Hilfe bei sexueller Gewalt

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Die Damen von Pro Familia in der Domstraße mit den alten Plakaten und dem neuen in der Mitte (von links): Ria Ellers, Brigitte Kordts-Szustak und Bettina Witte de Galbassini.

Offenbach - Vor zehn Tagen wurde das Urteil im Prozess gegen Jörg Kachelmann gesprochen. Dem Wettermoderator wurde versuchte Vergewaltigung vorgeworfen, dass Medieninteresse war riesig. Der Eindruck, der dabei entstehen konnte, nämlich, dass eine Gerichtsverhandlung bei sexueller Gewalt die Regel ist, täuscht allerdings. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Gerade einmal fünf Prozent der verübten Vergewaltigungen werden angezeigt, diese Zahl ist bei sexuellem Missbrauch noch weit geringer. Zudem enden von 100 angezeigten Vergewaltigungen in Deutschland nur 13 mit einer Verurteilung. Für Frauen, die Anzeige erstatten, ist die Situation nach wie vor schwierig, der Verdacht der Falschbeschuldigung – die Quote hierfür liegt nur bei drei Prozent - wie im Fall Kachelmann steht oft im Raum.

Für umfangreiche Hilfe müssen Betroffene aber nicht zwingend den Gang zur Polizei antreten: „Beratung bei Vergewaltigung und sexueller Gewalt“ bietet ein kompetentes Team der Pro Familia in der Domstraße seit nun mehr 25 Jahren. Dieses Angebot heißt in anderen hessischen Städten „Frauennotruf“, einzig in Darmstadt und Offenbach ist es bei der Sexualberatungsgesellschaft angesiedelt. Dadurch ist die Finanzierung weniger schwierig als mit einem eigenständigen Büro. Der öffentliche Zuschuss ist seit 1993 bei 13.900 Euro pro Jahr eingefroren, davon könnte man gerade mal die Miete bezahlen.

Polizei war anfangs irritiert

Pro Familia selbst feiert im September ihr 40-jähriges Bestehen. In den achtziger Jahren stieg - eine der Errungenschaften der Frauenbewegung - das gesellschaftliche Unrechtsbewusstsein für sexuelle Gewalt. Die Mitarbeiterinnen der Pro Familia hatten immer wieder Fälle von Schwangerschaften, die durch Gewalt entstanden, und es gab so gut wie keine Hilfsangebote für die Betroffenen.

Brigitte Kordts-Szustak, Kinder- und Jugendtherapeutin, und ihren damaligen Kolleginnen war klar: Den Opfern musste umfassender und kompetenter geholfen werden.

Beim damaligen Bürgermeister und Sozialdezerneten Wolfgang Reuter brauchte keine Überzeugungsarbeit geleistet werden, ebenso wenig wie bei Staatsanwaltschaft und Jugendamt. Kordts-Szustak erinnert sich schmunzelnd: „Die Polizei war zwar ein wenig irritiert, dass die rothaarigen Latzhosenträgerinnen, die bei Demos immer auf der anderen Seite standen, plötzlich kooperieren wollten. Aber die Beamten haben sofort respektvolle Arbeit geleistet.“ Die Stadt, später auch das Land und seit 2008 mit Kommunalisierung der Landesmittel wieder ausschließlich die Stadt, hat von Anfang an finanzielle Verantwortung für den Frauen-Notruf übernommen. Bedingung war allerdings, dass er sich so nicht nennen durfte, weil er nicht 24 Stunden besetzt ist. Außerhalb der Beratungszeiten können Hilfesuchende auf den Anrufbeantworter sprechen, Kordts-Szustak, Ria Ellers oder Bettina Witte de Galbassini rufen umgehend zurück. Für Frauen mit Migrationshintergrund stehen zwei türkischstämmige Kolleginnen bereit.

Neue Formen sexueller Gewalt hinzugekommen

Der Inhalt einer Beratung kann sehr vielschichtig sein. Informationen über medizinische, psychologische und juristische Angebote gehören dazu, ebenso die Vermittlung von Ärztinnen, Anwältinnen und Therapeutinnen.

Wie hoch der Bedarf ist, zeigt eine repräsentative Studie aus 2004: 13 Prozent der weiblichen Bundesbürger hat seit dem 16. Lebensjahr strafrechtlich relevante Formen sexueller Gewalt erlebt.

In den letzten Jahren sind neue Formen hinzu gekommen. Übergriffe unter Jugendlichen nach hohem Alkoholkonsum oder mithilfe K.O.-Tropfen, bei denen sich die Opfer an nichts mehr erinnern können und extrem Scham besetzt sind, treten gehäuft auf. Dem entgegenwirkend wurde eine zielgruppenorientierte Broschüre mit dem Titel „Filmriss“ entwickelt. Der Flyer „Digitale Gewalt“, Vergewaltigung durch kurzfristige Internet-Bekanntschaften und Nötigung mittels digitaler Medien schildert unter anderem sehr anschaulich die potenziellen Folgen harmloser Fotoaufnahmen, die im Netz landen.

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