„Corona bekommt bei uns keine Bühne“

Humor in der Krise: Henni Nachtsheim von Badesalz im Interview

Henni Nachtsheim von Badesalz mit seinem Best-of-Soloprogramm: „Null Null Sibbe!“ zu Gast in Offenbach
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Henni Nachtsheim ist auch in Corona-Zeiten Fan von Alltagskomik.

Angesichts von Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und Öffnungs-Wirrwarr ist nach einem Jahr Corona-Pandemie vielen inzwischen das Lachen vergangen. Dabei ist Humor gerade in diesen Zeiten wichtig, ist Henni Nachtsheim vom Comedy-Duo Badesalz überzeugt.

Rhein-Main – Seit rund 40 Jahren steht der in Rödermark lebende Henni Nachtsheim zusammen mit Gerd Knebel als Comedy-Duo Badesalz auf der Bühne. Auch für sie ist die Corona-Pandemie ein Einschnitt gewesen – eine abgesagte Tour, keine Auftritte auf den Bühnen Deutschlands. Wir haben mit ihm über Humor, Kreativität und das, was ihn auch in dieser Zeit noch zum Lachen bringt, gesprochen.

Wie beeinflusst die Corona-Krise den Humor?
Also in meinem Umfeld spielt der Humor immer noch eine wichtige Rolle. Vor allem schwarzer Humor ist verstärkt angesagt, genauso wie Galgenhumor. Wirklich alle sind froh, wenn es mal was zu lachen gibt. Viele Telefonate mit Freunden fangen zum Beispiel meist aufgeregt an. Da wird erst mal Dampf abgelassen, auch wenn ich selbst jetzt nicht der Typ dafür bin. Aber wenn dann am Ende ein Witz gemacht wird und man noch mal Humor in das Gespräch reinbringt, dann tut das allen immer wahnsinnig gut, merke ich. Humor ist wirklich wie eine Medizin, auch wenn das jetzt wie eine abgenutzte Kalenderweisheit klingt.
Darf man über Corona Witze machen und wenn ja, welche?
Wenn jemand meint, dass ihm das hilft, dann auf jeden Fall. Es war schon immer erlaubt, in Situationen, die einen bedrohen, auch Witze zu machen – das bleibt jedem selbst überlassen. Wir bei Badesalz haben uns bei unserem Projekt „Radio Badesalz“, das wir letztes Jahr ins Leben gerufen haben, aber dafür entschieden, hier Corona gar nicht zu erwähnen. Und das wird von unseren Hörern auch sehr geschätzt. Deshalb werden wir das auch nicht ändern, weil das Thema im realen Leben ja sowieso schon oft nervt. Corona bekommt bei uns keine Bühne. Jeder muss für sich das Thema ja auch so dosieren, wie er es aushält oder es ihm guttut.
Sind die Menschen humortechnisch auch etwas empfindlicher geworden?
Das kann ich mir schon vorstellen. Wir hatten letztens zum Beispiel eine Szene geschrieben, die hatte indirekt mit einer Situation in einem Altenheim und einem Dialog dort zu tun. Eigentlich harmlos. Trotzdem haben wir Bedenken, dass das falsch verstanden werden könnte – in dieser Zeit, in der in den Altenheimen Höchstleistungen vollbracht werden. Man wird dann auch in der Darstellung vorsichtiger, weil es eben sein kann, dass Leute gerade jetzt empfindlicher sind.
Also achtet man als Comedian mehr darauf, über was man Witze macht?
Es ist jetzt nicht so, dass wir vor lauter Bedenken gebückt auf dem Boden kriechen. Aber man macht sich schon Gedanken. Und es ist vielleicht auch ganz vernünftig, dass man vorher mal checkt, ob das jemand in den falschen Hals kriegen könnte, obwohl es nicht so gemeint ist. Und dann schmeißt man es lieber raus. Weil man auch niemanden vor den Kopf stoßen will. Die Zeiten sind momentan empfindlicher. Vor allem wenn die Existenzen von vielen Menschen bedroht sind und andere gerade wahnsinnig anstrengende, aber wichtige Jobs machen. Da sollte man bei dem, was man macht, schon ein bisschen drauf achten, niemanden zu verletzten – aber ohne, dass man sich selbst gedanklich die Schere in den Kopf rammt.
Vergeht auch Ihnen als Comedian aktuell manchmal das Lachen?
