Hungerlöhne für Busfahrer

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Ein früherer Fahrer prangert lausige Bezahlung bei Sonnenschein an. Nach seinem Eindruck sind die Busse zudem häufig in Unfälle verwickelt. Unser Bild zeigt einen aus dem Sommer 2008.

Offenbach - Ausgerechnet die Arbeiterwohlfahrt, deren Aufgabe es ist, sozial Schwachen zu helfen, ist in einen Fall von Lohn-Dumping verwickelt: Die Gewerkschaft ver.di wirft der Firma Schulbusse Sonnenschein vor, Busfahrer mit lediglich rund 2,50 Euro je Stunde zu entlohnen. Von Alexander Koffka

Die bundesweit agierende Firma hat ihre hessische Zentrale im Hainbachtal. Wichtigster Kunde ist die AWO-Behindertenwerkstätte. Orange-blaue Sonnenschein-Kleinbusse bringen 330 Behinderte täglich zum Arbeitsplatz und wieder nach Hause. Für die Offenbacher Verkehrsbetriebe übernimmt Sonnenschein zudem am späten Abend den Verkehr auf der Linie 104.

Ein früherer Busfahrer, der die Firma Ende 2008 verließ, macht nun öffentlich, zu welchen Bedingungen Sonnenschein Fahrer beschäftigt. Frank Meyer (Name von der Redaktion geändert) hat ausweislich seiner Unterlagen wöchentlich zwischen 20 und 28 Stunden gearbeitet. Bei den vertraglich vereinbarten 14 Stunden sei es nie geblieben. Überstunden habe er nicht abfeiern dürfen. Pro Arbeitstag mit durchschnittlich fünfeinhalb Stunden erhielt Meyer 13,50 Euro. Der 43-jährige Offenbacher ist Vater dreier Kinder und kann wegen gesundheitlicher Probleme nicht im erlernten Beruf als Bauschlosser arbeiten. Die Familie lebt von Hartz IV. Von den monatlich 330 Euro, die er bei Sonnenschein verdiente, blieben rund 100 Euro. Den Rest behielt die Mainarbeit. Trotz der schlechten Entlohnung habe ihm die Arbeit und der tägliche Kontakt mit den Behinderten Freude bereitet.

Der Leiter der Offenbacher Sonnenschein-Niederlassung ist längerfristig erkrankt, sein Stellvertreter wollte Nachfragen der Redaktion zum Thema nicht beantworten und seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Es gebe auch sonst niemanden, der etwas sagen wolle. Eine vorbereitete schriftliche Erklärung schickte die Firma in die Redaktion. Darin heißt es: „Viele Fahrer arbeiten seit vielen Jahren für Schulbusse Sonnenschein. Es werden Frührentner, Hausfrauen, aber auch Hartz IV-Empfänger beschäftigt, die sich gerne etwas dazu verdienen wollen. Das Entlohnungssystem basiert auf Pauschallöhnen. Überstunden werden in der Regel durch Freizeitausgleich abgegolten. Dass es dabei in Einzelfällen zu sehr geringer Bezahlung gekommen sein kann, ist vorstellbar und auf interne Fehler zurückzuführen.“

Prüfen will nun die Offenbacher AWO, wie die weitere Zusammenarbeit mit Sonnenschein aussehen soll. Geschäftsführer Jürgen Platt kündigte an, das Thema bei der nächsten Aufsichtsratssitzung zu behandeln. Die Behindertenwerkstätte ist ein selbstständig geführtes Tochterunternehmen der AWO und hat sich ebenso wie die Mutter verpflichtet, eigenen Beschäftigten einen Mindestlohn von acht Euro zu zahlen. „Gleichwohl dürfen wir keine Verluste erwirtschaften und müssen Dienstleistungen so günstig wie möglich einkaufen - das hat allerdings Grenzen“, sagte Platt.

Pressesprecher Rudi Schell erläuterte, die Werkstätten hätten bis 2005 einen eigenen Fahrdienst unterhalten. Dann habe der Landeswohlfahrtsverband die Kosten nur noch zum Teil übernommen. Daraufhin habe man die Beförderung der Behinderten extern vergeben, was deutlich billiger sei. Die Erfahrungen mit Sonnenschein seien gut. Die Werkstätten hätten aber weder Einfluss auf noch Einblick in die Entlohnung der Fahrer. Nun will Geschäftsführer Hans-Joachim Uecker das Thema mit den Sonnenschein-Verantwortlichen besprechen.

OVB-Aufsichtsratschef und Stadtkämmerer Michael Beseler (SPD) will nicht, dass Stadtbusse von Fahrern gelenkt werden, die einen Hungerlohn erhalten. Beseler war vor gut einem Jahr auf die Idee gekommen, Sonnenschein-Kleinbusse abends im Linienverkehr einzusetzen. „Es ist ja ökologisch unverantwortlich, dass ein Stadtbus, der 30 Liter schluckt, mit einem einzigen Fahrgast herumfährt.“ Darum habe er die Initiative ergriffen, damit bestimmte Linien von sparsameren Kleinbussen bedient werden. Das spare den Verkehrsbetrieben allerdings kein Geld. OVB-Geschäftsführer Alois Rautschka will heute ein Gespräch mit Sonnenschein führen. Ziel sei eine Vereinbarung über eine „ordnungsgemäße Bezahlung“ der Fahrer. Darunter versteht der OVB-Chef mindestens 7,50 Euro je Stunde.

Nach Angaben des Sekretärs Harald Wagner bereitet die Gewerkschaft ver.di unterdessen eine Strafanzeige gegen Sonnenschein wegen Lohnwuchers vor, also sittenwidrig niedriger Bezahlung. Sofern sich ein bei der Firma beschäftigtes Gewerkschaftsmitglied dazu bereit erklärt, will Verdi gerne auch zivilrechtlich gegen die „skandalöse Entlohnung“ vorgehen.

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