Filmfestival: Genre-Mix im Kurzformat

+
Auf den ersten bis dritten Platzierungen: Wolfgang Lansdorf (Neu-Isenburg), Dr. Günther Franzen (Erbach), Dr. Bruno Thelen (Darmstadt), Doris Krah (Siegerland), Klaus Schardt (Rüsselsheim), Dr. Klaus Frank (Erbach), Werner und Hilde Eichhorn (Offenbach), Rüdiger Schnorr (Neu-Isenburg), Claus Weinreich (ohne Angabe), Helmut Krah (Siegerland), Klaus Lutze (Wiesbaden).

Offenbach - Dem Filmclub Offenbach ist es einmal mehr gelungen, das renommierte Hessische Amateur-Film-Festival zu stemmen, obwohl die Ausrichtung dieser Veranstaltung zunehmend schwieriger wird, wie Vorsitzender Thomas Kempf einräumt. Von Harald H. Richter

Doch die Enthusiasten mit dem geübten Auge fürs Besondere sind ihrem Hobby viel zu sehr verbunden, als dass sie sich von Widrigkeiten beeindrucken ließen. Zwar fehlt auch dem hiesigen Club der Nachwuchs. Das ist jedoch kein Grund, die Kamera entmutigt aus der Hand zu legen. Im Gegenteil.

Bei den vorausgegangenen Regionalentscheiden haben sich wieder bemerkenswerte Kurzfilmformate herauskristallisiert. Die Chancen stehen hoch, einen Preis abzuräumen. Vorausgesetzt, sie halten dem kritischen Juryurteil stand. Dramaturgie und Kameraeinstellung müssen passen, Schnitt, Kommentierung sowie Musikauswahl aufeinander abgestimmt sein. Von der Projektidee bis zur Vorführreife schlägt nicht jeder betretene Pfad automatisch eine Schneise des Erfolgs. Doch wer hier antritt, beherrscht sein Handwerk und hat neben Kreativität und Fachlichkeit auch reichlich Herzblut einfließen lassen. Das darf belohnt werden.

Eine im Pariser Panthéon eher zufällig entdeckte Kindheitsspur ist es gewesen, die beispielsweise Wolfgang Lansdorf zu einem 20-minütigen Film über einen französischen Heerführer bewogen hat. Der Diplomingenieur, seit Jahren Mitglied bei den Film- und Fotofreunden Neu-Isenburg, spannt darin einen Bilderbogen vom Hier und Jetzt über die eigene Jugend zurück ins Jahr 1800, da Deutsche und Franzosen vielerorts unter Waffen standen.

Sechsköpfige Jury

Als Kriegsflüchtling nahe Neuburg im Oberbayerischen aufwachsend, stromert der Junge mit Bruder und bestem Freund in der Gegend herum. Davon zeugt eine Fotografie des Trios, aufgenommen an einer Anhöhe vor einem steinernen Denkmal für den napoleonischen Offizier Théophile Malo Corret de la Tour d’Auvergne. Der fällt beim Angriff österreichischer Reiter im Gefecht bei Oberhausen durch einen Lanzenstich und wird daselbst bestattet. 1889 exhumiert, überführt man seinen Leichnam ins Panthéon. „Als ich dort den Hinweis auf den Sterbeort La Tours las, war das der Auslöser für mich, mit der Kamera an den Ort meiner Kindheit zurückzukehren“, sagt der heute 72-jährige Lansdorf.

Herausgekommen ist eine mit persönlichen Einsprengseln versehene filmgeschichtliche Chronik von streitbarer Waffengegnerschaft zur Völkerfreundschaft zwischen Franzosen und Deutschen – gleichsam historisch und aktuell, wie sie zum 50. Jahrestag des Elysee-Vertrages kaum besser hätte passen können.

Die Amateurfilmer, deren Werke vor einer sechsköpfigen Jury unter Vorsitz von Herbert Du Bois aus Eschborn bestehen müssen, greifen aber nicht nur geschichtliche Themen auf. Im Wettbewerb stehen auch Reisereportagen, Tier- und Naturdokus sowie Heimatkundliches. Der Eschweger Günter Schneider beispielsweise erinnert mit seinem 14-minütigen Bildstreifen über die Werra-Keramik an die „Wanfrieder Irdenware“, von der bei Ausgrabungen in James Fort – der ältesten Siedlung Nordamerikas – Scherben gefunden wurden. Im Film, der im 17. Jahrhundert spielt, zeigt er die Keramikherstellung und die Lebensumstände der Töpfer, gibt Einblicke in die Zeit der Renaissance und die Kultur der amerikanischen Ureinwohner.

Qualifikation für Bundesfilmfestspiele

Dem Offenbacher Werner Eichhorn hat es das Fachwerk im südniedersächsischen Hann-Münden angetan. „Wo die Welt noch Balken hat“ nennt er seinen Kurzfilm, mit dem er diesmal ins Rennen geht. Im Vorfeld der Aufnahmen hat sich Ehefrau Hilde „wie so oft“ um die Auswahl der Drehorte gekümmert und die übrige Recherche betrieben. Seit 1968 sind die Eichhorns filmisch aktiv, „und wir haben bisher keinen Wettbewerb ausgelassen“, sagt der 84-Jährige voll Stolz. „Ans Aufhören will ich noch nicht denken“, bekennt der Amateurfilmer, dem die Ideen nicht ausgehen.

Ähnlich ambitioniert sind auch weitere Mitglieder. Das wird deutlich, als die hessische Landesvorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Film-Autoren (BDFA), Christine Wilkerling, langjährig Verdiente auszeichnet. So haben sich Robert Becker (Offenbach) und Heinz Witzke (Neu-Isenburg) bereits 40 Jahre dem nichtkommerziellen Film verschrieben, bekommen dafür Ehrennadeln nebst Urkunden des Dachverbandes. Klaus Lutze (Wiesbaden), Dr. Karlheinz Timtner (Bad Homburg) und Michael Zier (Offenbach) sind seit 25 Jahren nah am Motiv, werden dafür ebenfalls geehrt.

Am Samstagabend wird den Besten eine Bühne bereitet, wobei die Jury zugleich die Weitermeldung derer verkündet, die sich für die Bundesfilmfestspiele qualifiziert haben. Der 1. Preis geht an „Der Eisenbaum“ – einen Film von Klaus Schardt (Film- und Videoclub Rüsselsheim), der auch für den Wettbewerb auf Bundesebene weiterempfohlen wird. Es geht um einen seltsam anmutenden Baum in der Flörsheimer Schweiz. Dafür gemeldet werden ferner Beiträge der Amateurfilmer Dr. Bruno Thelen (Film- und Videoclub Darmstadt), Doris Krah (Film- und Videoclub Siegerland), Dr. Klaus Frank (Schmalfilmclub Erbach/Michelstadt), Rüdiger Schnorr (Film- und Videofreunde Neu-Isenburg) und Klaus Lutze (Wiesbadener Filmkreis). Daneben werden sieben zweite Plätze, unter anderem für die Offenbacher Eheleute Eichhorn, und sechs 3. Plätze vergeben.

Bilder vom Filmfestival in Venedig 2011

Diese Stars laufen in Venedig über den roten Teppich

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare