Fluglärm auf der Rosenhöhe: Dem Himmel zu nah

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Die Anwohner der Rosenhöhe sind den permanenten Fluglärm über ihren Köpfen leid.

Offenbach - Die Rosenhöhe gilt als gutbürgerliches, idyllisches Eck für Jung und Alt. Richtig ruhig war es in Offenbachs Süden noch nie, überflogen wurde die Rosenhöhe schon immer. An Flugzeuge über ihren Köpfen sollten sich die Anwohner folglich gewöhnt haben. Von Jenny Bieniek

Die zusätzliche Belastung durch die neue Nordwestbahn aber übersteigt auch ihre Schmerzgrenze. Am Waldschwimmbad haben sich einige von ihnen versammelt, um an Ort und Stelle der Heimatzeitung ihr Leid zu diktieren. Akustisch funktioniert das an diesem Mittwochmorgen: Wir haben Offenbach schonende Ostwetterlage. Fast herrscht vorübergehend die Idylle, die Brigitte Nötzel beschwört. „Wenn die Flieger nicht wären...“, seufzt die Diplompädagogin und Designerin. Seit 37 Jahren verbringt sie ihre Freizeit in der Kleingartenanlage nahe dem Waldschwimmbad. „Klar hat der Lärm in den letzten Jahren zugenommen, aber inzwischen ist es unerträglich.“

Nötzel ist als zweite Vorsitzende der Bürgerinitiative Fluglärm (BIL) auch organisiert engagiert. Seit vergangener Woche gilt für Flugzeuge eine andere Anflughöhe. Das sogenannte lärmmindernde Anflugverfahren soll den Geräuschpegel reduzieren. Nötzel merkt davon nichts. „60 Meter Unterschied sind für das menschliche Ohr doch gar nicht wahrnehmbar“, ergänzt Friedrich Quandt. Der pensionierte Polizist wohnt mit Ehefrau Marianne seit 1989 auf der Rosenhöhe. Auch sie sind in der BIL aktiv, empfinden den Lärm am Himmel schon lange als Zumutung.

Die Anwesenden wollen ihrem Ärger Luft machen. Ärger über die stetig wachsende Zahl an Flugzeugen über ihren Köpfen, die sie seit der Eröffnung der neuen Nordwest-Landebahn ertragen müssen. Ärger über nicht gemessene Feinstaubwerte unterhalb der Einflugschneise. Ärger über gebrochene Versprechen, nicht eingehaltene Nachtruhe und wirkungslose Maßnahmen zur Lärmminderung. Zu erzählen hat von ihnen jeder etwas.

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„Mein Sohn hat sich nie am Lärm von oben gestört“, erzählt Friedrich Quandt. Als dieser aber Nachwuchs bekam und nachts um 22 Uhr das Babyphon ansprang, weil das Kind durch die Überflieger wach wurde, sei er doch stutzig geworden. „Wenn selbst ein unbelastetes Baby auf den Fluglärm reagiert, heißt das schon was“, betont Quandt. „Ich habe Probleme, einem Gespräch zu folgen, wenn die Flieger über uns sind“, ergänzt ein anderer Anwohner. „Und wenn ich mich mit meinem Nachbarn über den Zaun hinweg unterhalte, müssen wir innehalten, bis der Flieger weg ist.“

Wegen des Lärms kämen Freunde nur noch selten in ihren Garten, berichtet Nötzel. „Vor allem im Sommer ist es schlimm. Den ganzen Tag halte ich es dort nicht mehr aus, sonst bin ich abends nervös und gestresst.“ Günter Töpfer ärgert die lasche Handhabung in Sachen Flugzeug-Emissionen. „Um in die Frankfurter Innenstadt zu dürfen, braucht jedes Auto eine grüne Plakette“, erinnert Töpfer. „Aber was da an Schadstoffmengen runterkommt, die niemand riechen oder sehen kann, ist egal?“

Die Gruppe ist überzeugt: Die Fliegeranzahl muss reduziert, die Anwohner müssen entlastet werden. Die als Beitrag zur Lärmminderung verkaufte Regelung bringe nichts. „Und der durch verbesserte Technik machbare Erfolg liegt bei maximal zehn Prozent“, glaubt Quandt.

Vorschläge zur Reduzierung des Lärmpegels

„Man hat uns beim Erörterungstermin aktiven Schallschutz versichert. Dass man das unsachgemäße Einfliegen mit Fahrwerk und Landeklappen stoppen würde.“ Seinen Beobachtungen zufolge halten sich knapp 60 Prozent der Flieger nicht daran. „Heute will man davon nichts mehr wissen und verweist darauf, dass die Piloten selbstverantwortlich entscheiden können, wie sie einfliegen“, moniert Quandt. Die Gruppe hat viele Vorschläge, um den Lärmpegel nachhaltig zu reduzieren.

Einer davon ist das Kontingentieren der Flüge. „In der Schweiz und in den Niederlanden landen die Flieger mal drei Tage hier, dann drei Tage woanders“, berichten die lärmgeplagten Anwohner. Durch eine bessere Verteilung der Starts und Landungen könnten die dringend benötigten Lärmpausen geschaffen werden. Gartenanlage und das anliegende Schwimmbad sollten Erholungsstätten sein, erinnert Nötzel. „Wie soll das gehen, wenn sie permanent überflogen werden?“

Eine Verteilung der Fernflüge auf alle deutschen Flughäfen sei denkbar. „Wenn beispielsweise alle Asienflüge von München abgingen, wäre das eine große Entlastung“, glaubt die Gruppe. Ihr Wunsch: Weg vom Drehkreuz Frankfurt. Denn weniger Ziele bedeuteten weniger Flieger. „Leute kommen aus Regensburg angereist, um von dort in den Urlaub zu fliegen. Das muss man sich mal vorstellen!“ Auch die Verlegung der Cargo nach Frankfurt-Hahn sei denkbar. „Aber das geht natürlich nicht, weil das Geld dann nach Rheinland-Pfalz statt nach Hessen fließt“, so ihre Vermutung.

Deckelaktion gegen Fluglärm

Den Flugverkehr deckeln, dem Lärm einen Deckel überstülpen: Das war die Idee hinter der Deckelaktion, zu der das Bündnis Menschenkette geladen hat. Doch es kamen nur etwa 200 in den Dreieichpark.

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