Zwei Männer aus Offenbach sollen illegale Einwanderer als Prospekte-Verteiler wie Sklaven gehalten haben

„Wir führten ein Hundeleben“

Darmstadt/Offenbach - Sie sollen Flüchtlinge aus Afghanistan und Pakistan ohne Arbeitserlaubnis unter „menschenunwürdigen Bedingungen“ in ihrer Firma beschäftigt haben: Gestern hat der Prozess gegen die beiden 50 und 58 Jahre alten mutmaßlichen Täter vor dem Landgericht Darmstadt begonnen. Von Christina Lenz 

Die Anklage lautet auf Verstoß gegen das Schwarzarbeiterbekämpfungsgesetz. In Handschellen werden die beiden Männer aus Offenbach in den Gerichtssaal geführt. Während des ersten Prozesstages sprechen die Angeklagten nur mit ihren Anwälten und würdigen einander keines Blickes. Dabei müssten sie sich eigentlich gut kennen. Denn zwischen Juli 2012 und August 2013 sollen die beiden Firmenchefs in enger Zusammenarbeit illegale Einwanderer als billige Prospekte-Sortierer und -verteiler in einer Lagerhalle in Obertshausen, später in Heusenstamm beschäftigt haben. Die beiden Männer hätten die Zwangslage ihrer Opfer ausgenutzt und ausschließlich aus Eigennutz gehandelt, sagte Staatsanwalt Robert Hartmann. In Schichten von bis zu 24 Stunden hätten die jungen Männer ohne Krankenversicherung und festem Wohnsitz Prospekte sortiert und im gesamten südhessischen Raum verteilt. Manchmal hätten die Arbeiter nur drei bis fünf Stunden geschlafen. „Bis zu 22 Personen haben in einer Lagerhalle auf dem Boden und auf Pappkartons geschlafen. Zu essen bekamen die Arbeiter einmal am Tag, ein Stück Pizza oder zwei Eier“, hieß es in der Anklage. Einige hätten von Misshandlungen und Beschwerden wie Juckreiz oder starkem Gewichtsverlust aufgrund der widrigen Lebensbedingungen berichtet. Rund 30 Euro hätten die Arbeiter für ihren langen Arbeitstag bekommen, ein Stundenlohn von 2,50 Euro. „Die Beschäftigten waren aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen hilflos“, so Staatsanwalt Hartmann.

Angeklagter: „Habe mich missbrauchen lassen.“

Stellung zu den Vorwürfen nahm nur der Angeklagte R., der als Inhaber der Firma fungierte. In einer Erklärung, die sein Anwalt verlas, beteuerte R., dass er nichts zu sagen gehabt habe und lediglich als „Strohmann“ eingesetzt worden sei. Der Angeklagte D. habe ihn mit einem besseren Verdienst als Inhaber in die Firma gelockt, für die er zuvor als Fahrer gearbeitet habe. „Leider war ich dumm genug, mich missbrauchen zu lassen.“ Danach hätte es für ihn keine Möglichkeit mehr gegeben auszusteigen, was er mehrfach versucht habe. Eigentlicher Drahtzieher sei die Firma Egro gewesen, die von der illegalen Beschäftigung gewusst habe: „Wir sollten die Dinge machen, mit denen sich die Firma Egro nicht die Finger schmutzig machen wollte.“ R. soll als Subunternehmer für die Egro Direktwerbung GmbH in Obertshausen gearbeitet haben. Der Prozess richtet sich aber nicht gegen diese Firma.

Der Angeklagte betonte, dass die Arbeiter freiwillig, meist aus Italien gekommen seien. Er habe den illegalen Flüchtlingen die eigene Wohnung für 100 Euro untervermietet. Mit der Beteuerung: „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich mich in dieser Sache als Strohmann für unsaubere Geschäfte hergegeben habe“, endete seine Erklärung. Der Angeklagte D. äußerte sich zunächst nicht.

Einer der Nebenkläger, der als Einwanderer aus Afghanistan über Italien nach Frankfurt gekommen war, beschrieb neben dem schweren Arbeitsalltag auch Auseinandersetzungen mit seinen Chefs. Der Angeklagte R. habe bei einem Streit seinen Lohn zerrissen und ihn festgehalten, während ein anderer ihn geschlagen habe. Mitarbeiter seien angeschrien worden, wenn sie wegen starker Müdigkeit Fehler gemacht hätten. „Wir haben ein Hundeleben geführt“, sagte er via Dolmetscher. Für den Prozess sind insgesamt vier Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil wird am 9. April erwartet. Den Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Lampedusa: Flüchtlingselend in Italien

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