Hilfe im Zentrum der Not

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José Madeira-Pires, Frank Mach, Michelle Serret Grinvalds und Günter Rothenberg (von links) beraten im Dienste der Caritas.

Offenbach - Es gibt Markennamen, die stehen für den Artikel selbst. Wer Creme meint, spricht oft von Nivea, wer Taschentücher kaufen will, verlangt meistens nach Tempo. Wer die Grenzen seiner Großzügigkeit markiert, bekundet manchmal: „Ich bin nicht die Caritas.“ Von Stefan Mangold

Das kann José Madeira-Pires nicht von sich behaupten. Der Sozialarbeiter berät in Offenbach hauptsächlich Migranten für die Wohltätigkeitsorganisation, wenn es beispielsweise darum geht, amtliche Formulare auszufüllen. „Im vergangenen Jahr habe ich mit Menschen aus 63 Nationen gesprochen.“ Sicher kämen zu ihm überproportional viele Portugiesen, weil Madeira-Pires ein Landsmann ist, „es finden sich jedoch auch zunehmend Moslems bei uns ein.“ Die störten sich nicht daran, dass die Katholische Kirche die Arbeit „zu 56 Prozent aus Kirchensteuergeldern trägt“, wie Frank Mach erwähnt, der Leiter des Caritas-Hauses St. Josef an der Kaiserstraße 69. Türkische Bürger suchten die Institution oft ganz bewusst aus, „weil sie mit Leuten sprechen möchten, die mit ihrer Community nichts zu tun haben“.

Das bestätigt auch der Soziologe Günter Rothenberg, der bei familiären Problemen Hilfe anbietet. Der Wunsch nach Anonymität gelte besonders für Paare, deren Ehe im Argen liege. Muslimische Männer nutzten das Angebot im Gegensatz zu früher heute ebenfalls. Eine häufige Ursache für Dissens in Beziehungen sei das Verhältnis der Geschlechter. Die Frauen akzeptierten immer weniger eine kulturell begründete Vormachtstellung des Gatten. Die beißt sich ohnehin mit der Realität. Wer zu Hause das Oberhaupt mimen will, den Unterhalt jedoch vom Amt bezieht, bewegt sich argumentativ auf dünnem Eis. Weil tausende von industriellen Arbeitsplätzen verschwanden, „beziehen heute 34 Prozent der Kinder in Offenbach Leistungen aus ALG II“, sagt Michelle Serret Grinvalds, die das „Netzwerk Leben“ koordiniert, das etwa ein Familienwochenende auf der Burg Breuberg im Odenwald organisierte. Für viele der 23 Teilnehmer sei es eine neue Erfahrung gewesen, „mal aus der Stadt herauszukommen“. Der Anteil an Kinderarmut liege in Offenbach doppelt so hoch wie im hessischen Mittel. Die Caritas agiere in einem Zentrum der Not. „Wir erleben die Situation von innen“, sagt Frank Mach.

Die sich nicht so gestaltet, wie es manche TV-Sender berichten, die suggerieren, Sozialhilfeempfänger lebten quietschfidel in Saus und Braus. „In den betroffenen Familien herrscht ein ständiger Pegel an Stress“, berichtet Günter Rothenberg von seiner Arbeit. Irgendein großes Problem belaste die Atmosphäre immer. In der Regel hinge das mit Geld zusammen, das fehle. Wobei das Thema nicht nur Arbeitslose drücke, sondern zunehmend auch Angestellte und Scheinselbstständige, „die mehr als 40 Wochenstunden arbeiten und dennoch auf öffentliche Zuschüsse angewiesen sind“. Es sind „Aufstocker“, deren Niedriglöhne die öffentliche Hand subventioniere.

Im Jahr 2010 kamen mehr als 2300 Ratsuchende zur Caritas-Dependance, die verschiedene Felder abdeckt. So nahmen 155 Schüler an der Hausaufgabenhilfe teil. Seit Ende 2009 meldeten sich für das Angebot „Streit-Krise-Gewalt“, neben den Opfern, auch zunehmend Männer an, weil sie ihre Aggressionen in den Griff bekommen wollten. Auch wer ahnt, seinen Alkoholkonsum nicht mehr kontrollieren zu können, kann sich helfen lassen. Wenn die Caritas etwas nicht leisten könne, „nennen wir den Betroffenen die Anlaufstellen.“

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