihre Migrantenquote und ihr Sozialgefüge haben Einfluss auf ihre Durchschnittswerte bei den Früherkennungsuntersuchungen. Völlig aus dem Rahmen – positiv – fällt die private Erasmusschule. Ansonsten gilt die Faustregel: Die Karies nimmt mit Entfernung zur Innenstadt ab. Ausreißer sind allerdings die Bieberer Außenstelle in Waldhof, die Lauterborn- und die Waldschule Tempelsee.

Bei den Zwölfjährigen registrierten die Schulzahnärzte zwei Drittel völlig kariesfreie Gebisse. Hier spielt die Schulform eine Rolle. Das Gesundheitsamt nennt die Extreme: An der Marienschule haben 82,7 Prozent der Mädchen nur gesunde Zähne, bei den Jungen und Mädchen der innerstädtischen Mathildenschule sind es nur 41,3. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt für 2020 das Ziel vor, dass 80 Prozent der Sechsjährigen kariesfreie Milchgebisse haben sollen. Für Offenbach bleibt das illusorisch, räumt Dr. Prenosil in seinem Bericht ein. Lediglich 46,5 Prozent sind es momentan und ein Forcierung ist schwierig: Nicht allen Elternhäusern sind Bedeutung einer gewissenhaften Mundpflege sowie gesteigertes Bewusstsein für eine die Zahngesundheit fördernde Ernährung zu vermitteln. Bis zur Einschulung können noch Kindergärten segensreich eingreifen: mit gemeinsamem Frühstück und Zähneputzen nach den Mahlzeiten, mit Verzicht auf Süßigkeiten am Vormittag. Mit dem ersten Schultag ist das vorbei.

Dann zeigt sich oft der Zusammenhang zwischen einer Ernährung, die Trümmerlandschaften in Kindermündern begünstigt, und dem jeweiligen Migrations- oder Bildungshintergrund. Faktoren, die auch die Bereitschaft, einen Zahnarzt aufzusuchen, beeinflussen: Besonders Kinder und Jugendliche mit hohem Kariesrisiko fallen laut Amt immer wieder durch unsanierte Gebisse auf. Oft ignorieren demnach Erziehungsberechtigte die Aufforderung, ihre Kinder behandeln zu lassen: „Entweder aus Unwissenheit oder auch aus Bequemlichkeit, was durchaus für eine gewisse Vernachlässigung spricht...“ Das Amt hat sein mehrstufiges schriftliches Verfahren im vergangenen Schuljahr deutlich intensiviert. Die Mahnung kann bei ausbleibender Reaktion in der Vorladung ins Gesundheitsamt und bei „offensichtlicher Kindeswohlgefährdung“ sogar in der Meldung ans Jugendamt gipfeln. Letzteres war von Juni 2012 bis Juli 2014 bereits 15 Mal der Fall.

Der zusätzliche Druck bewirkt laut Dr. Andreas Prenosil, dass immer mehr angeschriebene Eltern bereit sind, ihre Kinder behandeln zu lassen. Geht es freilich darum, Familien fürs Zähneputzen ihrer Kinder zu begeistern und von der bequemen Verpflegung mit Süßgetränken und Fastfood abzubringen, haben die städtischen Zahngesundheitshüter nicht mehr als ihre guten Argumente.

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