Hoch über dem Unentdeckten

Offenbach - Stadtführerin Monika Krämer hat verschiedenste Routen in petto. Dazu gehört sogar eine Gratwanderung; pardon, es muss natürlich 360-Grad-Wanderung heißen. Von Silke Gelhausen-Schüßler

Die erlaubt innerhalb weniger Minuten außergewöhnliche Wegstrecken: „Und jetzt kommen wir vom Taunus in den Spessart. “ Klar, das Krämer nur an einem einzigen Punkt stehen kann, wenn sie diesen Satz sagt: auf dem höchsten Offenbachs, dem City Tower. Am Mittwochabend hat sie zum zweiten Mal eine Gruppe dort hinauf gebracht. Allein die Ankündigung der Führung in der Zeitung löste in ihrer Wohnung callcenterähnliche Zustände aus; drei Tage lang stand das Telefon nicht mehr still.

26 Teilnehmern hat sie zugesagt, acht davon sind allerdings nicht aufgetaucht. „Das ist sehr schade, denn ich habe noch 75 auf der Warteliste stehen, da hätte ich kurzfristig ein paar anrufen können“, bedauert Krämer das unentschuldigte Fehlen. Die nächste Führung ist ebenfalls schon ausgebucht; weitere drei, mit denen sie ihre Liste „abarbeiten“ möchte, hat sie noch beim Gebäude-Management beantragt.

Gerade mal eine halbe Minute dauert die Fahrt in einem der acht Aufzüge. Savas Coban, seit zwei Jahren Hausmeister, begleitet die Gruppe. In der 30. Etage, mehr als 100 Meter höher als die Berliner Straße, ist das Ziel erreicht: freie Sicht durch Rundumverglasung in einem der Konferenzräume. Monika Krämer steuert die nächstgelegene Seite an, die nach Norden raus. Hier erläutert sie einige Puzzlestücke des sich wunderbar darbietenden Bildes: Carl-Ulrich- Brücke, Postzentrum Fechenheim, Gestalter-Hochschule, Isenburger Schloss, Büsingpalais...

Im Alltag nie bemerkte Gebäude zum ersten Mal gesehen

Für so manchen Teilnehmer sind die Erklärungen aber eher nebensächlich, sie wollen einfach nur dieses faszinierende „Kino“ schauen oder fotografieren. Viele diskutieren, was das eine oder andere Gebäude sein könnte, erinnern sich an frühere Firmenstandorte, umgestaltete Flächen, suchen das Kickers-Stadion, staunen über das begrünte Dach des KOMM-Centers und in der Ferne das Kraftwerk Staudinger. Auf dem Boden der Tatsachen bisher nicht Wahrgenommenes wird entdeckt und versucht zu enträtseln. Wie die Minigrünanlage am Toys‘R’Us mit angeschlossenen Kunstobjekten. Im Alltag nie bemerkte Gebäude, etwa wie die Kirche der Mormonen, werden nach Jahren zum ersten Mal richtig gesehen.

Eine dreiviertel Stunde später sind die Beobachter einigermaßen gesättigt und lassen sich zurück ins Erdgeschoss liften. Als „Nachtisch“ bietet Stadtführerin Krämer noch einen kleinen Spaziergang durch das Kulturkarree der Herrnstraße an.

Der im Jahr 2003 fertig gestellte City Tower wurde von den Offenbacher Architekten Novotny und Mähner entworfen. Eigentümer ist die Commerz Grundbesitz Investment GmbH. Die 34 Geschosse ergeben eine Gebäudehöhe von 122 Metern, mit Antenne 140 Meter. Damit steht der Büroturm an 34. Stelle der Liste mit den höchsten deutschen Gebäuden. 50 Prozent der Büroflächen sind vermietet, den größten Anteil hat die weltweit tätige Beratungsfirma Capgemini mit allein elf Etagen. Die Regelgeschossfläche beträgt 750 Quadratmeter, insgesamt verfügt das Gebäude über 24 500 Quadratmeter Mietfläche und, eigenen Angaben nach und durchaus ein Qualitätsmerkmal, mehr als 2500 Fensterplätze. Das Niedrigenergiehaus mit Wärmerückgewinnungskonzept besteht aus Glas, Stahl und grünem Natursandstein vom Fuße des Großvenedigers in Tirol. Der ist 3 662 Meter hoch.

Rubriklistenbild: © Georg

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