Galerie für junge Kunst in Offenbach

30-jähriges Bestehen: Galerist Thomas Hühsam: „Ich war der Straßenköter, der alles aufwühlt“

Ist in die Kunstszene „reingestolpert“: Thomas Hühsam betreibt in der Frankfurter Straße 61 in Offenbach seit 25 Jahren eine Galerie für zeitgenössische Kunst, davor war er fünf Jahre in Frankfurt aktiv. Foto: Berins
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Ist in die Kunstszene „reingestolpert“: Thomas Hühsam betreibt in der Frankfurter Straße 61 in Offenbach seit 25 Jahren eine Galerie für zeitgenössische Kunst, davor war er fünf Jahre in Frankfurt aktiv. 

Eigentlich wollte Thomas Hühsam in diesem Frühjahr seinen 30. Galerie-Geburtstag feiern. Aber dann kam es anders, wie so oft in seiner Laufbahn.

Offenbach – Pragmatisch – so nennt Thomas Hühsam die Entscheidung, eine Galerie in Offenbach zu eröffnen. Damals, in den 1990ern, hatte die ehemalige Lederstadt keinen besonders attraktiven Ruf, vor allem keinen als Stadt junger Kreativer. „Es gab ‘ne Menge leerer Fabrikgebäude, in die sich Künstler einnisteten“, erinnert sich Hühsam. Ansonsten war das Image der Stadt, na ja, im positiven Sinne nicht vorhanden.

Über seine Pionierarbeit in Offenbach, seine Vision, die Stadt als Kunstort berühmt zu machen und über sein gespaltenes Verhältnis zu seiner Wahlheimat haben wir mit dem 60-Jährigen gesprochen.

Auch Hühsam kam nicht, weil er die Stadt besonders hip fand. Er suchte als alleinerziehender Vater eine Wohnung, die er halb gewerblich für seine Galerie nutzen konnte. Als „Sachsenhäuser Bub“ war das eigentlich eine „absolute Verfehlung“ – seine Familie habe ihm 20 Jahre lang nicht verziehen, dass er seine Kinder dort großgezogen hat, sagt der Galerist.

Wenn Thomas Hühsam von seinen Anfängen in Offenbach erzählt, meint man, neben Euphorie auch Verbitterung rauszuhören – die verbietet sich der Galerist aber. Er hat auf seine Art Frieden geschlossen mit der Stadt, die ihm erst große Chancen bot, und die ihn dann fallen ließ. So zumindest empfindet es Hühsam.

Heute hat der 60-Jährige Kunden in der ganzen Welt, ein großes, internationales Netzwerk, einen sehr guten Ruf, wie er betont. Eigentlich sei er aber damals in das Kunst-Business „reingestolpert“. Der Unternehmersohn eröffnete zuerst in Frankfurt am Sandweg eine Galerie, die Unikate und Kunst verkaufte. 

Als eine Art Nebenbeschäftigung, denn eigentlich war Hühsam bei seinem Vater in der Kaffeerösterei Joerges eingestiegen. Dann verselbstständigte sich das Kunst-Projekt: Der Galerist lernte Leute aus der Szene kennen, seine Verbindungen reichten bald auch nach Berlin. Hühsam vermittelte Künstler aus Frankfurt und Offenbach als Maler an die „East Side Gallery“: Patrizio Porracchia, Stefan Cacciatore und Mirta Domacinovic.

Als Hühsam später in eine ehemalige Lkw-Halle an der Großen Seestraße in Frankfurt umzog, behielt er den Namen der Galerie bei: „Experiment Kunst“. „Eigentlich ist es heute noch immer so“, sagt Hühsam: „Für mich ist Kunst immer ein Experiment.“ 200 Quadratmeter groß war seine Versuchsfläche damals, „irre war das“, sagt Hühsam. Und es gab dort sogar Parkplätze. „Sonst fahren die Kunden drei Mal an dem Laden vorbei, und beim letzten Mal winken die noch und sind dann weg“, erklärt er.

Die Vermutung, er könne einen gewissen Geschäftssinn besitzen, weist der Selfmade-Galerist zurück: „Ich habe nie viel mit Kunst eingenommen.“ Ihm ging es immer um das Wohl der Künstler, um den Menschen, betont er. Ebenso wichtig wie die Kunst sei das Verständnis auf persönlicher Ebene. Hühsam hat ein Faible für eigensinnige Typen, die ihre Wege gehen.

