Im Düsenjäger zum Aderlass

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Manchmal direkt am Unfallort dabei: Hermann Weyer mit seinem Blutspende-Pass. Er spendet den Lebenssaft seit 62 Jahren.

Offenbach - Wie vielen Menschen Hermann Weyer das Leben gerettet hat, weiß er nicht genau. Er hat es jedenfalls schon 175 Mal versucht: So oft hat er in seinem Leben bereits Blut gespendet. Von Veronika Schade 

Seine Blutgruppe ist so selten, dass er zu akuten Fällen sogar eingeflogen wird – und zwar über Deutschlands Grenzen hinaus. Nächsten Monat feiert er seinen 80. Geburtstag. Normalerweise ist in dem Alter längst Schluss mit Blutspenden. Anders für Weyer, der seit anderthalb Jahren im Pflegeheim St. Elisabeth wohnt. Er kann jeden Augenblick zum Einsatz gerufen werden, weshalb er stets seinen Blutspende-Pass dabei hat. Blutgruppe „A Rh neg. Ccddee“, steht darin. „Das Besondere sind die Unterfaktoren“, erläutert er. Die machen sein Blut so wertvoll, dass die Blutspendedienste nicht auf seine Dienste verzichten möchten. Dann geht es schon mal mit Polizeieskorte von einer Minute zur anderen an einen Unfallort, um den roten Lebenssaft direkt zu übertragen.

Die Blutgruppe A mit negativem Rhesusfaktor kommt nach Auskunft des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) bei sechs Prozent der Bevölkerung vor, Weyers weitere Unterfaktoren seien tatsächlich noch seltener. In seinem Ausweis sind 161 Blutspenden eingetragen. „Die restlichen 14 Spenden machte ich im Ausland“, erklärt er. Die Blutspender-Karriere des gebürtigen Wuppertalers nahm ihren Anfang im Jahr 1952. „Wir hatten an der Schule eine Infoveranstaltung vom DRK“, erinnert er sich. Damals ahnte er noch nicht, welche Auswirkungen das haben würde. „Man rief mich zur Zentrale nach Düsseldorf und untersuchte mich von Kopf bis Fuß.“ Weyer schmunzelt: „Von da an musste ich nicht mehr zu öffentlichen Spendeterminen gehen, sondern wurde nur noch gerufen.“

Und dabei konnte es schon mal abenteuerlich werden. So kam es nicht selten vor, dass er mit dem Hubschrauber abgeholt („in all den Jahren bestimmt 20, 30 Mal“), oder per Linienflug ins Ausland geschickt wurde; selbst in Düsenjägern der Bundeswehr hat er schon Platz genommen. Zum Beispiel, um nach New York zu fliegen, wo ein Deutscher mit derselben Blutgruppe verunglückt war. „Hätte ich nicht diese Blutgruppe, wäre ich nicht so oft Hubschrauber geflogen“, sagt er augenzwinkernd. Beruflich verschlug es den gelernten Industriekaufmann schließlich nach Frankfurt. In seine Bewerbungsunterlagen habe er geschrieben, es könne passieren, dass er von jetzt auf gleich für Stunden oder Tage zum Spenden müsse. „Zum Glück war das für die Arbeitgeber nie ein Problem“, berichtet der dreifache Vater.

Etwa die Hälfte der Frischblutspenden erfolgte direkt am Patienten. So sah Weyer vieles – schwerkranke Krebspatienten, gebärende Frauen, Unfallopfer mit abgetrennten Gliedmaßen. „Gewöhnen kann man sich daran nicht“, sagt er. Dennoch habe er die Arbeit „zu 95 Prozent“ gern gemacht. „Bei den restlichen Fällen habe ich leider geahnt, es bringt nichts.“ Er spendete meist einen halben Liter, manchmal mehr. In den Fällen musste er danach im Krankenhaus bleiben. Bereut hat er die oft kräftezehrende Arbeit nie. „Es ist für mich Ehrensache und ein Glück, dass ich es machen darf.“ Er freue sich über jeden, dem er helfen konnte.

Deshalb will er weitermachen, solange es seine Gesundheit zulässt. Er darf allerdings nicht mehr überall an die Nadel. „Beim DRK Hessen geht es nur bis zum 72. Geburtstag“, sagt Stefanie Fritzsche vom Blutspendedienst. Allerdings habe jedes Bundesland eigene Regelungen, zudem liege es in den Händen der Blutspendedienste, wen sie zulassen. Mit ärztlichem Attest und entsprechender Kondition und Verträglichkeit sei in Einzelfällen ein höheres Alter denkbar. Für Weyer ist es eine Herzensangelegenheit, Leute zur Blutspende zu animieren. „Nehmen Sie die öffentlichen Termine wahr! Es kann Leben retten – auch Ihr eigenes.“

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