Zum Hinternwackeln

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Mutiger Griff zum Mikro: Sabine I. zelebriert den gerade erlangten Prinzessinnen-Status vor 650 Fassenachtern in der Stadthalle mit Gesang.

Lederanien ‐ Offenbacher Karneval ist groß. Und manchmal zu groß für die Bühne der Stadthalle. Tür auf, Einmarsch. Gardemädchen, Spielmannszug, Zeremonienmeister, schön in Reih und Glied, volle Breitseite, ab durch die Mitte. Von Barbara Hoven

Der Ablaufplan hat für 23 Uhr „etwa 60 Teilnehmer“ der Siegburger Funken zum Gardeauftritt vorgesehen. Also durch den Saal, dann die Stufen rauf zur Bühne. Vorne lächelt´s, hinten drückt´s, zähfließender Verkehr, Treppenstau. Wenn beim Offenbacher Karnevalverein (OKV) lederanische Fassenachter auf rheinländische Karnevalisten treffen, sind nicht nur Verständigungs-, sondern auch Platzprobleme zu überwinden.

Doch der Reihe nach. Denn groß und breit zelebriert die Dachvereinigung der Offenbacher Narren am Samstagabend von Anfang an ihr „Feuerwerk der guten Laune“, die Krönungsschau fürs neue Prinzenpaar. Tanz und Show, Fastnacht und Kabarett in gelungener Mischung wärmen das Volk - schon alleine, weil das zu solchen Anlässen auch bei Minusgraden gerne ein bisschen früher als pünktlich vor der Halle steht.

Drinnen ist das Gelächter gleich groß, als der „Till“, Karl-Heinz Eitel, reimend das Offenbacher Jahr 2010 aufwärmt. Die gute Laune schwillt weiter an mit jeder Anekdote, die Ramon Chormann als „De Pälzer“ über skurrile Nachbarn wie Dummbaddels Heinz, der sich für eine Motte hält, zu erzählen hat.

Bilder der Krönungsschau

Krönungsschau des OKV

Natürlich darf auch das Zeremonielle nicht fehlen: Es ist 20.38 Uhr, als sich rund 650 Menschen für den Einzug des Tollitäten-Trosses, darunter Frankfurts Prinzenpaar und Bürgels Kinderprinzenpaar, von den Stühlen erheben. Erst für den Abschied von Matthias II. und Carolin I., Prinzenpaar des OKV-Jubiläumsjahres 2010. Dann für OKV-Präsident Manfred Roth, der sich freut, als Hofmarschall „diesmal zwei nicht zu übersehende Persönlichkeiten“ krönen zu können. Herbert II., bürgerlich Mahlow, schafft´s mit ein bisschen Unterstützung runter auf die Knie, um Schwertschlag, Zepter und die mit Fasanenfeder verzierte Kappe ordnungsgemäß in Empfang zu nehmen. Sabine I., bürgerlich Schumacher, zelebriert den lang ersehnten Prinzessinnen-Status mit einem eigens neu und recht herb betexteten Lied: „Ich hab mich tausend Mal gewogen“. Als die neuen Regenten in Vollausstattung ihre Thronsessel bezogen haben, justiert die Hoffriseuse noch schnell die Krone, während davor bereits die Hofgarde Ober-Roden Männerhüften kreisen lässt.

Dieser Körperregion widmet sich auch „Dressman“ Axel Heilmann. Die Frankfurter Fastnachts-Eule verwandelt sich in der Bütt in eine Domina. Beim OKV ist Humor halt weder brav noch bieder. Und als das Publikum nach gut drei Stunden trotzdem mal schwächelt, wird eine zusätzliche Trainingseinheit angesetzt – Schunkelrunde!

Gardemädchen wirbeln durch die Luft

Dann: Kulturschock. Noch vor ein paar Tagen hat nicht mehr viel gefehlt, da hätten sich Main und Rhein dort getroffen, wo sie sich normalerweise nicht berühren. Und jetzt ist es doch passiert. Die blau-weiße Garde aus Siegburg, die bei der OKV-Jubiläumsfeier 2010 kurzfristig absagen musste, nimmt die Stadthalle nun umso motivierter ein. Gardemädchen wirbeln durch die Luft, Karnevals-Klassiker werden geschmettert. Zwar kann sich in Offenbach kaum einer einen Reim auf den Dialekt machen. Aber er muss ja auch nicht, solange er den „Stippeföttche-Tanz“ einfach mitmacht. Sogar der OKV-Elferrat um Sitzungspräsident Simon Isser wird zum für die Zuschauer äußerst amüsanten interkulturellen Hintern-Wackeln eingespannt.

Nur eines hätte größer ausfallen können: Die Begeisterung für den Auftritt von Schlagerikone Ireen Sheer. Schlag Mitternacht betritt sie in Glitter gehüllt die Bühne und wendet sich „Prinz Herbert“ zu, der sich jedoch als Frankfurts Prinz Markus I. entpuppt. „Was für ein Fauxpas“, merkt die Schlagersängerin selbst und singt dann schnell von Liebe.

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