Hilfe für Langzeitarbeitslose

Frankfurt/Offenbach - In Offenbach und im Norden Hessens läuft ein bundesweit einzigartiges Projekt, um Langzeitarbeitslose, Minijobber und Ungelernte dauerhaft in eine Stelle zu vermitteln und um ihnen den Aufstieg in eine bessere Bezahlung zu ermöglichen. Von Marc Kuhn 

Dafür werden sie gecoacht. Das Experiment mit 60 Teilnehmern ist im September gestartet und läuft bis Ende 2014. Es wurde von der Vereinigung der Hessischen Unternehmerverbände (VhU) initiiert und wird vom Bildungswerk der hessischen Wirtschaft umgesetzt. Im Norden Hessens sind die Jobcenter Schwalm-Eder und Waldeck-Frankenberg mit je 15 Plätzen und zusammen eineinhalb Stellen für die Aufstiegscoachs beteiligt. Im Süden ist es die Mainarbeit, das Jobcenter der Stadt Offenbach, mit 30 Plätzen und eineinhalb Stellen. Gefördert werden die Projekte mit mehr als einer halben Million Euro je zur Hälfte vom hessischen Sozialministerium und von den Jobcentern. „Das Projekt ist ausgesprochen ambitioniert“, sagte Hessens Sozialminister Stefan Grüttner gestern in Frankfurt. In Hessen gebe es etwa 83 000 Menschen, die erwerbstätig seien, aber zusätzliche Leistungen beziehen, weil ihr Verdienst nicht für den Lebensunterhalt ausreicht, berichtete Grüttner - sogenannte Aufstocker. Er zeigte sich überzeugt, dass sie Fähigkeiten und Talente haben, „die es sich lohnt zu entwickeln“.

„Mit dem Aufstiegscoach wollen wir neue Wege gehen, um Langzeitarbeitslose und Ungelernte dauerhaft in Arbeit zu bringen und mit ihnen gemeinsam eine Aufstiegsperspektive zu verantwortungsvolleren Positionen mit besserem Einkommen zu erarbeiten“, ergänzte Volker Fasbender, Hauptgeschäftsführer der VhU. Nach den ersten drei Monaten beginne jetzt die Vermittlungsphase. „Den Ansatz finde ich sehr gut“, erklärte der Geschäftsführer von Mainarbeit in Offenbach, Matthias Schulze-Böing. „Wir brauchen neue Ideen, um Talente zu mobilisieren.“ 25 der 30 Teilnehmer an dem Projekt seien Arbeitslose, zwei seien schon vermittelt worden. Sechs Teilnehmer seien Aufstocker - „in Offenbach eine relativ große Gruppe“, sagte Schulze-Böing.

Wanda Krautter, Aufstiegscoach des Bildungswerks der hessischen Wirtschaft in der Lederstadt, sieht ihre Aufgabe als eine beratende und unterstützende Funktion. Zunächst werde die berufliche Situation analysiert. Danach würden Perspektiven entwickelt. Oft gebe es „Stolpersteine“ wie mangelnde Mobilität, fehlende Sprachkenntnisse, Probleme bei der Kinderbetreuung und fehlende Berufserfahrung. Teils seien Abschlüsse nicht anerkannt worden. „Es sind meist mehrere Probleme, die zusammenkommen“, berichtete Krautter. Schließlich würden die Teilnehmer an dem Projekt bei Bewerbungen unterstützt.

„Natürlich gibt es bereits verschiedene Vermittlungskonzepte. Diese enden jedoch mit der Unterschrift unter einen Arbeitsvertrag“, erklärte Hans-Joachim Jungbluth, Geschäftsführer der Bezirksgruppe Offenbach und Osthessen des Arbeitgeberverbands Hessenmetall. „Danach ist die Unterstützung weg, der Start in den Arbeitsalltag mit allen Problemen und Schwierigkeiten muss allein bewältigt werden. Dieses Projekt geht jedoch noch einen Schritt weiter und betreut sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber weiter, um einen nachhaltigen Erfolg für beide Seiten zu erzielen.“

Nach den Worten von Frank Martin, dem Chef der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit, gibt es in dem Land viele Menschen, an denen der Aufschwung am Arbeitsmarkt vorbeigeht. Gründe könnten Behinderungen, Sprachprobleme oder „Pech bei der Auswahl des letzten Arbeitgebers“ sein. Ihnen soll der Aufstiegscoach helfen. „Der Ansatz ist sehr innovativ“, erläuterte Martin. Die Ziele des Projekts sind nach den Worten von VhU-Hauptgeschäftsführer Fasbender ehrgeizig. So sollen beispielsweise 40 Prozent der Teilnehmer in sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze vermittelt werden. Bei 70 Prozent solle eine Gehaltserhöhung und ein Wegfall der Aufstockung erreicht werden. Mit Blick auf das Projekt erinnerte Fasbender auch an den drohenden Fachkräftemangel. Bis zum Jahr 2020 schrumpfe die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in Hessen um 200.000 und bis 2030 sogar um 600.000 auf dann 3,4 Millionen.

Rubriklistenbild: © dpa

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare