Sorgen in Region wachsen

IHK-Geschäftsführerin Mirjam Schwan

Offenbach - Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Offenbach ist besorgt über die Entwicklung in der Ukraine. Etwa 70 Firmen aus Stadt und Kreis seien dort engagiert, erklärte Mirjam Schwan, Geschäftsführerin für den Bereich International bei der IHK.

Nach dem Referendum auf der Krim zeigte sich der Delegierte der Deutschen Wirtschaft in der Ukraine zuversichtlich, dass der Assoziierungs-Prozess mit der Europäischen Union (EU) dennoch weitergeht. Das sagte Alexander Markus in Kiew unserem Redaktionsmitglied Marc Kuhn. Von einem interessanten Absatzmarkt spricht Sergius Klunk von der Egelsbacher Firma Delta Pronatura.

Hat die Annexion der Krim Konsequenzen für Firmen in der Region?

Schwan: Grundsätzlich sehen wir mit Sorge, was dort passiert. Da natürlich die Unsicherheit für die Unternehmen am Standort Ukraine größer wird. Und: Innenpolitisch ist eine Spaltung des Landes aus unserer Sicht schon beschlossen.

Welche Firmen sind vor Ort?

Schwan: Uns sind 70 Unternehmen aus unserem Kammerbezirk bekannt, die dort mit Ex- und Import-Beziehungen vertreten sind oder in der Ukraine eine Produktionsstätte oder Niederlassung haben. Es handelt sich um Unternehmen verschiedenster Branchen, von der Logistik über den Maschinenbau, die Chemiebranche bis hin zur Textil- und Lederwarenproduktion. Bisher hatten wir uns noch keine Sorgen gemacht, jetzt wird das aus unserer Sicht aber kritischer, weil die Rahmenbedingungen in dem Land nicht mehr klar sind. Zudem könnte auch die Energieversorgung auf dem Spiel stehen.

Wie viele Firmen aus Stadt und Kreis sind in Russland vertreten?

Schwan: In unseren Datenbanken sind 114 Unternehmen aus Stadt und Kreis Offenbach registriert, die Geschäfte mit Russland machen. Und: Es gibt zwischen Hessen und Russland sehr intensiven Wirtschaftsbeziehungen. Die Bedeutung Russlands für die hessische Wirtschaft ist sehr groß.

Herr Markus, welchen Stellenwert hat die Wirtschaft der Ukraine für Deutschland?

Markus: Die Beziehungen sind nicht so groß. Es geht um einen Handelsaustausch in einer Größenordnung von sieben Milliarden Euro. Waren für fünfeinhalb Milliarden Euro gehen aus Deutschland in die Ukraine. Für anderthalb Milliarden Euro gehen Waren aus der Ukraine nach Deutschland. Der Handelsaustausch mit Russland ist zehn Mal so groß.

Wie viele deutsche Firmen sind in der Ukraine engagiert?

Markus: Wir gehen von etwa 2 000 Unternehmen aus. Sie beschäftigen sich mit dem Vertrieb von Waren und Anlagen aus Deutschland. Es gibt aber auch Firmen, die hier produzieren. Dabei handelt es sich vor allem um Automobilzulieferer.

Wie viele produzieren?

Markus: 40 bis 50. Das größte Unternehmen ist der Zulieferer Leoni mit rund 5 000 Mitarbeitern. Der größte Investor ist die Metro.

Wie viel ist investiert worden?

Markus: Deutsche Firmen haben rund sieben Milliarden Euro in der Ukraine investiert.

Herr Klunk, was verkauft Delta Pronatura in Osteuropa?

Klunk: Wir verkaufen Reinigungsmittel in der Ukraine. Unsere Ergebnisse haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Die Geschäfte in Russland sind aber natürlich viel größer. Die Perspektiven in der Ukraine waren eigentlich sehr, sehr gut. Jetzt müssen wir umdenken.

Spürt Ihre Firma denn schon Auswirkungen der Ukraine-Krise?

Klunk: Natürlich. Wir sind ständig in Kontakt mit unserem Distributor. Er hat Schwierigkeiten, die Produkte in den Osten der Ukraine zu liefern. Und die Krim ist jetzt eine Art unabhängiger Staat. Da muss man erst sehen, wie die wirtschaftlichen Beziehungen organisiert werden können.

Wir stark ist Delta Pronatura in der Ukraine und Russland vertreten?

Klunk: In der Ukraine erzielen wir einen Umsatz in Höhe von rund 100.000 Euro, in Russland ist es eine Million. Russland gehört zu den Top-Zehn-Ländern, in denen wir vertreten sind. In den Markt in der Ukraine sind wir relativ spät eingestiegen. Erst muss man sich in Russland etablieren, dann kann man in den anderen Ländern im Osten einsteigen.

Frau Schwan, welche Bedeutung hat die Ukraine für die Wirtschaft in Stadt und Kreis Offenbach?

Schwan: Man kann bei der Betrachtung nicht bei der Ukraine allein stehen bleiben. Eine ganze Region ist von den Umwälzungen betroffen. Russland spielt beispielsweise eine sehr große Rolle für die Firmen in Stadt und Kreis Offenbach. Ich denke, die Ereignisse werden nicht nur auf die Ukraine bezogen sein, sondern auf die ganze Region. Deshalb werden die Unternehmen auch der ganzen Region kritischer gegenüber stehen.

Klunk: Das ist definitiv so. Schauen sie unserer Unternehmen an. Unsere Umsätze sind in der Ukraine nicht so groß. In Russland sind die Erlöse dagegen wesentlich bedeutender. Der Konflikt hat Einfluss auf alle Länder der ehemaligen Sowjetunion.

Wie schlägt sich das nieder?

