Höchstes Gut des Mannes

+
Thought deprivation nennt Wioleta Izabela Kuzniak ihr Werk.

Offenbach ‐ Zur Erstsemesterausstellung hatte die Hochschule für Gestaltung (HfG) in ihre Hallen geladen. Studierende aus beiden Fachbereichen zeigten im Hauptgebäude unter dem Titel „all we want is love“ ihre Arbeiten. Darüber hinaus präsentieren Studierende der Lehrgebiete Interactive Design/Motion Design und Typografie ausgewählte Exponate. Von Claus Wolfschlag

Der Andrang der meist jungen und ausgesprochen interessierten Besucher war wieder einmal groß, und das bereits lange bevor die Party lockte. Schon am Eingang wurden die Gäste von großformatigen Arbeiten des Semesters „Gestaltungsgrundlagen“ begrüßt, Papierblumen von Pauline Heyne und einer übergroßen Marionettenhand von Laura Dajana Kroschewski. Dazu Videos, teils im Stop-Motion-Stil.

In der Aula waberte einem Räucherstäbchenduft entgegen. Fiktive Wohn- und Arbeitsräume waren dort aufgebaut, von Studenten teils aus Brettern gezimmert und mit Statisten gefüllt. Bereits neben der Eingangstür befand sich ein künstliches Büro mit zwei stummen Zeitungslesern. Das „Heimatheim“ von Kathrin Stößer zeigte ein mit Rindenstücken, Moos und Gras überwachsenes möbliertes Zimmer. Welch ein Kontrast zur Arbeit von Nicolas Gebbe mit dem Titel „Ein Mann und sein höchstes Gut“: Eine Bretterbude voller Bierflaschen, Stacheldraht und ausgedrückten Zigarettenkippen samt einem wortkargen Statisten vorm Fernseher. Zur Erheiterung führte das mit menschlichem Personal belebte Fabrik-Fließband von Yacin Boudalfa. „Ja, schön weiterarbeiten“, befahl ein womöglich schon angetrunkener Besucher laut. Durch ein Schaufenster konnte er den am Fließband sitzenden „Arbeitern“ bei ihrem Tagwerk zusehen - im Zuge der Produktionsstättenverlagerungen womöglich auch außerhalb der HfG bald eine Seltenheit. Großformatige Aquarelle von Corinna Peth mit dem Titel „Pennen und Popoliebe“ zierten die Längswand der Aula. Die Bilder zeigten meisterhaft im Schlaf befindliche, Gnomen ähnliche Wesen mit breiten Füßen.

Humorvolle und stimmungsvolle Fotografien

Die Flure waren mit humorvollen und stimmungsvollen Fotografien geschmückt. Max Geisler stellte in seinen Fotos die Spaß-Aktion „Kleingedruckt“ vor. Ein RMV-Fahrkartenautomat war von Beteiligten der Aktion mit falscher Etikettierung versehen worden. Nun gab es dort Tasten mit dem Aufdruck „Kaffeefahrt für 10 Personen“, „Geld zurück Ticket“, „Last minute Ticket“ oder schlicht „nach Hause“. Ein Fahrstuhlschild war zudem mit dem Schriftzug „Untergang“ überklebt worden. Ebenfalls dem Nahverkehr widmete Maciej Mikolaj Medrala seine Fotoreihe von aus dem Führerhaus schauenden Zugschaffnern diverser S-Bahn-Linien. Frauenporträts und Körperbilder steuerten Urs Daun und Fabia Kuhlmann bei. Die Klasse „Integrale Formgenerierung“ von Professor Markus Holzbach präsentierte die Ergebnisse ihrer schon in die Chemie reichenden Materialexperimente: Styroporkugeln, unter Wärmebeeinflussung verklumpt. Gefärbtes Wasser, die daraus entstehenden Strukturen digitalisiert und abstrahiert. Die Reaktion von Feuchtigkeit auf magnetische Felder getestet. LED-Leuchten mit einem Pendel bewegt, die Lichtspuren dann von einer Kamera aufgenommen. In der Mitte des Raums konnte man Mischgebilde aus Wachs, Wasser und Flüssigwaschmittel betrachten.

Buchillustrationen führten in die überbordende Fantasie der jungen Illustratoren und in phantastisch-symbolistische Welten. Das Buch „Die Frauen und das Wasser“ handelte von glücklichen Weibern, die Kamelen vergleichbar Wasser in ihrem Bauch speichern und an ihre Umwelt abgeben können. Jan Paul Muller führte mit „Der Zangenganstrip“ in eine seltsame Welt zwischen sexuell angehauchtem Comic und Hieronymus Bosch-Szenario: Auf einem fernen Planet werden Krankenhaus-Entbindungen durch Werkzeugtiere vorgenommen. In dem Landschaftsreigen, der diese Vorgänge zeigen soll, begegneten einem etwa Tiere mit Sägeköpfen, in Löffeln stehende Männer, an Fliegenpilzen leckende Nackte oder Karotten mit Gesichtern.

Geflügelte Scherenschnittfigur schwebt durch die Welt

Zahlreich waren auch die Klein-Erfindungen der Produktdesigner: Spielereien mit Kabelbindern, Aufhängungen für Sonnenbrillen, ein Gerät für Fang und Beobachtung von Insekten, Mini-Wäscheständer, Klappwäschekorb, Handy- und Klorollenhalter. Die Cliplampe hatte es Studentin Janine angetan: „Es ist cool, wenn sie sich wirklich bei Berührung verändert.“ Ihre Freundin Rebecca hingegen fand die „Schlüsselfinder“-Aufkleber sehr praktisch, um beim großen Schlüsselbund ohne langes Suchen in die Wohnung zu kommen.

Die womöglich bezauberndste Arbeit lauerte in einem Raum des obersten Stockwerks: Anna Hofmanns „romantic Fighter“. In einem musikalisch unterlegten Film sah man eine geflügelte Scherenschnittfigur durch die Welt schweben. Der Herr mit den Flügeln geht im Film durch seine Welt, frisst Dinge und verwandelt dabei seine Gestalt. Ein Sinnbild für das Dasein, wie Hofmann erklärte: „Die Dinge verändern einen, fressen einen manchmal auf. Das macht das Leben aus.“

Kommentare