Die Hosen einst unterm Rock getragen

Offenbach - Besonders in den 70er-Jahren galt die getrennte Beschulung von Mädchen und Jungen als wilhelminischer Zopf, der abgeschnitten gehörte, weil er angeblich dazu führte, ein verklemmtes Geschlechterverhältnis zu zementieren. Von Stefan Mangold

Wenn Anita Friedel-Beitz von ihrer Zeit an der katholischen Marienschule erzählt, auf der sie 1975 das Abitur ablegte, wirkt die einstige Skepsis nachvollziehbar. „Wir durften keine Hosen tragen“, erinnert sie sich ihres illegalen Textils, das sie im Winter auf dem Schulweg unter dem Rock anhatte. Vor der ersten Stunde stopfte sie die Hose auf der Toilette in eine Tüte.

Ein Trauma scheint die Ehrenprofessorin der polnischen Privatuniversität Lomza deshalb nicht davon getragen zu haben. Sonst wäre sie nicht noch heute mit einer Lehrerin von früher befreundet, sonst hätte sie den Posten der stellvertretenden Vorsitzenden des Vereins der „Freunde und Förderer der Marienschule der Ursulinen“ abgelehnt. Jener Frauengemeinschaft, die sich im 16. Jahrhundert unter dem Dach der katholischen Kirche gründete. „In der Bildung für Mädchen lag ein emanzipatorischer Ansatz“, spannt die Schulleiterin Marie Luise Trocholepczy den Bogen zur Moderne, wo Koedukation keineswegs mehr als der Weisheit letzter Schluss gilt.

Kirchenaustritte schmälern Budget

Die Mädchen tragen seit über dreißig Jahren ihre Hosen unversteckt. „Als ich 1981 Abitur machte, war das Verbot Geschichte“, sagt Schulelternbeirätin Katja Werner. In ihrer Initiative liegt der Grund, warum sich am Freitag rund 1 800 Gäste auf dem Sportgelände der Marienschule einfinden. „Kultur-Abend 2012“ steht auf dem Programm. Der könnte für den Beginn einer Tradition stehen.

Zur Kultur gehört neben dem Auftritt der Big Band unter der Leitung von Arno Classen, auch der von Julia Jäger. Die Abiturientin strebt eine Musical-Karriere an. Die Stimmbeherrschung, mit der sie „I Could Have Danced All Night“ aus „My Fair Lady“ vorträgt, spricht für ihren Berufswunsch. Neben dem Amüsement geht es „um Einnahmen für den Förderverein“, so Anita Friedel-Beitz. Schulgeld müssen die Eltern für die vom Bistum Mainz betriebene kooperative Gesamtschule zwar nicht zahlen, ohne deren Spenden liefe jedoch nichts. Was fehlt, schießt neben der öffentlichen Hand die Diözese zu. Deren Budget verknappt sich jedoch durch Kirchenaustritte. „Ich wusste gar nicht, dass ein Fagott überholt werden muss“, spricht Friedel-Beitz die Kosten des Orchesters an, das unter Brigitte Rudin den Abend eröffnet. Weshalb Katja Werner „gegen Widerstand“ vorgeschlagen hatte, das Defizit im Kulturhaushalt der Mädchenschule mit einem Fest zumindest zu verkleinern.

„Nicht für jedes Mädchen“

Der fast 900 Mitglieder zählende Förderverein mit seinem Vorsitzenden Jürgen Kohlhaas spielt generell eine wichtige Rolle. Im vergangenen Jahr stellte er für Ausstattung und Projekttage 40 000 Euro zur Verfügung. Schulleiterin Trocholepczy sieht das Konzept des getrennten Unterrichts keineswegs als alleine beglückendes, „für alle Mädchen eignet sich das nicht.“ Ihre Bilanz ist dennoch positiv. Überdurchschnittlich viele Marienschülerinnen landeten später in gehobenen Positionen.

Rubriklistenbild: © Oxfordian Kissuth/pixelio

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare