Unsägliche Geschichte

Hinweis soll an ehemalige Bürgeler Synagoge erinnern

Bürgel - Den politischen Akteuren selbst ist das jeweilige Unverständnis der Gegenseite unerklärlich. Alle anderen werten die Diskussion wohl als übliches politisches Gezänk. Wenn überhaupt. Also nichts Dramatisches. Von Martin Kuhn 

Und die Sache selbst – in diesem Fall die ehemalige Bürgeler Synagoge – ist dem größten Teil der Bürger bestenfalls unbekannt. Um was geht’s? Ziel ist die Bewahrung eines kleinen Teils der Ortsgeschichte, ein Hinweis auf die ehemalige Synagoge in Bürgel, die im alten Ortskern steht, aber als Gotteshaus nicht mehr ohne weiteres zu erkennen ist. Die Frage, wie das zu ändern wäre, ist Grundlage eines längeren politischen Disputs in der jüngsten Parlamentssitzung. Das Ergebnis überrascht niemanden: Die Koalition setzt sich durch, die Opposition bleibt zerknirscht zurück.

Was vor der Sommerpause mehrheitlich auf den Weg gebracht ist, hat zunächst wenig Tiefgang: „Der Magistrat wird beauftragt, zu prüfen und zu berichten, ob und in welcher Form (beispielsweise eine Gedenkplatte am Haus, im Boden vor dem Haus oder eine Stele in unmittelbarer Nähe des Hauses) am Ort der ehemaligen Bürgeler Synagoge ein Hinweis zu deren Gedenken angebracht werden kann. Der Eigentümer des Hauses ist in die Prüfung einzubeziehen.“

Alles andere wird leicht unübersichtlich. Fakt ist, dass der Verein Pro Bürgel, bei dem bekanntlich CDU-Stadtverordneter Michael Maier den Vorsitz führt, schon 2006 mit der jüdischen Gemeinde einen entsprechenden Text formuliert hat. Falls einmal eine Sanierung ansteht, wollte man den Besitzer bitten, „dies anbringen zu dürfen“. Die Union sieht diesen behutsamen Weg durch den Beschluss konterkariert. Mehr noch: Stadtverordneter Dominik Mangelmann fürchtet, dass der Bauherr aufgrund von Konflikte mit der Bauaufsicht „nicht bereit ist, der Stadt ohne ein Entgegenkommen, welcher Form auch immer, einen Gefallen zu tun“.

Hintergrund für seine Vermutung: Bei einer (Teil-) Sanierung habe es für den heutigen Eigentümer „keine wirkliche Betreuung“ seitens der Verwaltung gegeben. Für den Bau-Ingenieur ein Unding, da er die ehemalige Synagoge von der Originalsubstanz als „wohl eine der am besten erhaltenen in der weiteren Umgebung“ einschätzt. Um ihn wieder ins Boot zu holen, wollte die CDU eine öffentliche Teilförderung für die Außensanierung des zweigeschossigen Hauses erreichen – vergebens.

Der Jüdische Friedhof in Berlin

In der Offenbacher Denkmalmal-Topografie ist die Geschichte hinterlegt: „1824 wurde die Bürgeler Synagoge mit 66 Männer- und 38 Frauenplätzen errichtet. 1856 Renovierung. Zerstörung der Inneneinrichtung in der Pogromnacht 1938. Das Gebäude wurde an einen Lederwarenfabrikanten verkauft und als Lagerraum genutzt (...) 1943 Kriegsschäden am Gebäude und nach 1945 Umbau zu einem Wohnhaus.“ Äußerliche Besonderheit: Reste der einstigen Fenstereinteilung mit rundbogigen Gewänden an der Westseite. Was Mangelmann besonders aufbringt: Als das Haus jahrelang zum Verkauf stand, habe die Stadt nicht reagiert.

Die ganze Kritik kann SPD-Parlamentarier Bruno Persichilli nicht nachvollziehen: „Unser Antrag ist völlig offen formuliert und lässt verschiedenste Möglichkeiten zu: Plakette, Stolperstein, Stele...“ Der Antrag sei notwendig, da in der Sache selbst seit Längerem nichts mehr passiert sei, nachdem ein erster Antrag von 2014 noch zurückgestellt worden war: „Und 77 Jahre nach der der Schändung der Synagogen durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wird es wirklich Zeit, auf die Bedeutung der jüdischen Gemeinde in Bürgel hinzuweisen.“

Das Angebot, mit einem Arbeitskreis der Koalition einen interfraktionellen Antrag zu ermöglichen, sei von der CDU nie beantwortet worden. „Auch die Offerte, den CDU-Antrag als Ergänzungsantrag mitzunehmen, wurde abgelehnt“, so Persichilli. Ihm ist unklar, welche Motive die Union bewogen haben, „auf einem eigenen Antrag zu bestehen“.

Rubriklistenbild: © dpa

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