Nennen wir es also strategisches Denken: In einem Frankfurter Luxusmöbelhaus stellte der Galerist Werke seiner Künstler aus, „ein innovatives Konzept“, lobt sich Hühsam heute selbst. Dadurch lernte er einen Sammler kennen, der ihn wiederum mit dem Joseph Beuys- und K.O. Götz-Schüler Christof Kohlhöfer bekannt machte.

Mit ihm stellte Hühsam in Offenbach seine erste Ausstellung auf die Beine: „The Family Feud“ („Familienduell“), so der Titel. Zu sehen waren „Fickszenen mit Bären auf Servietten“, sagt Hühsam lachend. „Wir haben sehr gut verkauft. Da ging es los, dass es anfing zu funktionieren.“

Das war 1995. Rein kulturell sei Offenbach da noch eine Brache gewesen. Seit ein paar Jahren gab es dort immerhin den Ausstellungsraum „Fahrradhalle“, in dem Studierende der Hochschule für Gestaltung (HfG) ihre Kunst zeigten. Geleitet wurde sie von dem Künstler Oliver Raszewski, der später auch das „studio/moschee“, einen Raum für digitale Kunst, betrieb. Hühsam und Raszewski schlossen sich und ihre Locations zum „Netzwerk Offenbach“ zusammen. Es war eine Art Erweckungsmoment: Mit öffentlicher Förderung und Sponsorengeldern konnte sich das „Netzwerk“ auf Messen wie der „Art Frankfurt“ und sogar in der Baden-Badener Kunsthalle präsentieren. „Wir wollten zeigen: Offenbach ist eine geile Stadt“, sagt Hühsam.

Den Absprung von Frankfurt habe er nie bereut. Dort sei alles festgefahren und von Geld und Machtstrukturen durchzogen, das Kunstgeschehen fest im Griff einiger weniger. In der kleinen Nachbarstadt hingegen war die Szene „frisch, neu, kreativ“, das Flair rotzig und dreckig wie in einem „kleinen Berlin“. „Wir, Oliver und ich, haben Offenbach erst richtig in Fahrt gebracht“, sagt Hühsam. Umso herber dann die Enttäuschung.

Der Streit entfachte sich an den „Kunstansichten“, ein Rundgang durch die Ateliers Offenbachs, den Raszewski und Hühsam ins Leben gerufen hatten. Nach ein paar erfolgreichen Durchläufen wurden die „Kunstansichten“ von der Stadt übernommen. „Sie wurden uns abgerippt“ – so sieht es der Galerist. Aus seiner Perspektive ging’s um nicht eingehaltene finanzielle Zusagen, gebrochene Versprechen und Unwahrheiten. Dass seine Arbeitsweise in der Stadt nicht für alle einfach gewesen sei, das kann der Galerist schon nachvollziehen: „Ich war der Straßenköter, ich habe alles aufgewühlt“, sagt er. Was er am meisten bedauert: „Offenbach hätte weltberühmt werden können, mit dem Image als Kunststadt.“

Von da an hatte Hühsam „die Schnauze voll“, aber immerhin als Galerist einen „ziemlich guten Namen“, und er zeigte sich auf Messen in Karlsruhe, Köln und Berlin. Weitere Rückschläge – das Ende der von ihm mitgeführten „Aulich Merkle Stiftung“, die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 19 Prozent für den Verkauf von Kunst und jetzt die Coronakrise – versucht er, gelassen zu nehmen. Einige Werke für seine eigentlich im Frühjahr geplante Jubiläums-Ausstellung konnten wegen des grassierenden Virus nicht mehr geliefert werden – kurzerhand betitelte Hühsam seine Schau um in „Mit Kunst infiziert“. Sie ist jetzt für Besucher geöffnet und läuft bis Ende Mai. Der 30. Galerie-Geburtstag soll im Herbst oder Winter nachgefeiert werden.

Die Lust an der Kunst hat Hühsam zwar nicht verloren, seinen positiven Blick auf die Wahlheimat aber schon ein wenig. „Offenbach ist tot“, sagt er. Eine Reanimation – vielleicht möglich. Dafür müssten sich aber Strukturen ändern, und sich jemand in die Arbeit knien, wie es Hühsam und Raszewski getan haben. „Wenn ich da heute dran zurückdenke, dann denke ich: Boah, das war überirdisch, was wir da gemacht haben! Aber das soll jetzt nicht nach Eigenlob klingen.“

Von Lisa Berins

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