Sozialminister Stefan Grüttner zur geplanten Qualitätsplakette für Tagesstätten.

Hilfe im Kita-Dschungel

Offenbach - Qualität sichern - auch bei steigenden Anforderungen: Die Kindertagesstätten in Hessen stehen vor riesigen Herausforderungen, der Personalmangel drückt an allen Ecken.

Und viele Eltern fragen sich: Woran erkenne ich eine „gute Kita“? Die Landesregierung plant die Einführung einer Qualitätsplakette, sagt Sozialminister Stefan Grüttner aus Offenbach im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Peter Schulte-Holtey.

Viele Eltern vermissen bei der Suche der besten Kita für ihr Kind Orientierungspunkte. Brauchen wir in Hessen einen „TÜV für Kitas“ oder ein „Qualitätssiegel“?

Es ist sehr verständlich, dass sich Eltern heute bei der Realisierung des Wunsches, ihrem Kind die allerbeste Betreuung zu bieten, schwer tun. Das Angebot an Trägern und Konzepten im Kinderbetreuungsbereich ist beinahe unübersichtlich. Allerdings lässt sich von Landesseite nur schwer objektiv beurteilen, welche Kita mit welcher Konzeption gerade für dieses einzelne Kind geeignet ist. Eine Beurteilung über ein Siegel könnte helfen, aber oft ist die Verleihung einer Plakette eine Momentaufnahme. Daher ist die individuelle Beratung der Eltern vor Ort - zum Beispiel beim örtlichen Jugendamt - zunächst der richtige Weg.

Es geht aber doch auch darum, zu erfahren, wie Kitas „besser“ werden wollen?

Eine Qualitätsentwicklung im Bereich der Erziehung ist ein dynamischer und langfristiger Prozess - hier ist vor allem auch der Träger der Einrichtung in der gesetzlichen Pflicht. Diesen Prozess haben wir bereits seit einigen Jahren eingeleitet, in dem wir gemeinsam mit den Beteiligten einen Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder bis zum 10. Lebensjahr entwickelt haben, der derzeit mit einer umfassenden Qualifizierungsinitiative für alle hessischen Fachkräfte in der Kita, der Kindertagespflege etc. sowie für Lehrkräfte in den Grundschulen eingeführt wird. Dieser Plan berücksichtigt die neuesten Entwicklungen und Ergebnisse im Bereich der Entwicklungspsychologie, Neurowissenschaften und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und formuliert pädagogische Grundprinzipien, die auch in einer modernen Pädagogik in der Kita Anwendung finden sollten.

An diesem Punkt wollen Sie ansetzen ...

Ja, das wäre ein Ansatzpunkt, Eltern ein Signal und Orientierung durch eine Qualitätsplakette zu geben, die zeigt, welche der Einrichtungen sich mit dem Bildungs- und Erziehungsplan auf den Weg zu einer noch besseren Qualitätsentwicklung und - sicherung gemacht haben. Hierzu werden gerade Vorschläge erarbeitet, so dass wir noch in dieser Legislaturperiode zu einem Ergebnis kommen.

Was sollten die Qualitätskriterien für eine gute Kita sein?

Wenn Sie jetzt einen Katalog zum Abhaken erwarten, muss ich Sie enttäuschen: In der sehr wichtigen Debatte um Qualität, möchte ich darauf hinweisen, dass es nicht die eine Qualität gibt! Denn hierbei sind viele Perspektiven zu berücksichtigen, die des Kindes, dessen grundlegende Bedürfnisse nach Bindung, Zuwendung, Sicherheit und Anregung erfüllt werden sollte, das individuell gefördert und unterstützt werden sollte. Aus der Perspektive der Mütter und Väter kommt hinzu, dass es verlässliche und bedarfsgerechte Angebote gibt und eine Partnerschaft mit den Eltern besteht. Aus der Perspektive der Gesellschaft sind die Einrichtungen zunehmend der Knotenpunkt für Vernetzung aller entscheidenden Dienstleistungen und der Gemeinwesenorientierung. Aus der Perspektive des pädagogischen Personals sind Rahmenbedingungen und Qualifizierung einige wichtige Aspekte. Für mich lassen sich diese Qualitätskriterien an den pädagogischen Vorgaben und Inhalten des Bildungs- und Erziehungsplans ableiten. Dazu gehört für mich unter anderem, dass die Kita gewährleisten muss, dass das Kind mit seinen individuellen Stärken und Bedürfnissen im Mittelpunkt des pädagogischen Handelns steht. Dass sich Bildung als ganzheitlicher Prozess vollzieht und verstanden wird als sozialer Prozess, der sich in der Kommunikation und Kooperation zwischen dem Kind und seinem Gegenüber zeigt. Der pädagogische Alltag soll so organisiert sein, dass Kinder aktiv einbezogen sind und vor allen Dingen, dass sie das Lernen lernen, und vieles mehr.

Immer wieder ist von Personalmangel in den Kitas die Rede. Für die Umsetzung der bundesweiten Betreuungsverbesserungen werden ja auch in Hessen noch mehrere tausend Erzieher bzw. Erzieherinnen gesucht. Wie passt das zusammen: Immer höhere Qualitätsanforderungen, aber zu wenige Erzieher?

Einen Zusammenhang zwischen Qualitätsanforderungen an soziale Fachkräfte und der Sicherung des Fachkräftebedarfs in Kindertageseinrichtungen kann ich nicht sehen. In Hessen benötigen wir gut ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher in einer ausreichenden Zahl, um dem Bedarf im Zusammenhang mit dem notwendigen Ausbau an Betreuungsplätzen für Kinder gerecht zu werden. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Landesregierung vielfältige Schritte unternommen. So wurde allein die Zahl der Plätze in der Erzieher- bzw. Erzieherinnenausbildung in Hessen in den vergangenen Jahren um etwa 20 Prozent ausgeweitet. Ich gehe davon aus, dass wir im Schuljahr 2010/2011 einen historischen Höchststand erreichen. Parallel hierzu werben wir mit der Kampagne „GROSSE Zukunft mit kleinen HELDEN - Werde Erzieherin/Erzieher!“ landesweit für den attraktiven und zukunftsorientierten Erzieherberuf. Auch hat die Landesregierung die Möglichkeiten für Quereinsteiger und Quereinsteigerinnen in den Erzieherberuf deutlich ausgebaut und kann sich auch hier bundesweit beispielhaft sehen lassen.

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