Laut und ehrlich

Hibba Kauser will das Offenbacher Stadtparlament aufmischen

Mit 21 Jahren ist Hibba Kauser nun Mitglied der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung. Sie will ihre Funktion nutzen, um Politik auch für jüngere Menschen zugänglich und spannend zu machen.
+
Mit 21 Jahren ist Hibba Kauser nun Mitglied der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung. Sie will ihre Funktion nutzen, um Politik auch für jüngere Menschen zugänglich und spannend zu machen.

Die Anstrengungen der vergangenen Wochen sind nicht spurlos an Hibba Kauser vorübergegangen. Sie sieht müde aus. Der Kommunalwahlkampf hat viel Zeit gekostet, und dann war da noch Prüfungsphase an der Uni. Doch die Arbeit hat sich gelohnt. Die Wahl ist vorbei, und Hibba Kauser ist nun mit 21 Jahren das jüngste Fraktionsmitglied im Stadtparlament – und eine der großen Gewinnerinnen der Wahl.

Offenbach – Vom SPD-Listenplatz vier kumulierten die Wähler sie auf den zweiten, mit mehr als 1000 Stimmen Abstand zum Drittplatzierten Stephan Färber landete sie so hinter Felix Schwenke. „Ich konnte das zuerst gar nicht realisieren“, sagt sie und scheint dabei tatsächlich überrascht davon, dass so viele ausgerechnet für sie stimmten. „Das zeigt aber ganz deutlich, dass die Menschen wollen, dass es auch mal neue Gesichter gibt, dass Politik sich verändert.“ Und verändern, das will Hibba Kauser auf jeden Fall. Schon immer.

Als Jugendliche half sie hin und wieder im Altersheim, war Stadtschulsprecherin und nach dem Abi an der Leibnizschule für ein Freiwilliges soziales Jahr in Kambodscha. Sie geht mit „BUNT statt braun“ und „Black lives matter“ auf die Straße, hilft bei der Offenbacher Tafel. Hinter all dem, was sie tue, stehe immer der soziale Gedanke, sagt Hibba Kauser. Während Gleichaltrige Freunde treffen und Feste feiern, bestenfalls noch ebenso viel Energie in Ausbildung oder Job stecken, engagiert sie sich für Feminismus, gegen Klimawand und Rassismus, für andere. Für die, die Unterstützung brauchen. So war die 21-Jährige etwa federführend an der Gegendemo am Tag des Besuchs von AfD-Politiker Björn Höcke beteiligt. „Das hat wohl mit meinen eigenen Erfahrungen zu tun“, meint Hibba Kauser. Als Kind pakistanischer Flüchtlinge ist sie in einer Geflüchtetenunterkunft in Brandenburg geboren, hat dort die ersten Jahre ihres Lebens verbracht. Seit sie acht Jahre alt ist, lebt die Familie in Offenbach. „Es gab es immer Menschen, die uns geholfen haben“, sagt sie. „Da hatte ich dann den Gedanken, ich will auch anderen helfen, denn das kann deren Leben verändern.“

So ist sie dann auch in die Politik geraten. „Ich hatte immer den Gedanken, dass ich mehr machen will, ohne direkt daran zu denken, einer Partei beizutreten.“ Dann gab es da diesen einen Tag, als Philipp Türmer von den Offenbacher Jusos vor ihrer Schule Flyer verteilte, sie kamen ins Gespräch. Der Rest ist Geschichte. Seit sie 15 ist, ist sie nun Juso-Mitglied, trat ein Jahr später der SPD bei, ist mittlerweile Vorsitzende der Jungsozialisten. Und jetzt eben auch Stadtverordnete. Obwohl sie immer noch ein bisschen lachen muss, wenn man sie so nennt. Es ist noch ungewohnt. Vielleicht auch deswegen, weil sie sich die Entscheidung, überhaupt bei der Wahl anzutreten nicht leicht gemacht hat.

„Im Vordergrund steht für mich nach wie vor, dass ich mit den Menschen verbunden sein, mit ihnen aktiv anpacken möchte“, erzählt sie. Bei einem politischen Mandat sehe sie die Gefahr, abzuheben, ämterfokussiert zu denken. Davor hat sie Angst, denn ihr geht es um Inhalte, nicht um eine Politkarriere.

Weil sie ihre Inhalte, ihre Werte aber eben auch in die Politik tragen möchte, hat sie sich schließlich entschlossen, sich aufstellen zu lassen. „Sonst bleiben es immer die gleichen die Gesichter, die gleichen Strukturen.“ Und die Stadtverordnetenversammlung muss diverser werden, Offenbachs Gesellschaft besser widerspiegeln, davon ist die Sozialdemokratin überzeugt.

Jetzt freut Hibba Kauser sich darauf, die Kommunalpolitik in Offenbach aufzumischen. „Man muss auch mal laut und ehrlich sein, einen Nerv treffen, wenn man etwas verändern will“, sagt sie. Das hat sie vor, auch mit ihren Redebeiträgen im Parlament. Vor Menschen zu sprechen, ihre Meinung kundzutun, durchaus auch mit Nachdruck, das ist Hibba Kauser gewohnt, von Demos und Diskussionen, von diversen Veranstaltungen und Interviews. Wenn sie über die Themen spricht, die ihr wichtig sind, die auf ihrer Agenda stehen, dann sind ihre Worte genau gewählt, da ist kein Platz für Unsicherheiten. Ihre Stimme ist fest, ihre Gesten verleihen dem Gesagten Kraft. So zeigt sie sich auch auf ihrem Instagram-Kanal, den sie künftig noch stäker nutzen will, um Offenbachs Kommunalpolitik für Jüngere zugänglicher zu machen. Auf das erste Mal, wenn sie im Parlament spricht, ist sie trotzdem gespannt. „Ich kann mir schon vorstellen, dass es in der Stadtverordnetenversammlung nochmal ein anders Gefühl sein wird, ich werde mich aber trotzdem genauso artikulieren wie sonst auch.“

Trotz ihrer neuen Verpflichtung als Stadtverordnete will sie ihren Wurzeln treu bleiben, auf die Straße gehen für die Themen, die ihr wichtig sind. „Ich sehe mich nicht als Politikerin, sondern als Aktivistin, die jetzt politischen Einfluss nehmen möchte“, betont sie. Wie sie all das, was sie so tut, soziales und politisches Engagement, das Studium, Philosophie und Geschichte auf Gymnasiallehramt, den Job an der Grundschule Buchhügel, unter einen Hut bringt, dürfte für viele ein Rätsel bleiben. Und auch Hibba Kauser selbst muss zugeben: „Es gibt Phasen, wo es wirklich sehr viel ist.“ Dann nehme sie sich eben an der einen oder anderen Stelle zurück, müsse Prioritäten setzen. Hin und wieder steht trotzdem eine Nachtschicht an.

Gerade deshalb sei ihr aber auch ein Ausgleich wichtig. Treffen mit Freundinnen und Freunde, die mit all dem, was sie sonst beschäftigt, nichts tun haben. „Da versuche ich, mir auch Auszeiten zu nehmen und mit denen was zu machen“, erzählt sie.

Und dann, während sie von ihren Freundinnen erzählt und ihrer Familie, von gemeinsamen Ausflügen und Besuchen in Cafés, die sie gerne unternimmt, wenn nicht gerade das Coronavirus den Alltag bestimmt, ist Hibba Kauser für einige Minuten weder Aktivistin noch Politikerin. Sie legt ihren festen Blick ab, den bestimmten Tonfall, ist entspannt, spricht sanft und lächelt, wie es 21-Jährige eben tun. (Von Lena Jochum)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare