Durch Abwesenheit glänzen

Home Office: Unternehmen der Region ziehen mit

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Zu Hause arbeiten, ist für Arbeitnehmer praktisch. Dem muss der Chef zustimmen.

Offenbach - Wer würde nicht gerne Schlips oder Kostüm gegen den Morgenmantel tauschen, früher Feierabend machen statt im Stau zu stehen oder eine Pause einlegen, wenn die Sonne scheint? Arbeitnehmer, die zu Hause ihrem Beruf nachgehen, genießen viele Vorteile. Unternehmen in Hessen öffnen sich immer mehr dem Trend zur Arbeit zuhause. Von Katrin Muhl

Trotz technischen Fortschritts, zunehmender Digitalisierung und Vernetzung ist das sogenannte Home-Office bisher nur für ein Drittel der deutschen Unternehmen eine echte Alternative zum Büroalltag. Das besagt eine Studie, die zum IT-Gipfel der Bundesregierung Mitte November veröffentlicht wurde. Bei größeren Unternehmen schickt demnach immerhin die Hälfte ihre Mitarbeiter ohne Murren ins Home-Office. Alle anderen pochen auf Präsenz am Arbeitsplatz. Diese sei weder eine Qualifikation, noch ein Leistungsnachweis, sagte kürzlich Henkel-Chef Kasper Rorsted, der auch darauf hinwies, dass junge Leute freier entscheiden wollen, wann und wo sie arbeiten. In seinen Büros gelte daher: „Hauptsache die Leistung stimmt.“ Wir haben große hessische Betriebe nach ihrer Einstellung gefragt. Unsere Gesprächspartner befürworten durch die Bank, wenn Büroangestellte ihre beruflichen Aufgaben von zu Hause aus erledigen. Damit reagieren die Betriebe auf die gestiegene Nachfrage nach der sogenannten Telearbeit auf Seiten der Arbeitnehmer, die auch von Bundesministerin Andrea Nahles (SPD) hervorgehoben wurde. „Der Bedarf ist riesig“, sagte sie im November der Süddeutschen Zeitung. Das Home-Office sei größtenteils technisch machbar, „also sollten wir uns auf den Weg machen“, so die Ministerin.

Unternehmen, die auf diesen Zug aufspringen, sind attraktivere Arbeitgeber. Aber sie kommen nicht nur den Wünschen der Belegschaft nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf entgegen, sondern profitieren unmittelbar, wenn Angestellte sich den Weg ins Büro sparen. „Dem Arbeitgeber bleibt wertvolle Erfahrung des Personals erhalten“, sagt Martin Jäger von der Abteilung Personal- und Organisationsentwicklung der STADT OFFENBACH. Er denke dabei vor allem an Personen mit familiären Verpflichtungen, die dank Telearbeit „früher oder in größerem Umfang ins Arbeitsleben zurückkehren“ und an Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen, die so länger im Beruf bleiben können. Weil die Stadt Offenbach für ihre Mitarbeiter ein steigendes Durchschnittsalter und damit die Zunahme von gesundheitlichen Beeinträchtigungen erwartet, will sie im Rahmen ihres Gesundheitsmanagements die Möglichkeit zum Home-Office weiter ausbauen. Eine wichtige Rolle spiele dabei „E-Government“, ein elektronischer Bürgerdienst, der die zeit- und ortsunabhängige Abwicklung von Verwaltungsangelegenheiten möglich macht.

Positive Erfahrungen bei der EVO

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Aufgrund von positiven Erfahrungen mit Mitarbeitern im Home-Office bietet der Offenbacher Energieversorger EVO seinem Personal im nächsten Jahr das flexible Arbeitsmodell „Mobiles Arbeiten“ an. „Heimarbeit funktionierte bei uns bisher sehr gut. Die Angestellten liefern nach wie vor tolle Arbeit ab und sind im Team weiterhin fest eingebunden“, resümiert Pressesprecher Martin Ochs. Bisher kommen nur Mitarbeiter mit Kindern in den Genuss von Telearbeit, 2016 entscheidet dann nicht mehr der Familienstand über die Erlaubnis. „Damit kommen wir den Bedürfnissen unserer Mitarbeiter nach, wie die jüngste Befragung gezeigt hat“, sagt Ochs. Kürzlich hat die EVO zum dritten Mal das „Audit Beruf und Familie“ von der Hertie-Stiftung bekommen, das Unternehmen auszeichnet, die sich für eine gelungene Balance von Berufs- und Familienleben einsetzen.

Als eines der ersten Unternehmen habe die Deutsche Bahn AG im Jahr 2013 einen sogenannten Demografie-Tarifvertrag verabredet. Angestrebt seien flexiblere Arbeitszeitmodelle, die unter anderem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dienlich sein sowie Teilzeit in allen Lebensarbeitsphasen fördern sollen. Dazu gehört laut Roman Rühle, Bahn-Sprecher für Personalthemen, sofern umsetzbar, das Home-Office.

