Hungrig auf die Heimat

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Einfach und schnell zubereitet, gesund und vitaminreich – das ist für die Bürgelerin Anna Carletto-Wilhelm gute italienische Küche, wie sie sie in ihrem neuen Kochbuch „Colle Sannita“ vorstellt.

Bürgel ‐ Anna Carletto-Wilhelm hat schon mal was vorbereitet – den Kaffee, das Kaminfeuer, die Bücher. Und ein paar Paprika, Zucchini, Knoblauchzehen. Obwohl das nur für den Fotografen arrangiert ist. Von Barbara Hoven

Wenn die Bürgelerin allein ist mit sich, ihrer Familie, ihren Rezepten, dann sieht das hier, im Wohnzimmer ihres Fachwerkhäuschens im Bürgeler Ortskern, viel weniger nach Kochstudio und in der Küche nebenan viel mehr nach dem Leben aus, das die 55-Jährige zu erzählen hat.

Man kann es jetzt nachlesen. Ihrem Kochbuch „Anna kocht“, erschienen vor fünf Jahren, hat Carletto-Wilhelm gerade zwei weitere Bücher folgen lassen. Das eine, „Colle Sannita – Kultur, Historie, Kulinarik“, ist mehr als eine Rezeptesammlung für Freunde schmackhafter italienischer Hausmannskost. Die Hobby-Autorin hat Anleitungen so gekonnt mit Erinnerungen an ihre italienische Heimat und ihre Begegnung mit der Fremde verwoben, dass man über der Lektüre das Kochen glatt vergessen kann. Und die einzigen Zutaten, die man für das andere – „Nonna Maria erzählt“ – braucht, sind ein bequemer Sessel und die Faszination für Geschichten, „die alle wahr sind, wenn auch ein bisschen gepfeffert“.

Von einem auf den anderen Tag lernen, erwachsen zu sein

Colle Sannita, das kleine Bergdorf unweit von Neapel, in dem Anna Carletto-Wilhelm geboren wurde, hörte 1962 auf, in seiner alten Form zu existieren. Ein schweres Erdbeben zerstörte Häuser und Straßen. Und das Leben seiner Einwohner, wie sie es bis dahin kannten. Da war Anna Carletto-Wilhelm acht Jahre alt und musste von einem auf den anderen Tag lernen, erwachsen zu sein. Noch im selben Jahr kam sie mit Bruder und Eltern nach Deutschland, weil es den Vater, einen Schuhmacher, als Gastarbeiter in die Lederstadt zog. „Das erste Jahr war schwer, wir kannten keinen, sprachen die Sprache nicht, das Essen war schrecklich“, erinnert sie sich. Vor allem Nudeln habe man schmerzlich vermisst, in den 60ern gab es in Deutschland nur eine Sorte Eiernudeln im Tante-Emma-Laden. Aber einmal, da „kam mein Vater glücklich mit einer Dose heim, deren Inhalt er für Spaghetti hielt. Die Enttäuschung war riesig, als die geliebten Nudeln sich als Sauerkraut entpuppten, das uns natürlich gar nicht schmeckte. Wir haben nicht gehungert, aber die Umgewöhnung war nicht leicht.“

Was richtig gut schmecken soll, muss „einfach, frisch und nahrhaft“ sein, befindet Carletto-Wilhelm. Mit viel frischem und vitaminreichem Gemüse. Von Fertiggerichten hält sie nichts. Höchstens mal „eine Dose geschälte Tomaten, wenn die frischen gerade nichts taugen“. Und auch Fleisch spielt in ihren Rezepten keine große Rolle. „In Colle aß man sehr wenig Fleisch, weil das Vieh einfach zu wertvoll war. Die Milch der Kühe war wichtiger.“ Auch Süßes als Nachtisch komme eher selten auf den Tisch, sondern lieber frisches Obst. Alle Gerichte sind einfach und schnell zuzubereiten. Denn „als berufstätige Mutter zweier Söhne musste es oft schnell gehen“.

„Gemein finde ich die Offenbacher Buchhandlungen“

Die Idee, die teils von Mutter oder Großmutter stammenden Rezepte in einem Buch zu veröffentlichen, verdankt sie ihrem Mann Egon, der vor zehn Jahren starb. „Er hat mich immer zum Schreiben ermutigt, ihm zu Ehren schreibe ich weiter.“ Und das mit wachsendem Erfolg. Anfangs sei es nicht leicht gewesen, einen Verlag zu finden, der sich für die Werke einer Unbekannten interessierte. Es hagelte Absagen. Doch als das erste Kochbuch endlich erschien, verkaufte es sich nicht schlecht, und auch die beiden neuen Werke wecken Aufmerksamkeit. Etwa im Oktober, als Carletto-Wilhelm sie bei der Frankfurter Buchmesse vorstellte und 20 Minuten lang daraus lesen durfte. Noch im März folgt die Leipziger Buchmesse, im April geht’s sogar zum „London Book Fair“. Denn „Nonna Maria erzählt“ wurde inzwischen ins Englische übersetzt.

„Colle Sannita – Kultur, Historie, Kulinarik“, Novum-Verlag, 82 Seiten, 18,40 Euro. „Nonna Maria erzählt – Geschichten aus Colle Sannita“, August von Goethe Literaturverlag, 81 Seiten, 11,80 Euro

All das erzählt die freundliche Frau nicht ohne Stolz. Und muss dann eine weniger erfreuliche Geschichte loswerden: „Gemein finde ich die Offenbacher Buchhandlungen. Vor Weihnachten bin ich mit meinen Büchern hingegangen, damit sie diese ins Programm nehmen. Aber ich bin halt nicht berühmt, man kennt mich nicht, darum lehnten alle ab. Das Risiko war ihnen wohl zu groß. Dabei ging mein erstes Buch in Offenbach gut.“ Das nächste Werk hat die leidenschaftliche Schreiberin, die immer Block und Stift parat hat, auch schon in der Mache. Ein Roman soll es werden. Mehr will die Bürgelerin noch nicht verraten.

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