Die Identität wahren

Wie viel Kultur kann sich Offenbach leisten?

Offenbach - Die Aussage am Internationalen Museumstag schreckte den gemeinhin über die städtische Finanznot berichtenden Lokalredakteur auf: „An manchen Tagen sind nur fünf bis zehn Besucher im Haus der Stadtgeschichte“, wurde Museumschef Jürgen Eichenauer zitiert. Von Matthias Dahmer

Ist Kultur also eine hoch subventionierte Veranstaltung für eine Minderheit? Warum schreit niemand auf im klammen Offenbach? Um zu verstehen, wie die Dinge liegen, warum Ausgaben fürs Kulturleben eher selten auf Streichlisten stehen, machen wir uns auf zu einem, der es wissen muss. Zu dem, bei dem die Kulturfäden der Stadt zusammenlaufen.

Ralph Philipp Ziegler sitzt am Schreibtisch seines Eckbüros im repräsentativen historischen Bernardbau an der Herrnstraße. Um ihn herum das, was man gemeinhin mit kreativem Chaos beschreibt; Marien-Statue und Mini-Stereo-Anlage inklusive. Der Blick wandert aus dem Fenster über viel Grün hin zum träge dahinfließenden Main – alles in allem ein standesgemäßer Arbeitplatz für den promovierten Musikwissenschaftler Ziegler, dessen jugendlicher, manchmal ein wenig unbeholfen wirkender Charme so gar nicht zu seinem Titel passt: Leiter des Amts für Kulturmanagement.

Kritisch eingestellter Unbedarfter

Um dem kritisch eingestellten Unbedarften zu erklären, warum beim kulturellen Angebot kein Kürzungspotenzial mehr drin ist, hat Ziegler zunächst eine Anekdote parat: Wenn er bei Treffen mit Kulturschaffenden aus anderen Städten vom Offenbacher Budget berichte, seien die sofort bereit, ihm aus Mitleid das Abendessen zu bezahlen.

Ziegler untermauert die Not mit Zahlen: Unter 78 deutschen Großstädten inklusive der Landeshauptstädte belegt Offenbach in der jüngsten Studie des Statistischen Bundesamts bei den jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für die Kultur den 75. Platz. Mit 33,50 Euro pro Nase und Jahr beziffert der Bericht die Kulturfinanzierung. „In Frankfurt waren es damals 202 Euro, in Darmstadt 106 und in Aschaffenburg 76 Euro“, listet der städtische Kulturmanager auf.

Wie auf vielen anderen Gebieten des öffentlichen Lebens hat Offenbach auch da schon hinter sich, was anderen Kommunen möglicherweise noch bevorsteht. Bereits in den 90er Jahren, sagt Ralph Philipp Ziegler, sei der Etat ins Bodenlose gesunken. Das Theater wurde dicht gemacht, die Ausleihgalerie „Artothek“ und Stadtteilbibliotheken wurden geschlossen, städtische Veranstaltungreihen sind eingedampft. „Und das alles innerhalb weniger Jahre.“ Das sei halt die Notbremse des damaligen Oberbürgermeisters Gerhard Grandke gewesen, dem der Satz zugeschrieben werde, er finanziere den Offenbachern lieber Fahrt und Eintrittskarte zu Frankfurter Einrichtungen, so Ziegler.

Kernfrage und nähe zu Frankfurt

Natürlich, räumt er ein, laute auch heute noch die Kernfrage: Was muss Offenbach angesichts der Nähe zu Frankfurt eigentlich haben? Nur fünf S-Bahn-Stationen bis in die Innenstadt der Mainmetropole – „da ist man doch versorgt, könnte man meinen“, kennt Offenbachs Kulturmanager die Argumente der Zweifler.

Doch diese Frage sei generell zu stellen und müsse damit beantwortet werden, dass Offenbach eine selbstständig Stadt sei, die eigenes Profil und Dinge benötige, die identitätsstiftend wirkten. „Nicht zu vergessen ist, dass es viele ältere Leute gibt, die nicht den Weg in Frankfurter Theater oder Museen auf sich nehmen wollen.“

4,7 Millionen Euro beträgt das jährliche Kulturbudget der Stadt. Davon wird der Betrieb der Einrichtungen und das Personal bezahlt. 20 000 Euro umfasst zum Beispiel der Ausstellungsetat des Hauses der Stadtgeschichte, 10 000 Euro der des Klingspormuseums. „Für ein Museum vom Format des Deutschen Ledermuseums rechnet man im Bundesvergleich mit einem sechs- bis siebenstelligen Ausstellungsetat. Das Ledermuseum hat überhaupt keinen“, sagt Ralph Philipp Ziegler.

Allein beim Einwand der mitunter geringen Nutzerzahlen vermag der Kulturmanager den Banausen nicht zu überzeugen. Da bricht bei Ziegler die innere Überzeugung jener durch, die Kunst und Kultur mit Anspruch für unverzichtbar halten. Es stelle sich halt immer die Frage, ob man Besucher locken oder inhaltliche Tiefe bieten wolle, so Ziegler. So habe das Klingspormuseum zwar vergleichsweise wenige Besucher, dafür aber internationales Niveau.

Im Übrigen, gibt der Kulturchef zu bedenken, hätten Museen abseits von wirtschaftlichen Betrachtungen unter anderem auch den Auftrag, Bildung zu vermitteln und das kulturelle Erbe zu sichern.

Interesse an Kultur

Dass das Interesse an Kultur in einer gebeutelten Stadt wie Offenbach weiter sinken könnte, davor hat Ralph Philipp Ziegler keine Angst. „Kunst, die Jahrhunderte überdauert hat, hat immer das Potenzial, Menschen zu erreichen“, sagt er.

Trotzdem: Wäre eine üppigere finanzielle Ausstattung nicht doch nötig? Es gehe nicht so sehr ums Geld, meint Ziegler. Eher darum, ein kontinuierliches Angebot zu präsentieren. Und es gehe um das Gefühl, dass etwas gewünscht wird. Wozu für ihn definitiv etwa die erfolgreichen Reihen Classic Lounge und Theateressenz gehören.

Irgendwie hat der Redakteur nach einem einstündigen Gespräch das Gefühl, der Kulturmanager Ralph Philipp Ziegler ist mit der Situation, wie sie ist, im Reinen. So sind denn auch seine Visionen eher bescheiden. Was möglich sei an Veranstaltungsreihen, habe man aufgelegt, es müsse lediglich darauf geachtet werden, immer ein gewisses Budget für Sonderaktionen zu haben.

An Ideen, betont Ziegler zum Schluss, mangele es nicht. So sei das Vorhaben einer festen Kunsthalle nicht zu den Akten gelegt, so habe man in den nächsten Jahren weiter interessante Ausstellungen im Blick.

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