Klar, sonst würde das umgekehrt ja auch heißen, dass ich immer nur am Lachen bin. Alle meine Kollegen sind im wahren Leben überwiegend seriöse und angemessen ernsthafte Menschen, die die Welt mit Respekt betrachten. Die natürlich trotzdem ein gutes Humorverständnis und einen guten Humor haben. Wenn ich aber zum Beispiel mit Rick Kavanian quatsche, einem meiner wirklich wichtigen Freunde, dann reden wir jetzt nicht die ganze Zeit nur Quatsch – und mit Gerd bespreche ich sowieso schon immer die ganze Welt. Das ist ja auch Ausdruck unserer jahrzehntelangen Freundschaft!
Ist die Corona-Zeit auch eine Möglichkeit, um kreativer zu werden?
Da muss man fairnesshalber sagen, dass wir als Badesalz diese Möglichkeiten auch schon vor Corona hatten. Und als klar war, dass diese Pandemie nicht so schnell wieder vorbei ist, haben wir halt den Radiosender gegründet. Das können wir machen, weil wir sowieso im Audio-Bereich zu Hause sind. Aber für Komiker, die fast ausschließlich auf der Bühne stehen und keine anderen Möglichkeiten haben, ist das natürlich schwierig. Manche werden bestimmt weiter kreativ sein, aber andere kommen jetzt an Grenzen, gerade, wenn man existenziell extrem bedroht ist. Da ist es dann schwierig, noch kreativ und lustig zu sein.
Wie steht es denn um die Comedy-Branche?
Man hat immer wieder im letzten Jahr gehört, dass die Künstler mehr den Mund aufmachen sollen, man höre überhaupt nichts von denen. Das hat mich wirklich sehr geärgert, was Leute diesbezüglich für einen Quatsch reden. Viele von denen haben überhaupt keine Ahnung, wie es den Künstlern geht, und haben vielleicht Jobs, oder sind selbst nicht so betroffen. Das ist einfach unsensibel. Die Branche hat es schon extrem getroffen. Und das gilt nicht nur für die Künstler, sondern auch für die Tausende von Dienstleistern, die Techniker, die Konzertbüros. Alle haben immense Verluste und große Sorgen.
Gibt es aber etwas, das Sie auch in diesen Zeiten immer zum Lachen bringt?
Die Alltagskomik! Die hat mich schon immer amüsiert. Gerd hat zum Beispiel letztens von zwei hessischen Opas erzählt, die sich über den Impfstoff unterhalten haben. Da meinte der eine wohl: „Ich nehm das aus Mainz, denn ich mocht’ Mainz schon immer. Das von dem Inder, der wo aus Mainz ist.“ „Wie heißt denn der Impfstoff?“ „Scheißegal, der ist aus Mainz.“ Da hat sich der Gerd kaputt gelacht, weil das ein absurder Dialog über sowas Wichtiges wie Impfstoff ist. Aber das ist halt so typisch hessisch: Wir reißen die Klappe auf, egal ob wir Ahnung haben oder nicht. Und das sind Dinge, die einen nach wie vor amüsieren. Das bleibt unverändert komisch, egal was passiert.
Sollten wir also alle versuchen, verstärkt über die kleinen Dinge zu lachen?
Ich kann nur sagen: Mir tut das gut. Aber ich kann den Leuten nicht raten, wie sie durch die Pandemie kommen – das wäre anmaßend. Ich persönlich versuche, mich bei Laune zu halten, weil ich dann leistungsfähiger bin. Und dann kann ich in der Welt zurückgeben, was ihr und den Menschen ein bisschen nützt. Selbst wenn ich sie nur zusammen mit Gerd zum Lachen bringe und unterhalte. Es ist also toll, wenn jemand sagt, dass er trotz allem seinen Humor behalten hat. Das ist Gold wert.

Das Gespräch führte Julia Oppenländer

Das Comedy-Duo Badesalz

Seit Anfang der 1980er Jahre sind Henni Nachtsheim und Gerd Knebel bereits als Comedy-Duo Badesalz unterwegs – damals noch als Badesalz-Theater und als eine reine Nebenbeschäftigung. Inzwischen kennt man die beiden weit über die Grenzen Hessens hinaus. 1992 standen Knebel und Nachtsheim sogar beim Musikfestival Rock am Ring auf der Bühne. Neben zahlreichen veröffentlichten CDs, den unterschiedlichsten Programmen, mit denen sie durch ganz Deutschland getourt sind, und seit vergangenem Jahr auch einer Radiosendung, sind Badesalz mit ihrem typisch hessischen Gebabbel immer wieder beliebte Gäste im Fernsehen und hatten dort unter anderem mit „Och Joh“ (1990) eine eigene Sketch-Show. 

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