In puncto Telearbeit legt auch FRAPORT seinen Beschäftigten keine Steine in den Weg und „entkoppelt“ Büroarbeiter bei Bedarf vom festen Arbeitsplatz, wie Jörg Machacek, Fraport-Sprecher für Personal und Cargo, formuliert. „Unter dem Aspekt von Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellen in unseren administrativen Bereichen immer mehr Beschäftigte Anträge auf ein Home-Office – übrigens immer häufiger auch Männer“, so sein Bericht. Machacek merkt an, dass einige seiner Mitarbeiter nur so überhaupt arbeiten können, „da ohne Heimarbeit etwa die Pflege von Angehörigen oder die Betreuung von Kindern auf der Strecke bleibt“.

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Dass sich nicht nur Väter und Mütter eine individuelle Gestaltung ihrer Freizeit wünschen, beobachtet Asa Lautenberg, zuständig für die Personalpolitik der LUFTHANSA-GRUPPE. Die Fluggesellschaft erlaube Büroangestellten grundsätzlich den Rückzug ins Home-Office, zusätzlich arbeite man seit drei Jahren an einer schrittweisen Modernisierung der Personalführung jenseits von Anwesenheitspflicht und festen Arbeitsplätzen. Das kann bedeuten, dass sich ein Mitarbeiter aus dem Schwimmbad oder vom heimischen Küchentisch mittels Videoverbindung zum Team-Meeting meldet. Eine ungezwungene Form des Arbeitens, die die Eigenverantwortung der Angestellten fördert und Führungskräfte dazu anhält, nicht mehr anhand von Präsenz im Büro, sondern von Ergebnissen zu bewerten, wie Lautenberg findet.

Bei der SIEMENS AG in Frankfurt unterscheidet man zwei Modelle: Das gelegentliche Home-Office in Absprache mit der Führungskraft und regelmäßige Telearbeit, die im Jahr mindestens 20 aber nicht mehr als 80 Prozent der Arbeitszeit ausmachen sollte, wie Pressesprecher Michael Friedrich mitteilt.

Die DEUTSCHE BANK ermöglicht „in bestimmten Situationen oder dauerhaft an einem festen Arbeitsplatz zu Hause zu arbeiten“, sagt Armin Niedermeier, ein Sprecher der Deutschen Bank in Frankfurt. Voraussetzung sei das Einverständnis des Vorgesetzten und dass die jeweilige Tätigkeit zu Hause erledigt werden kann. Den Arbeitsplatz in die eigenen vier Wände zu verlagern ist jedoch kaum auf allen Ebenen machbar. Das räumte auch Nahles ein. Ausgeschlossen sind Regionen, in denen der Breitbandausbau noch nicht weit genug fortgeschritten ist, sowie Tätigkeiten, die nicht von zu Hause aus erledigt werden können.

Manfred Bernjus, Vorstandsleiter der Sparkasse Offenbach , sagte: „Das Thema Home-Office wird für unser Haus nicht als umsetzbar angesehen. Einerseits ist im Kundenverkehr die Präsenz notwendig und andererseits sehen wir aufgrund der erforderlichen Vertraulichkeit die Datensicherheit in einem offenen Datensystem nicht gewährleistet.“

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Bei VW in Baunatal etwa arbeite die Mehrheit der Mitarbeiter in der Produktion. „Da werden Autos zusammengeschraubt, Home-Office ist da nicht möglich“, stellt Markus Schlesag, Pressesprecher des VW-Personalvorstands, klar. Das ist nach Meinung der Ministerin aber nicht ausschlaggebend: „Es geht vor allem um Präsenzkultur.“

Die sei „schon lange nicht mehr zeitgemäß“ wie das Hanauer Technologieunternehmen HERAEUS über Pressesprecher Christoph Ringwald mitteilt. Bei Heraeus sei daher das temporäre Home-Office in Kombination mit unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen ein wichtiger Baustein der Mitarbeiter-Flexibilität. Allerdings sei das persönliche Erscheinen in manchen Situationen unabdingbar, zum Beispiel bei projektorientierter Teamarbeit, wie Ringwald hervorhebt. Zudem beobachte man bei Heraeus, dass „Mitarbeiter nach wie vor gerne mit ihren Kollegen vor Ort arbeiten“.

Lautenberg berichtet, dass die Führungskräfte im Lufthansa-Headquarter nach Einführung der neuen, dynamischen Arbeitsweise das Selbstwertgefühl einzelner Mitarbeiter wieder stärken mussten, die durch vermehrte Telearbeit befürchteten, nur noch auf ihre Ergebnisse reduziert und als Person nicht mehr wahrgenommen zu werden. Jäger von der Stadtverwaltung Offenbach macht sich dagegen Sorgen über die reibungslose Kommunikation im Team, wenn der persönliche Kontakt mit Kollegen zu kurz kommt. Für den Mitarbeiter im Home-Office sieht er die Gefahr, dass „die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeitsleben weicher werden“. Er setze daher auf feste Home-Office-Tage, doch ein Patentrezept für den optimalen Umgang mit Telearbeit gebe es nicht.

Deshalb braucht es Fraport-Sprecher Machacek zufolge „eine Unternehmenskultur, die diese Arbeitsform fördert und mitträgt, aber gleichzeitig auch immer wieder ihre Sinnhaftigkeit hinterfragt.“

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