Klunk: Die Währung in Russland ist sehr schwach. Das hat beispielsweise unmittelbare Auswirkungen auf Kasachstan. Auch die Ukraine hängt am Rubel. Fast alle Länder in der ehemaligen Sowjetunion folgen dem Kurs des Rubels. Das wirkt sich auf das Geschäft unserer Firma aus.

Welche Probleme sehen Sie?

Schwan: Wenn die prorussische Stimmung sich durchsetzt, könnte das auch das Konsumverhalten ändern. In Teilen der Ukraine könnten dann eher russische Produkte als europäische nachgefragt werden. Das könnte sich auf die Geschäfte der in die Region exportierenden Firmen auswirken.

Hat die Krim überhaupt eine Bedeutung für die deutsche Wirtschaft?

Klunk: Die Krim hat eigentlich keine Bedeutung für die Wirtschaft. Es gibt dort kaum Industrie. Das ist eher ein Kurort. Die Frage ist aber: Wo endet die Strategie von Herrn Putin? Wenn es in der Ostukraine ähnliche Betrebungen gibt wie auf der Krim, dann ist das ein Riesenproblem. Dort gibt es Industriegebiete.

Frau Schwan, was raten Sie Firmen, die in der Ukraine engagiert sind?

Schwan: Sie sollten sich bei Experten vor Ort über die Situation informieren - zum Beispiel bei der Delegation der Deutschen Wirtschaft vor Ort. Die Mitarbeiter der Delegation wissen, wie die Rahmenbedingungen sind. Die Unternehmen sollten sich auf keinen Fall von der hiesigen Berichterstattung abschrecken lassen, sondern andere Quellen zu Rate ziehen.

Es gibt auch generelle Probleme wie die schlechte Infrastruktur und die Korruption.

Schwan: Damit müssen sich die Unternehmen grundsätzlich auseinandersetzen, die sich für einen Markteintritt in die Ukraine interessieren, nicht erst seit der aktuellen Krise

Klunk: Die Ukraine war noch nie ein ruhiges Land, um Geschäfte zu machen. Ohne lokale Partner ging das noch nie. Blauäugig darf man nicht sein.

Ihre Firma hält am Engagement in der Ukraine fest?

Klunk: Definitiv. Die Ukraine ist nach Russland das zweitgrößte Land im Osten mit etwa 45 Millionen Einwohnern. Das ist ein interessantes Land.

Wir sieht es mit dem Handel mit Russland aus?

Schwan: Ich denke, die Wirtschaft wird relativ unbeeindruckt von dem sein, was sich auf der politischen Bühne tut. Die Handelsverbindungen sind sehr stark. Die Unternehmen schauen aber auch mit Besorgnis darauf, was sich auf der politischen Ebene ereignet.

Herr Markus, die Ukraine ist das Armenhaus Europas. Sie steht vor dem Staatsbankrott. Welche Folgen hätte das?

Markus: Das ist die Gretchenfrage. Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) über Hilfen laufen. Wenn das gelingt, kann der Staatsbankrott abgewendet werden. Dann könnten sich die Geschäfte in der Ukraine wieder dynamischer entwickeln.

Sie sehen mehr Chancen als Risiken?

Markus: Die Risiken sind da. Es gibt aber eine neue Regierung, die verspricht, die Korruption zu bekämpfen. Sie verspricht transparente Regeln, die für alle gleich sein sollen. Das hört sich gut an. Man muss sie aber an den Taten messen. Sie sprechen vom Armenhaus Europas. Das ist aber auch eine wahnsinnige Chance für das Land. Man findet an der Grenze Europas keine anderen Länder, in denen man so geringe Löhne zahlen muss wie in der Ukraine. In der Westukraine gibt es Standorte, die liegen 40 oder 50 Kilometer von der EU-Außengrenze entfernt. Es gibt keine langen Transportwege. Mit der EU-Assoziierung fallen dann auch die Zollbarrieren weitestgehend weg.

Glauben Sie, dass der Assoziierungs-Prozess angesichts des Drucks der russischen Regierung weiter laufen wird?

Markus: Da bin ich ziemlich sicher. Der Druck ist da. Die Regierung will aber möglichst schnell unterzeichnen.

Es gab Proteste in der Ostukraine. Wird sie das gleiche Schicksal ereilen wie die Krim?

Markus: Das ist eine schwierige Frage. Ich hoffe, dass das nicht passiert. Denn dann wird es einen militärischen Konflikt geben.

Wenn die EU auf die Ukraine zugeht, wird es wohl Transferleistungen geben. Ist die Ukraine nicht ein Fass ohne Boden?

Markus: Bisher sprechen wir von Krediten und kurzfristigen Hilfen. Die elf Milliarden Euro, die von der EU angeboten wurden, sind nicht liquide Mittel. Sie sind an die Hilfen vom IWF gekoppelt. Das ist der Hauptansprechpartner.

Die Wirtschaft in der Ukraine stagniert seit zwei Jahren. Wie geht es weiter?

Markus: Die Stagnation hing auch damit zusammen, dass man nicht wusste, in welche Richtung sich die Ukraine entwickeln wird. Mein Eindruck ist, dass die Chancen für eine EU-Anbindung nach der Abspaltung der Krim gestiegen sind. Alle Stimmen, die ich hier höre, sagen: Wir gehen in Richtung Westen. Vielleicht werden wir in zehn Jahren sagen, dass der russische Präsident Putin der beste Wirtschaftsförderer der Ukraine war, weil der das Land auf einen Weg gebracht hat, auf dem Länder wie Polen oder Tschechien Anfang der 90er Jahre gestanden haben. Heute ist Polen ein Musterkind der Europäischen Union.

Das Krim-Referendum in Bildern

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