So gut wie das Original

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Klaus Kroner präsentiert seine Edition des „Landboten“. Dass das Original, wie angenommen, von Carl Preller in Offenbach gedruckt wurde, sieht er durch Nachforschungen widerlegt.

Offenbach - „Der Hessische Landbote“, wichtigste politische Schrift des 19. Jahrhunderts nebst dem „Kommunistischen Manifest“, besitzt einen engen Offenbach-Bezug. Von Markus Terharn

Da passte es, dass der hiesige Verein Grafische Werkstatt für Technik und Kunst einen originalgetreuen Nachdruck anfertigte. Und dass Vorsitzender Klaus Kroner dieses Faksimile im Haus der Stadtgeschichte vorstellte. Besucher erfuhren Überraschendes. Dürften sie doch davon ausgegangen sein, dass der berühmte Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“, geschrieben von Georg Büchner, redigiert von Pfarrer Friedrich Ludwig Weidig, von Carl Preller in der Offenbacher Druckerei Brede vervielfältigt worden ist. Kroner glaubt nach intensiven Forschungen dagegen, dass Preller nicht der mutige Drucker war – sondern lediglich der geschickte Organisator. Auch der Druckort sei ungewiss.

Kroners Ausführungen, obwohl fachspezifisch, wiesen Züge eines Thrillers auf. Der Experte betonte, welche Risiken Urheber und Verbreiter des für die Obrigkeit peinlichen Pamphlets eingingen. Nicht zufällig seien die sechs erhaltenen von etwa 1200 bis 1500 Exemplaren der Erstauflage (Juli 1834) nur durch die Gerichtsakten überliefert, ergänzte Museumsleiter Jürgen Eichenauer. „Es war gefährlich, das zu besitzen!“ Erst recht, es zu drucken. So führte Kroner aus, welche Tricks die Verschwörer anwandten, damit Lettern und Papier nicht zu ihnen zurückverfolgt werden konnten. Als sinnvoll erwies sich das nach der Verhaftung des Verteilers Karl Minnigerode: Nach Überprüfung des Schriftbilds fand sich in Prellers Setzkasten nichts Belastendes.

Was die Behörden nicht herausbekamen, will Kroner mit Mitteln der Schwarzen Kunst entdeckt haben. Zwei auffällige Buchstaben, d und t, brachten ihn auf die Spur: Sie stehen identisch in der Ausgabe von Büchners Drama „Dantons Tod“, die bei Sauerländer in Frankfurt entstand. Von dort, so Kroner, stamme die Schrift. Gedruckt worden sei angesichts der mäßigen Qualität nicht auf einer hochwertigen Stanhope-Maschine, sondern eher auf einer tragbaren Presse, möglicherweise in Frankfurt. Mit Fotos von der Papierherstellung und Berichten vom Druck schilderte Kroner schließlich die Entstehung seiner Faksimile-Mappe samt Büchner- und Weidig-Konterfeis, Karte des Großherzogtums Hessen und blauem Umschlag ähnlich denen, in die der aufrührerische Text eingelegt sowie nachts über Zäune geworfen worden war.

Leider, so Kroner, sei Leopold Eichelberg beim Nachdruck von etwa 400 Stück im November 1834 in Marburg weniger verdeckt und konspirativ zu Werk gegangen. „Danach ging die Hatz erst richtig los.“ Mit der Folge, dass Büchner und Preller fliehen mussten und Weidig in Haft qualvoll ums Leben kam. Mit diesem Vortrag beendete der Verein im 15. Jahr seine Tätigkeit, die der Produktion grafischer Kunst sowie der Erforschung und Bewahrung regionaler Industrie und Technik gewidmet war. Eichenauer dankte für die Zusammenarbeit. Das Faksimile, lobte er, sei „wie das Original in Händen zu halten“.

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