Hilfe zur Selbsthilfe

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Die Jugendlichen der Produktionsschulen präsentieren die von ihnen hergestellten Produkte. Foto:

Offenbach - Respektlos habe er mit dem Lehrer gesprochen. Das gibt er zu. „Ich hatte einfach keinen Bock mehr auf Schule“, erzählt Abdul Bhatti. Niemand habe sich wirklich für ihn interessiert. Von Sebastian Faerber

Fehltage habe er nicht entschuldigen müssen, und zum Schluss hätten die Lehrer dem 16-jährigen nicht einmal mehr Arbeitsblätter ausgeteilt. Eine Abneigung entwickelte sich: „Ich dachte mir, wenn die mich nicht wollen, will ich sie auch nicht.“ Ein Gespräch, das eigentlich die Klärung bringen sollte, eskalierte und der Schüler beschimpfte seinen Rektor. Darauf folgte der Rausschmiss. Ein halbes Jahr saß er zuhause, ohne Abschluss und Ziel. Dann stieg er bei den Offenbacher Produktionsschulen ein, und vieles habe sich seitdem verändert: „Hier interessieren sich die Leute für mich.“

Ein Grund für die Aufmerksamkeit ist, dass Jugendliche, die nach der Schule wegen eines fehlenden Abschlusses in die Arbeitslosigkeit geraten, auch Kosten verursachen. Sinnvoller sei es, das Geld in die Qualifikation der jungen Leute zu investieren, wie Bürgermeisterin Birgit Simon gestern auf einer Pressekonferenz mit Vertretern der hiesigen Produktionsschulen erklärt.

Den Neustart haben bis zu 700 Jugendliche genutzt

1995 rief Offenbach mit dem Start-Projekt eine der ersten Produktionsschulen in Deutschland ins Leben – eine Kooperation der Stadt mit den Berufsschulen. Inzwischen haben knapp 700 Jugendliche diese zweite Chance genutzt. „Was sich bewährt hat, muss weitergehen“, unterstreicht Simon. Bis zum nächsten Jahr sei das Angebot gesichert. Jugendliche wie Abdul Bhatti profitieren davon, weil die Schulen ihnen zu einem Hauptschulabschluss verhelfen.

Ergänzt, und das ist das eigentlich Besondere daran, wird der Abschluss durch ein Arbeitszeugnis. Denn in einer 35-Stunden-Woche arbeiten die Jugendlichen in verschieden Fachrichtungen, etwa in der Hauswirtschaft, mit Textilien, produzieren Lebensmittel oder stellen Koffer her, die sie verkaufen. Darüber konnten die Schüler imvergangenen Jahr 22 Prozent der Kosten – ein Platz schlägt mit 960 Euro zu Buche – selbst erwirtschaften. Daneben erhalten sie theoretischen Unterricht, etwa von Lehrern der Käthe-Kollwitz-Schule. So soll den Schülern ein Zugang zum Arbeitsmarkt eröffnet werden.

„Ich habe mich hier sehr verbessert“

Mit Erfolg, wie Frank Schobes, Projektleiter der Produktionsschulen, resümiert: Die anfangs noch zwölf Plätze wurden im Laufe der letzten Jahre ausgebaut und 2010 nahmen 84 Jugendliche das Angebot in Anspruch. 14 davon brachen die Ausbildung vorzeitig ab. Von denen, die durchhielten, bestanden 90 Prozent die Prüfung zum Hauptschulabschluss. Und 65 Prozent der Jugendlichen konnten nach der Produktionsschule in Arbeit oder Ausbildung integriert werden.

„Ich habe mich hier sehr verbessert“, bestätigt Abdul Bhatti. Einfach unentschuldigt fehlen könne er nun nicht mehr. „Die rufen an und fragen, wo ich bleibe.“ Auch bekommt er für Fehltage, ob mit oder ohne Krankmeldung, seinen Tageslohn von sieben Euro nicht ausgezahlt. Was aber wohl noch mehr wiegt, ist, dass auch seine Kollegen unter Fehltagen zu leiden haben. Denn die Produkte stellen die Jugendlichen in Teamarbeit her, so dass jede Hand schmerzlich vermisst wird - der Kunde will seine Ware in der verabredeten Zeit. Nach der Produktionsschule strebt Bhatti eine Lehre als Einzelhandelskaufmann an.

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