Annäherung an den Nachbarn

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Mit einer Prise Humor, doch stets an historische Fakten angelehnt, führte Vicente Such-Garcia (vorne) Frankfurter durch Offenbach.

Offenbach - Über die Städtefeindschaft zwischen Frankfurt und Offenbach gibt es seit jeher Klischees, Vorurteile und blöde Witze. Doch was steckt wirklich dahinter? Von Harald H. Richter

Warum leben beide Städte so in einer Hass-Liebe mit- und gegeneinander? Welche Wurzel ist das Übel, derartig über die andere Mainseite zu schimpfen? Oder sind das alles nur Nettigkeiten, die man sich gegenseitig an den Hals wünscht?

Vicente Such-Garcia, Dozent und Historiker mit spanischen Wurzeln, nimmt die Gruppe am Marktplatz in Empfang und mit auf einen unterhaltsamen, zeitgeschichtlichen Spaziergang. Der Grenzgänger, wie er sich selbst nennt, lebt seit 1960 in Frankfurt und arbeitet im Offenbacher Haus der Stadtgeschichte. Wohl kein Besserer als er kann die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Bewohner der Stadt der Banker und Kaufleute und derer aus der Arbeitermetropole aufzeigen. Der 55-jährige tut es launig und mit einer Prise Humor, doch stets an historische Fakten angelehnt.´

Die Gruppe, zu jeweils etwa einem Drittel zusammengesetzt mit Teilnehmern aus Frankfurt, aus Offenbach und aus dem Umland, hört aus seinem Mund manch Bekanntes, aber auch Neues und Überraschendes wider aller vorschnellen Urteile.

Auch Einheimische dabei

Norbert Rother aus Mühlheim ist dabei und seine Frau Gerda, die aus der Lederstadt stammt. Gemeinsam mit Sohn, Schwiegertochter und Enkeln, die unweit des Großen Feldbergs im Taunus zu Hause sind, nehmen sie beim Rundgang ganz unterschiedlich wahr, worin sich die mitunter spannungsgeladene Rivalität ausdrückt. Dass auch Einheimische in diesem Sinne gern einmal ihre Heimatstadt durchstreifen, lässt sich an der Teilnahme eines Offenbacher Urgesteins ablesen: Werner König, heute 84. Er hat Karl Winterkorn (1880-1959), dem als „Streichholzkarlche“ am Wilhelmsplatz ein Denkmal gesetzt ist, noch persönlich gekannt. Vor der Sandsteinfigur dieses Offenbacher Originals weiß Such-Garcia einiges über den liebenswürdigen Individualisten zu berichten, den jeder kannte und sympathisch fand, dessen Bild eine versunkene Zeit und schwindende Erinnerungen verkörpert. Werner König steht daneben und nickt zustimmend.

Beziehungsreich auf der Frankfurter Straße, direkt am Stadthof vor der Apotheke Zum Löwen, markiert „Krieh die Kränk, Offebach“, die bronzene Skulpturengruppe des Bildhauers Bonifatius Stirnberg, einen anderen Fixpunkt dieser Tour durch die Geschichte voller Gemeinsamkeiten der Menschen beider Städte. Im Zickzackkurs durchs Offenbacher Zentrum gelangen die Stadterkunder auch vorbei an der Musikalienhandlung André, die einst Notenblätter des Komponisten W.A. Mozart verlegte, zu den Stolpersteinen für den jüdischen Herrenausstatter Hermann Hirschen und dessen Frau Johanna. „Etliche Frankfurter Bürgersleute ließen sich bei ihm einkleiden“, erinnert Stadterklärer Such-Garcia und nennt beispielhaft die Seifenfabrikanten Mouson und Kappus. „Hirschen überlebte den Krieg, seine Frau hingegen nicht, sie starb im KZ Theresienstadt.“

Einem anderen Offenbacher Juden und Freimaurer ist bislang kein Stein der Erinnerung gewidmet: Leopold Siegfried Kopp, dessen Vater 1852 das Offenbacher Bürgerrecht erhielt und an der Frankfurter Straße 62 eine Manufaktur für Kleider betrieb. Die deutsch-jüdische Familie wanderte 1877 nach Kolumbien aus, wo „Don Leo“ für den kolumbianischen Markt deutsches Bier braute. Ihm zu Ehren ist in Bogota ein Denkmal gesetzt. „Er soll der einzige Offenbacher sein, dem im Ausland eine solche Ehre zuteil geworden ist.“

Knapp dreistündige Stadterkundung

Am Wilhelmsplatz vorbei geht es weiter Richtung Bieberer Straße und mit einem Rechtsschwenk aufs Gelände der Fabbrica Latticini. Wer in Frankfurts Kleiner Markthalle schlemmt, kommt kaum an Spezialitäten aus Offenbachs Käsefabrik L’Abbate vorbei – die Tour-Teilnehmer auch nicht. Die Frankfurterin Ulrike Jacob hat davon zwar schon gehört, wusste diese kulinarische Hinterhofadresse aber nicht genau zu verorten. Deren Flyer wird eingesteckt, genau wie später als Souvenir ein Postkärtchen mit dem Motiv des restaurierten Metzlerschen Badetempels am Rande des Lili-Parks, der heute für Events gemietet werden kann.

Nach knapp dreistündiger Stadterkundung klingt die Annäherung in Feindesland dort aus, wo vor Jahren noch Schwimmer ihre Trainingseinheiten absolvierten: Im heutigen Sheraton Hotel und einstigen Stadtbad. Und so erfährt nicht nur Diana Gärtner, die in Heusenstamm lebt, wo die Karriere des erfolgreichsten deutschen Schwimmers Michael Groß aus Frankfurt einst begann – natürlich in Offenbach…

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